JACKIE BROWN (1997) von Quentin Tarantino

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Jackie Brown (Quentin Tarantino, 1997)

“Als ich 1972 nach Los Angeles kam, sah ich aus wie die letzte Landpomeranze. Ich kaufte mir Rock und Bluse und fragte, ob es möglich sei, die Kleidung anzuprobieren. Man verstand meine Frage überhaupt nicht. Aber da, wo ich herkam, konnte ich die Sachen nur mit nach Hause nehmen, im Kaufhaus anprobieren durfte ich sie nicht” Pam Grier, 1998.

Ein Jahr nach der Veröffentlichung von Quentin Tarantinos drittem Film Jackie Brown sagte Pam Grier in einem Interview: “Ich schloß einen Pakt mit Quentin. Wir versicherten uns, einander nicht fallenzulassen. Er wußte, daß ich die ganze Pam mit meiner Krankheit, den Todesfällen in meiner Familie, meinen Erfolgen und Niederlagen der letzten zwanzig Jahre in diese ‘Jackie Brown’ hineinwerfen würde. Diese Rolle hätte ich zu keinem anderen Zeitpunkt spielen können, sie besitzt alles, was ich an Weisheit, Menschenverstand und Instinkt gelernt habe. Nicht nur das. Ich habe auch meine Mutter, meine Großmutter, meine Tanten und Freundinnen mit in diese Rolle gepackt. Alles Frauen, die sich gegen Widrigkeiten behauptet haben.” Und Pam Grier hatte sehr viel in diesen Film hineinzuwerfen. Seien es die Erfahrungen ihrer schwierigen Ehen u.A. mit dem Basketball-Star Kareem Abdul-Jabbar oder dem Stand-up comedian Richard Pryor, ihre Diagnose eines Gebärmutterhalskrebses 1988 (die Ärzte gaben ihr damals nur noch 18 Monate zu leben) und vor allem ihre Erfahrung des Abstiegs von einem Kino-Star und einer Identifikationsfigur insbesondere für schwarze Frauen in Standard- und Nebenrollen in zumeist nur wenig interessanten Filmen und einigen Fernsehserien.

Grier hatte bei Tarantino bereits für dessen Kult-Hit Pulp Fiction (1994) vorgesprochen, für die Rolle, die dann Rosanna Arquette erhalten sollte, in dessen Büro, in dem sie zu ihrer Verwunderung feststellen musste, dass der Regisseur dort die Plakate ihrer Blaxploitation-Hits aus den 70ern aufgehangen hatte. Tarantino, der Schauspieler-Regisseur, versprach Pam Grier, wieder auf sie zurückzukommen, falls er eine passende Rolle für sie hätte.

Pam Grier (mit Fred Williamson) und Robert Forster in: Original Gangstas (Larry Cohen, 1996)

Quentin Tarantino hält Jack Hill – den Autor und Regisseur von Big Doll House (1971), The Big Bird Cage (1972), Coffy (1973) und Foxy Brown (1974) mit Pam Grier – für “einen der größten lebenden amerikanischen Regisseure” und es ist an seinem Stil wie an seinen Dialogen nur allzu offensichtlich, dass ihn nicht nur Jack Hill, sondern auch Pam Grier und das gesamte Blaxploitation-Kino der 70er Jahre seit seiner Jugend tief geprägt hat. Gemäß seinem Credo, “Stars wie Schauspieler und Schauspieler wie Stars zu behandeln”, hat Tarantino mittlerweile Berühmtheit dafür erlangt, ehemalige Stars – auch aus dem von ihm so geliebten Exploitation-Kino – in das Rampenlicht des erfolgreichen Mainstream-Kinos zurückzuholen, seien es John Travolta für Pulp Fiction oder auch David Carradine für Kill Bill – Volume 1/– Volume 2 (2003/2004). Tarantino ist, wie ich es bereits in meiner Besprechung zu dessen Grindhouse: Death Proof (Death Proof – Todsicher, 2007) geschrieben habe, auf seine Art ein Pop-Art-Regisseur, ihm geht es “um das Spektakel, um das freie Spiel mit Zeichen, Zitaten, Ikonen und Identitäten, die auf einen sich selbst genügenden, perfekten Schein, auf Ruhm und Glamour aus sind.”

Und er “hat diese Pop-Art-Attitüde in seinem schmalen Werk über die Jahrzehnte nur zweimal verlassen”, eben mit  Grindhouse: Death Proof sowie zuvor mit Jackie Brown dank Pam Grier, “deren Filmleben sowie reales Leben den Film zu einem Statement jenseits von Tarantinos Zeichen- und Pop-Art-Universum machte.” Es ist anzunehmen, dass es nicht nur der hier bereits zitierte “Pakt” Pam Griers mit Tarantino gewesen ist, wie auch der enorme Einfluss Jack Hills auf seine Art Dialoge zu schreiben und zu inszenieren, sondern dass auch ein Film wie Original Gangstas (Larry Cohen, 1996) Tarantino unmittelbar für seine Besetzung inspiriert haben dürfte. Denn in dem ein Jahr zuvor veröffentlichten Film, in dem Larry Cohen – u.A. der Regisseur des AIP-Blaxploitation-Klassikers Black Caesar (Der Pate von Harlem,1973) – sämtliche großen Blaxploitation-Stars der 70er wie Pam Grier (“Coffy”, “Foxy Brown”), Fred Williamson (“Hammer”, “Black Ceasar”), Jim Brown (“Slaughter”), Richard Roundtree (“Shaft”) und Ron O’Neal (“Superfly”) noch einmal vor der Kamera versammelte, spielte Pam Grier bereits zusammen mit Robert Forster.

Jackie Brown: mit Sid Haig

“Eine Ikone. Ein Statement der Ästhetik des Black cinema sicherlich, vor allem aber ein trotziges Statement der Würde, der Stärke, der Selbstbehauptung. Sobald Pam Grier in der Titelsequenz von Jackie Brown zu Bobby Womacks ‘Across 110th Street’ die Leinwand passiert, sind alle Maßstäbe verschoben” – so hatte ich die Inszenierung Tarantinos seiner Hauptdarstellerin Pam Grier zu Beginn in “Pam Grier’s Soul Cinema der AIP” beschrieben. Natürlich ist Jackie Brown ebensowenig ein AIP-Film (sondern einer der Miramax) wie ein reiner Blaxploitation-Film, sondern ein Heist Movie nach der Romanvorlage Elmore Leonards, doch Tarantino betonte selbst, dass die Blaxploitation “den Ton des Films bestimme”, sein Referenz-Universum, inklusive des kleinen Schwenks in die Woman in Prison-Filme Jack Hills mit Pam Grier, ganz von den Filmfiguren und der realen Person Pam Griers beherrscht wird:

Jacqueline “Jackie” Brown (Pam Grier) ist eine 44-jährige Stewardess aus L.A., die bei einer kleinen, miesen mexikanischen Fluggesellschaft arbeitet und sich ihr schmales Gehalt – wie wir später erfahren 16.000 Dollar im Jahr “und einen Rentenanteil, der einen verfluchten Dreck wert ist” – mit Geldwäsche aufbessert: sie nutzt ihren Job, um für den schwarzen Waffenhändler Ordell Robbie (Samuel L. Jackson) dessen Geld zwischen den USA und Mexiko zu verschieben. Nach der ikonenhaften Inszenierung von Pam Griers Titelfigur zu Beginn, zeigt uns Tarantino zunächst über lange Zeit die anderen Figuren und baut geschickt Konstellationen auf, die erst später wieder auf Jackie Brown zulaufen werden. Ordell arbeitet für seine Waffengeschäfte mit seiner weißen Freundin, der Kifferin Melanie (Bridget Fonda) und dem etwas schlichten, gerade aus dem Knast entlassenen Louis (Robert De Niro) zusammen. Als ein weiterer Mitarbeiter Odells, der Schwarze Beaumont Livingston (Chris Tucker) wegen illegalen Waffenbesitzes festgenommen wird, beauftragt Ordell zunächst den den Kautionsagenten Max Cherry (Robert Forster) damit, Beaumont aus dem Gefängnis zu holen.

Jackie Brown: mit Robert Forster

Da Ordell befürchtet, Beaumont würde seine Geschäfte vor der Staatsanwaltschaft aufliegen lassen, legt er diesen kuzerhand nach seiner Haftentlassung um. Inzwischen wurde auch seine Geldbotin Jackie Brown von dem ATF-Beamten („Amt für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoffe“) Ray Nicolette (Michael Keaton) und Mark Dargus (Michael Bowen) vom LAPD am Flughafen mit 50.000 Dollar Schwarzgeld und einer Tüte Kokain festgenommen. Die beiden bieten Jackie Brown einen Deal an, um ihren Auftraggeber zu fassen, doch sie lehnt zunächst ab. Jackie Brown wird dem Haftrichter (Sid Haig) vorgeführt und kommt in den Knast – begleitet vom Titelsong von Jack Hills Big Doll House (1971) “Long Time Woman”, gesungen von Pam Grier.

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SCREAM BLACULA SCREAM (1973) von Bob Kelljan

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Scream Blacula Scream (Der Schrei des Todes, Bob Kelljan, 1973)

“Die ersten vier Filme machte ich, um mir die Studiengebühren zu verdienen, denn ich ging von der Universität in Colorado an die Filmschule in Kalifornien. Es war sehr teuer und als Studentin von Außerhalb musste ich fünf Jobs gleichzeitig machen, um die Schule absolvieren zu können” – Pam Grier, 2008.

In den sechziger Jahren hatte die “American International Pictures” (AIP) als unabhängige Produktionsfirma vor allem mit ihren Horrorfilmen große Kassenerfolge erzielt. Vincent Price war der Star dieser Filme, in Roger Cormans Poe-Verfilmungen ebenso, wie in mit englischen Studios aus Kostengründen koproduzierten Filmen wie Witchfinder General (Der Hexenjäger, Michael Reeves, 1968) oder The Abominable Dr. Phibes (Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes, Robert Fuest, 1971). Anfang der siebziger Jahre verließ Roger Corman die AIP und Price wurde für die Produktionsfirma allmählich zu teuer. Die AIP versuchte daher mit Robert Quarry einen neuen Horrorstar aufzubauen – mit Filmen wie Count Yorga, Vampire (Junges Blut für Dracula, Bob Kelljan, 1970) – sowie mit neuen Regisseuren wie Jack Hill, Bob Kelljan oder William Girdler die Blaxploitation-Welle kommerziell auszubeuten.

William Marshall

Für Studio-Boss Samuel Z. Arkoff und dem neuen Produktionsleiter Larry Gordon schien es nun naheliegend, das altbekannte Horrormuster der AIP, das allmählich seine Anziehungskraft verlor (Robert Quarry erwies sich als notorisch uncharismatisch), mit der extrem erfolgreichen Blaxploitation zu verbinden. Mit Blacula (William Crain, 1972) wurde so das Vampir-Thema von der AIP für das schwarze Publikum adaptiert, mit Blackenstein (William A. Levey, 1973) das Frankenstein-Thema sowie mit Sugar Hill (Die schwarzen Zombies von Sugar Hill, Paul Maslansky, 1974) das Zombie-Thema. William Girdlers Abby von 1974 (Arbeitstitel: “The Blaxorcist”) sollte zudem noch vom Erfolg von The Exorcist (Der Exorzist, William Friedkin, 1973) profitieren. Blackenstein und Sugar Hill wurden dabei – sogar gemessen an AIP-Standards – sehr schwache, geradezu stümperhafte Filme, Abby musste nach einer Urheberrechtsklage von Warner wieder aus den Kinos genommen werden und nur mit Blacula und dessen Sequel Scream Blacula Scream gelangen der Firma zwei wirklich interessante Crossover-Filme, die das “weiße” Dracula-Motiv mit dem neuen Soul Cinema verbanden. Blacula-Regisseur William Crain drehte zudem gegen Ende der Blaxploitation-Welle noch eine Adaption von Robert Louis Stevensons Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Roman für das schwarze Publikum: Dr. Black, Mr. Hyde (Das Monster von London, 1976).

Pam Grier

Zur Handlung: Bevor die Voodoo-Priesterin Mama Loa stirbt, bestimmt sie noch Lisa Fortier (Pam Grier) zu ihrer Nachfolgerin, sehr zum Unwillen von Mama Loas Sohn Willis Daniels (Richard Lawson). In einer Rückblende auf Blacula sehen wir, wie der schwarze Prinz Mamuwalde (William Marshall) von einem weißen Vampir selbst zu einem Vampir – zu „Blacula“ – gemacht wurde, ein Fluch der Weißen, der nun auf ihm lastet. Willis Daniels hat Blaculas Gebeine erworben und erweckt den Untoten in einem magischen Ritual wieder zum Leben, um mit ihm Lisa zu beseitigen. Die Wiedererweckung gelingt, doch Daniels wird Blaculas erstes Opfer. Der Vampirismus verbreitet sich nun immer mehr, so dass der ehemalige Polizist und Sammler okkulter afrikanischer Kunst Justin Carter (Don Mitchell) misstrauisch wird und Sheriff Harley Dunlop (Michael Conrad) vom Unwesen der Vampire zu überzeugen versucht.

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BUCKTOWN (1975) von Arthur Marks

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Bucktown (Arthur Marks, 1975)

„Ich war ein zorniges Ding. Ich verkörperte wirklich das, was in den Köpfen von Frauen, insbesondere von schwarzen Frauen vorging“ – Pam Grier, 2000.

Ben Johnson, Besitzer einer kleinen Bar in „Bucktown“, ist gestorben. Sein Bruder Duke Johnson (Fred Williamson) reist an, um an der Beerdigung teilzunehmen und den Nachlass Bens zu regeln. Auf der Beerdigung trifft Duke Bens ehemalige Geliebte Aretha (Pam Grier), den kleinen Steve (Tierre Turner) und Bens Freund Harley (Bernie Hamilton), ein ex-Footballstar, der zum Alkoholiker geworden ist. Doch Duke kann die Stadt nicht wieder so schnell verlassen, wie geplant. Der Nachlassverwalter verlangt von ihm, zwei Monate zu bleiben, bevor er die Bar seines Bruders übernehmen und verkaufen kann.

Auf Zureden von Aretha, Harley und Steve macht Duke die Bar also wieder auf. Doch dann treten die ersten Schwierigkeiten auf und Duke erfährt die Wahrheit: da sein Bruder keine Schutzgeld an die korrupte, weiße und rassistische Polizei zahlen wollte, musste er sterben. Duke nimmt jetzt den Kampf gegen die Polizei auf, die auch ihn unter Druck setzt, holt dafür sogar seinen Freund Tat Roy (Thalmus Rasulala) mit seiner Bande nach „Bucktown“. Doch als Tat Roy extrem brutal gegen die korrupte Polizei vorgeht und jemanden hinterücks erschießt, statt ihm nur einen Denkzettel zu verpassen, kommen Duke die ersten Zweifel.

Tatsächlich wittert Tat Roy das große Geschäft und plant „Bucktown“ mit seiner Bande selbst zu übernehmen. Als schließlich Aretha, mit der er inzwischen selbst angebandelt hat, von Tat Roy ins Visier genommen und Harley von dessen Männern sogar schwer verletzt wird, nimmt Duke gegen den Gangster nun den Kampf auf. Auch Aretha stellt den Geld- und Machtbessenen Roy furchtlos zur Rede, doch erst Duke und der kleine Steve machen dem Spuk in einem Panzerspähwagen ein Ende und befreien „Bucktown“ von Roys Bande.

Der in Missouri (in Kansas und Platte City) gedrehte Bucktown ist unter den vielen von der AIP in den 70ern produzierten oder vertriebenen Blaxploitation-Filme einer der konventionellsten Action- und Urban-Crime-Thriller. Er ist auch der erste Film, in dem sich da jähe Ende von Pam Griers Status als die weibliche Blaxploitation-Ikone ankündigte. Ihre Rolle in Bucktown beschränkt sich auf die des Love-Interest von Fred Williamson, ihre Aufgabe ist es im Wesentlichen, an Williamsons Seite gut auszusehen und nicht viel mehr als den sexy sidekick zu geben und die Handlung „emotional“ voranzutreiben.

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FOXY BROWN (1974) von Jack Hill

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Foxy Brown (Jack Hill, 1974)

“Die 70er waren eine Zeit der Freiheit und Frauen sagten, sie wollten Selbstbestimmung. Es gab damals mehr Selbstbestimmung und Selbstfindung als in jedem anderen Jahrzehnt, an das ich mich erinnern kann. Überall im Land waren Frauen Foxy Brown und Coffy. Sie waren unabhängig, kämpften für das Wohl ihrer Familien, akzeptierten keine Vergewaltigungen oder Opferrollen mehr. Und dies geschah im ganz Land. Ich selbst habe es nur auf die Leinwand gebracht. Ich glaube nicht, dass es dafür viel Talent oder Fantasie gebraucht hat. Ich habe es lediglich zum Ausdruck gebracht, es der Gesellschaft zurückgespiegelt” – Pam Grier, 2006.

“Revenge is a virtue
You stood up like you should
Standing up strong
Like we all wish we could
You’re a shining symbol
A shining symbol
Of black pride
You’re a new breed
A future seed
A new breed
Of black pride, yah!”

Mit diesem programmatischen Refrain von Roy Ayers’ Song “Shining Symbol“ endet Coffy von 1973 – während das Bild eingefroren und Pam Grier als „Coffy Coffin“ in der Abenddämmerung am Strand wie eine neue Kino-Ikone inszeniert wird –, der Film, mit dem Jack Hill und Pam Grier ein Jahr zuvor nicht nur einen kommerziellen Überraschungshit landeten – der Film schaffte es sogar kurzzeitig auf Platz 1 der US-Kino-Charts -, sondern eine Statement abgegeben haben, dessen Bedeutung für Millionen schwarze Kinobesucher allen Beteiligten vielleicht erst nach und nach so richtig bewusst wurde und garnicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Foxy Brown sollte dann ursprünglich auch ein Sequel zu Coffy werden und “Burn, Coffy, Burn” heißen, doch die Verantwortlichen der AIP hielten Sequels für kommerziell weniger erfolgversprechend, so dass Regisseur und Autor Jack Hill die Erzählung des Vorgängers auf die neue Figur „Foxy Brown“ umschrieb. Und mit Foxy Brown wurde Pam Grier tatsächlich und endgültig zu einem „Shining Symbol“, exakt so, wie es Roy Ayers’ im Refrain seines wunderbaren Funk’n’Soul-Songs beschrieben hatte. Nun erhällt sie von Jack Hill ihre Star closeups, bestimmt ihre Garderobe vollkommen selbst, verlangt nicht nur mehr Honorar – nicht gerade zur Freude von AIP-Chef Sam Arkoff –, sondern auch erheblich mehr Einfluss auf die Gestaltung ihrer Rolle – seinerzeit noch nicht gerade zur Freude Jack Hills, der der Ansicht war, ihre Garderobe würde von ihrem Gesicht ablenken.

Zur Handlung: Lincoln “Link” Brown (Antonio Fargas) ist in Schwierigkeiten, zwei Schläger Eddie (Tony Giorgio) und Bunyon (Fred Lerner) versuchen ihn des Nachts an einem Taco-Stand kalt zu machen. Er ruft verzweifelt seine Schwester Foxy Brown (Pam Grier) an, die ihn äußerst rüde gerade noch einmal herausholt. Link ist auf die schiefe Bahn geraten, heroin- und spielsüchtig, schuldet er dem örtlichen Drogen- und Callgirlring um Miss Katherine (Kathryn Loder) und ihren Lover Steve (Peter Brown) eine hübsche Summe Geld. Foxy Brown ist mit dem Drogenfahnder Michael Anderson (Terry Carter) zusammen, der sich nach einem Undercover-Einsatz einer Gesichtsoperation unterziehen ließ, um fortan unerkannt zu bleiben, nachdem er seinen Job beendet hat.

Doch trotz der eindringlichen Warnung von Foxy Brown, kann Link nicht von den Drogen lassen und verrät Andersons neue Identität an die Gangster. Die erschießen Anderson und bringen bald darauf auch Link um. Foxy Brown sinnt nun auch Rache und verschafft sich als vermeintliches Luxus-Callgirl Zugang zum inneren Kreis von Miss Katherines Organisation. Gemeinsam mit dem Callgirl Claudia (Juanita Brown) wird sie von Miss Katherine auf den Richter Fenton (Harry Holcombe) angesetzt, um die Dealer der Organisation frei zu kaufen.

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SWITCHBLADE SISTERS (1975) von Jack Hill

Switchblade Sisters (Die Bronx-Katzen/Die Switchblade Sisters, Jack Hill, 1975)

Was hätte man schon erwarten sollen, als man sich seinerzeit in der “verbotenen” ab 18-Abteilung der Videothek eine Videokassette von EuroVideo aus dem Regal gezogen hatte, die den Titel Die Bronx-Katzen trug und auf der Vorne mit: “Mütter versteckt eure Söhne – Die ‘Bronx-Katzen’ sind los!” und Hinten mit: “Sie lieben bei Tag – und killen bei Nacht!” geworben wurde? Auf jeden Fall erwartete man nichts Unerwartetes, die Leihgebühr musste sich in entsprechender Unterhaltung durch Schau- und Sensationswerte mittels Gewalt, Sex, Action und vielleicht noch ein paar cooler Sprüche rentieren. Die Synchronisation dieses Films – wie auch die vieler, vieler anderer Filme -, gab sich dann auch reichlich Mühe, diese Erwartungshaltung nicht zu enttäuschen.

Othello: Robbie Lee

Eine Videokassette von Hunderten, Tausenden, eine Wochenendunterhaltung für ein paar Mark von so vielen. Die Videokassette von Die Bronx-Katzen verschwand hiernach wieder ebenso in der Ramschverkauf-Abteilung der Videothek, wie Switchblade Sisters selbst im Orkus einer Filmgeschichte, in die den Film offiziell aufzunehmen aber nun auch wirklich niemand auf die Idee kam. Nun ja, wenn dann aus reiner Chronistenpflicht doch, dann eben so: “Dilettantisch inszenierter und gespielter Film um eine New Yorker Schulmädchen-Gang, deren einziges ‘Lernziel’ die Ausübung von Gewalt ist. Ein Zeugnis menschenverachtender Gesinnung” (Lexikon des internationalen Films).

Was man nicht erwartete, weil man es nicht kannte, kennen wollte, oder schlicht noch nicht kennen konnte, war ein kleines Film-Wunderwerk, Shakespeares Othello (1603/1604) und ein gutes Stück des Kinos Quentin Tarantinos. Nun hat sich Letzterer alle Mühe gegeben, dies nachträglich zu ändern, mit seinem Werk, das seine Quellen in der “Video Archives”-Videothek im kalifornischen Manhattan Beach hatte, in der er als Archivar tätig war, aber auch mit seiner kleinen, nur kurz bestehenden eigenen Verleih-Firma “Rolling Thunder Pictures”, die auch Switchblade Sisters 1996 wieder in die Kinos brachte und auf DVD neu veröffentlichte.

Cassio: Joanne Nail

Dessen Regisseur Jack Hill hat Tarantino dann ein Jahr später mit Jackie Brown endgültig aus dem Orkus der Filmhistorie und der Ramschabteilung der Videothek herausgezogen und ins neue Rampenlicht gestellt, war doch Jackie Brown im Wesentlichen eine Art Laid-Back-Version von Jack Hills Coffy (Coffy – die Raubkatze, 1973) und Foxy Brown (1974) und verhielt sich so gegenüber Hills beiden rauhen Hits im Grunde genommen wie William Girdlers Sheba, Baby (1975), der bereits verlangsamt, milder, ganz auf Pam Grier als Blaxploitation-Ikone fokussiert gewesen ist.

Doch zurück zu Die Bronx-Katzen, also zu der EuroVideo-Videokassette, die tatsächlich alle erwarteten Schau- und Sensationswerte erfüllte. Da gibt es die Girls-Gang “Dagger Debs” mit ihrer Anführerin Lace (Robbie Lee), die natürlich mit dem Anführer der dazugehörigen Boys-Gang “Silver Daggers” Dominic (Asher Brauner) zusammen ist. Den Gangs gehört die Straße und die Highschool und als die konkurrierende Gang “The Crabs” um Crabs (Chase Newhart) in diese verlegt wird, gibt es natürlich Bandenkrieg, ausgefochten von den “Dagger Debs” mit Klappmessern, ihren Metallgürteln und Schusswaffen. Es gibt einen Machtkampf zwischen dem zweiten Girl der “Dagger Debs” Patch (Monica Gayle) und Maggie (Joanne Nail), die von Lace in die Gang aufgenommen wird. Es gibt bibbernde Highschool-Lehrer, die Brüste der beeindruckenden Bunny (Janice Karman) zu sehen, eine Massenprügelei der “Dagger Debs” mit sadistischen – und natürlich lesbischen – Aufseherinnen im Frauenknast, es gibt Vergwaltigungen, eine blutige Schießerei auf einer Rollschuhbahn.

Desdemona: Asher Brauner

Es gibt eine Afro-American-Girls-Gang um Muff (Marlene Clark), die in einem großen Straßenkampf sogar mit einem gepanzerten Wagen und schweren Maschinengewehren auffährt, natürlich als Blaxploitation-Referenz, komplett mit Mao-Bibel und Revolutions-Sprüchen à la “Black Panthers”. Und es gibt schlussendlich einen harten, langen und blutigen Messerkampf zwischen Lace und Maggie um die Macht in der Gang. Und natürlich gibt es dies alles auf der EuroVideo-Videokassette nur gekürzt, zum sittlichen Schutz der deutschen Jugend und vermutlich zur Vermeidung dessen, dass Die Bronx-Katzen sein “Lernziel”, das die anonymen Autoren des “Lexikons des internationalen Films” so erschreckte, womöglich am Ende doch noch erreichen könnte.

Jago: Monica Gayle

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