BIG DOLL HOUSE (1971) von Jack Hill

Big Doll House (Jack Hill, 1971)

In der 1998 bei Metzler erschienenen „Geschichte des internationalen Films“ heißt es kurz und knapp: „Es gibt im Hollywood der 70er und 80er Jahre kaum einen Filmschaffenden, der seine ersten kommerziellen Arbeiten nicht unter der Obhut Roger Cormans realisierte.“ Die Liste der Regisseure, Autoren und Produzenten, die Roger Corman ihre ersten Arbeiten zu verdanken haben, liest sich in der Tat beeindruckend: Allan Arkush, Peter Bogdanovich, Barbara Peeters, James Cameron, Barbara Boyle, Francis Ford Coppola, Joe Dante, Stephanie Rothman, Jonathan Demme, Monte Hellman, Jack Hill, Dennis Hopper, Ron Howard, Gale Ann Hurd, Martin Scorsese, Jonathan Kaplan, Frances Doel, Robert Towne, etc. Jack Hill ist in dieser Riege die absolute Ausnahme, der einzige – vielleicht mit Ausnahme von Barbara Peeters -, der seine Karriere als Regisseur kommerziell erfolgreicher Exploitation-Filme bei Corman begonnen und ebenso wieder beendet hat.

Hill drehte mit Big Doll House einen der ersten Kassen-Hits für Cormans “New World Pictures” und mit Sorceress (Die Mächte des Lichts, “Brian Stuart”, 1982) ebenso einen der letzten, beendete hiernach seine Karriere als Regisseur und ging mit Corman im Streit auseinander. Cormans Produzenten-Credo der Förderung junger Talente (“Für mich das Geld, für Dich die Karriere”), es schien ausgerechnet bei Jack Hill nicht aufzugehen. Obwohl das Schwert und Sandalen-Epos Sorceress tatsächlich noch einer der letzten kommerziellen Erfolge von Cormans “New World Pictures” wurde – der Film spielte mit $4 Millionen das Vierfache seines Budgets ein -, brach Corman hierbei sein gewohntes Versprechen, den Regisseur den bestmöglichen Film auch unter schwierigsten Produktionsbedingungen machen zu lassen. Wegen des aufkommenden Video-Marktes und des Kollaps der Drive-In-Kinos erheblich unter finanziellen Druck geraten (1983 verkaufte Corman die Firma dann auch für $16,5 Millionen an die Hollywood-Anwälte Larry Kupin, Harry E. Sloan und Larry A. Thompson), ließ Corman den Film in Panik um eine halbe Stunde zusammenschneiden, mit kostengünstiger, amateurhafter Musik und mit nicht weniger amateurhaften Overdubs versehen. Da auch die Special Effects bei weitem nicht die von Corman zugesagte Qualität erreichten, zog Jack Hill seinen Namen von Sorceress – einer der allerersten Filme, der vom Erfolg von Conan the Barbarian (Conan der Barbar, John Milius, 1982) profitierte – zurück und ließ ihn durch das Pseudonym “Brian Stuart” ersetzen.

Sorceress (Die Mächte des Lichts, “Brian Stuart”, 1982)

Wie Sorceress unter günstigeren Umständen geworden wäre, lässt sich naturgemäß nicht sagen – die in der Tat katastrophalen Production Values machen den Film bestenfalls zu einer Skurrilität -, jedenfalls blieb Jack Hill zumindest bei der Story seiner Sichtweise eines Female sexual empowerment treu und machte aus der Helden-Rolle Arnold Schwarzeneggers in Conan the Barbarian gleich zwei Frauenrollen, gespielt von den Zwillingen Leigh und Lynette Harris (die zuvor gleich zweimal im “Playboy” waren).

Das Ende von Jack Hills Karriere hätte jedenfalls nicht enttäuschender ausfallen können. Darüber, warum er es im Gegensatz zu so vielen anderen Corman-Schülern nicht zu höher budgetierten Filmen und größerem Erfolg geschafft hat, hat Jack Hill selbst eine Theorie: “In Gedanken hatte ich immer einen Verdacht: Den Anderen, die für ihn Regie geführt haben, hat er immer auch Stars zur Verfügung gestellt, für mich hat er dies jedoch nie getan. Der Verdacht kam mir nach Big Doll House, dass er entweder glaubte, ich sei gut genug, um einen Film auch ohne Stars zum Erfolg zu führen, oder dass er einfach Angst hatte. Ich hatte immer den Verdacht, dass es so etwas wie Eifersucht gewesen ist, dass er zwar wollte, dass ich Erfolg hatte, doch eben nicht zuviel. Das ist mein Verdacht, aber vielleicht ist es auch nur Einbildung. Ich weiß es nicht.”

Big Doll House: Pam Grier und Kathryn Loder

Big Doll House jedenfalls garantierte den kommerziell erfolgreichen Start von Roger Cormans neuer eigener Produktionsfirma “New World Pictures” zusammen mit The Student Nurses (Stephanie Rothman, 1970) im Alleingang. Während The Student Nurses nach Cormans eigenen Angaben in drei Wochen für $150.000 gedreht wurde, entstand Big Doll House – für den Corman Jack Hill einsetzte, nachdem Rothman abgelehnt hatte – auf den Philippinen für $125.000 und spielte nach dem Branchenblatt “Boxoffice” nicht weniger als $10 Millionen (inkl. Auslandsvermarktung) ein. Big Doll House begründete, obwohl nicht der erste Woman in Prison-Film in dieser Periode – Jess Francos 99 Women (Der heiße Tod) mit Maria Schell und Herbert Lom entstand bereits 1969 und bewies, dass es einen Markt für solche Filme gab -, das gesamte Genre und einen ganzen Zyklus von Filmen, von Jack Hills eigenem Sequel The Big Bird Cage (1972), bis hin zu Filmen wie Caged Heat (Das Zuchthaus der verlorenen Mädchen, Jonathan Demme, 1974) oder Ilsa, She Wolf of the SS (Die Hündin von Liebeslager 7, Don Edmonds, 1974).

Ähnlich wie Stephanie Rothman mit The Student Nurses für den Nurseploitation-Film, so definierte auch Jack Hill mit Big Doll House für den Woman in Prison-Film dabei die Formeln des Genres, das in der Folge, gemäß den ungeschriebenen Gesetzen des Exploitation-Films, von Film zu Film in der Sex- und Gewaltdarstellung expliziter, voyeuristischer und zugleich formelhafter wurde. Jack Hills Film selbst allerdings verweigert sich dem voyeristischen Blick, zeigt uns Sex und Gewalt stets über das Empfinden und aus der Sicht der Charaktere vermittelt, deutet dabei erstaunlich viel nur an, und bereits mit dem darauffolgenden The Big Bird Cage bricht der Regisseur die eigene Exploitation-Formel dann endgültig vollständig auf und betreibt ein anarchisch-humorvolles Spiel mit Genre-Klischees, die er sämtlich in ihr eigenes Gegenteil verkehrt. Hills Inszenierung folgt dabei genau den Regeln, die sein Mentor Roger Corman seinen jungen Regisseuren immer nahegebracht hat, wie Jonathan Kaplan erzählt: “Frage dich immer, wenn du dich einer Szene annähern willst: Wessen Standpunkt soll die Szene vermitteln? Über wen handelt die Szene? Welche Charaktere sind von dieser Szene berührt? In wessen Kopf willst du, dass darin der Zuschauer seinen Platz einnimmt?… Die Art und Weise, in der ein Charakter die Welt sieht, ist auch die Art und Weise, in der der Zuschauer die Welt sieht.”

Big Doll House: Judith Brown

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PROFONDO ROSSO (1975) von Dario Argento

PROFONDO ROSSO (Rosso – die Farbe des Todes, Dario Argento, 1975)

Rot
PROFONDO ROSSO (1975) oder Die Kunst des Findens

„Der Tod ist hässlich, nur Sterben ist schön“ – Sergio Leone.

PROFONDO ROSSO wird von vielen, darunter von so prominenten Filmemachern wie Quentin Tarantino, als einer der Schlüsselfilme des modernen Horrorkinos angesehen. Seine artifizielle Inszenierung und eigenartige Erzählstruktur, seine wuchtige Musik und seine glühenden Farben, seine extremste Gewalttätigkeit, seine Affinität zur bildenden Kunst und seine vielfältigen Motive und Subtexte lassen ihn als einen zu dieser Zeit einmalig kraftvollen und irritierenden Horrorfilm erscheinen. Tatsächlich aber gibt es in Argentos Film kaum ein musikalisches, motivisches oder inszenatorisches Element, das nicht bereits in seinen drei ersten gialli – zumindest in Ansätzen – vorhanden war: Die set pieces und der elliptische Erzählstil, die explizite Gewalt, das Farbschema, der Bezug auf Michelangelo Antonioni, die Illusionen und Obsessionen, der Künstler als Hauptfigur, die Motive der Kindheitstraumatisierung, unterbewusster Wahrnehmungen und der Homosexualität, die tragende Funktion der Musik. Und dennoch scheint PROFONDO ROSSO, gedreht ab dem 09. September 1974 in sechzehn Wochen in Turin und den De Paolis Studios in Rom, den eigentlichen Beginn der Filmwelt des Dario Argento darzustellen. Die Kunst des Findens, die dieser Film mehr als jeder andere im OEuvre des Regisseurs repräsentiert, liegt dabei vor allem in der Intensivierung aller „argentoesken“ Elemente, einer äußerst konsequenten Intensivierung im Übrigen, die zugleich zu einem immer höheren Grad der Abstraktion führt.

In der Tat ist PROFONDO ROSSO der erste durchgängig abstrakte Film Argentos, ein formell ungemein feingliedriger und schwieriger giallo, dessen einzelne Elemente derart intensiv vorgeführt werden, dass der Film – und dies selbst bei mehrmaligem Anschauen – gleichsam ständig auseinanderzufallen droht. Viele Argento-Interpreten sehen in der erstmaligen Zusammenarbeit des Regisseurs mit der italienischen Progressivrock-Band Goblin den eigentlichen Schlüssel zu diesem ersten unverwechselbarem Film Argentos. Doch auch diese Zusammenarbeit folgt dem Prinzip der Intensivierung: Der Progressiv-Jazz Ennio Morricones aus den ersten drei gialli wird nun in der Klangfarbe und Instrumentierung intensiviert, der Jazz in die Rockmusik transformiert und gegenüber den Dialogen lauter abgemischt, die Kindermelodien werden gar von Goblin beinahe unverändert übernommen. Sicher ist es Argentos unbestreitbarer Einfluss auf seine jeweiligen Musiker sowie seine Arbeitsweise, einer bestimmten Mise-en-scène eine bestimmten Art von Musik zuzuordnen, die diese Kontinuität in erster Linie garantiert. Goblins Musik wirkt allerdings griffiger, weniger schwierig als die Morricones, und diese ist es auch, die in einem nicht unerheblichen Maße zur Popularisierung der Filme Argentos beigetragen hat – nicht zufällig wurde Goblins Soundtrack zu PROFONDO ROSSO in Italien ein Millionenseller.

Ein seltsam leerer Platz, ein einsames beleuchtetes Diner mit bewegungslosen Gästen, davor zwei Menschen, die beiden Musiker Marc (David Hemmings) und Carlo (Gabriele Lavia), auf ihrem nächtlichen Streifzug. Urplötzlich beobachtet einer dieser Nachtgstalten einen entsetzlichen Mord an einem Fenster. Marc eilt zum Tatort, durch einen Gang voller albtraumhafter Gemälde und Spiegel. Der Täter scheint bereits verschwunden, doch irgendetwas glaubt er am Tatort gesehen zu haben, das den entscheidenden Hinweis liefern könnte. Was ist es, das er und der Zuschauer in jener Nacht gesehen haben? Ein plötzlich verschwundenes Gemälde? Eine Reflexion im Spiegel? Vielleicht sogar den Mörder selbst? Marc und der Zuschauer machen sich auf die Suche nach dem Geheimnis dieser Nacht, nach einem lange zurückliegenden, furchtbaren Ereignis – und nach der eigenen Erinnerung. „Der Schlüssel zu allem liegt in der Vergangenheit“, wie Dario Argento behauptet, und auch Marc folgt den verschlungenen Pfaden zurück in diese Vergangenheit, zu einem verfallenen Haus, zu einer Kinderzeichnung, immer weiter zurück, nur um am Ende wieder am Anfang anzukommen – an jenem seltsam leeren Platz und bei seiner Erinnerung. Was hat Marc, was haben wir in dieser Nacht gesehen?…

Neben den psychoanalytischen, sind auch die wahrnehmungspsychologischen Bezugnahmen von Argentos Wahrnehmungskino (Vgl. hierzu: Bildtafel 1) in PROFONDO ROSSO nun enorm intensiviert. Es ist nicht nur die unterbewusste, subliminale Wahrnehmung Marcs (und des Zuschauers) des Killers gleich zu Beginn – tatsächlich wird Carlos Mutter als Mörderin für Sekundenbruchteile in einem Spiegel gezeigt -, sondern auch die Unzuverlässigkeit der Wahrnehmung sowie ihr radikal subjektiver Charakter, die zu den Thematiken des Films werden, hierbei sehr konsequent an Michelangelos Antonionis BLOW UP (1966) anschließend, als dessen filmischer, ja, sogar politischer Kommentar PROFONDO ROSSO gesehen werden kann: „Die Fehleranfälligkeit der Wahrnehmung, die Störung von Kommunikation und der damit einhergehende Verlust von Kontext werden in PROFONDO ROSSO immer wieder thematisiert – in nur teilweise enthüllten Gemälden, in von Lärm gestörten Telefongesprächen, in nicht erkannten oder unsichtbar gemachten Hinweisen – und finden auch auf struktureller Ebene ihre Entsprechung“ (Oliver Nöding). Wenn Antonioni in BLOW UP den Mythos der beat generation und der swinging sixties mit der letztlich gleichgültigen Distanziertheit David Hemmings’ bereits stark gebrochen hat, dann überführt Argento diese Distanziertheit nun in ein abgründiges Spiel von Kommunikationsstörungen, Traumatisierungen, gesellschaftlicher Brüche und letzlich der Isolation seiner Protagonisten. Es ist daher kein Zufall, dass der amerikanische Maler Edward Hopper – neben Antonioni – einen weiteren starken Bezugspunkt von Argentos Film bildet. Die „Tyrannei der Intimität“, die sich bei Hopper stets zeigt, weiß Argento in einigen beeindruckenden Bildern herzustellen – etwa mit diesem direkten Zitat von Hoppers Nighthawks (1942) als Schlüsselort des Films (Vgl. hierzu: Bildtafel 2) -, Bilder, deren Wirkungen und Stimmungen Vincent Price 1972 in seiner Geschichte der amerikanischen Kunst anhand von Edward Hoppers Gemälde Tables for Ladies (1930) sehr gut beschrieben hat: „Nicht die Menschen haben hier eine Persönlichkeit, sondern der Ort. Die Anonymität des kleinen Restaurants schafft eine geradezu heilige Atmosphäre und die Anonymität der Menschen machen aus ihm einen kleinen, traurigen Zufluchtsort… In Nighthawks sehen wir durch die leere Nacht in ein spärlich bevölkertes Diner und durch dieses hindurch die leeren Straßen, die niemandem gehören, außer der Nacht“.

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SUPER FLY (1972) von Gordon Parks, Jr.

Super Fly (Gordon Parks, Jr., 1972)

Der Blaxploitation-Boom Anfang bis Mitte der 70er Jahre im US-Kino war sicher Vieles, vor allem aber war er auch ein Phänomen New Hollywoods. Der Begriff “Blaxploitation” selbst stammte dabei von Melvin Van Peebles, der 1971 mit seinem für 150.000 Dollar unabhängig gedrehten Action Thriller Sweet Sweetback’s Baadasssss Song etwas über 15 Millionen Dollar einspielte, ein Begriff, mit dem sich zwar später kaum einer der damaligen Protagonisten so richtig glücklich zeigte, doch lässt der Begriff zumindest erahnen, dass aus Sicht der Hollywood-Studios das schwarze Publikum schlicht als ein neues, einnahmeträchtiges Marktsegment gesehen wurde. Dies betraf die Independents (wie die American International Pictures oder New World Pictures) ebenso, wie die großen Studios Warner oder MGM. Tatsächlich standen die großen Studios zur Zeit New Hollywoods finanziell unter enormen Druck, ihr kostenintensives, schwerfälliges Studiosystem überhaupt noch aufrecht erhalten zu können.

So kopierte man schließlich die Independents, nahm unabhängig produzierte Filme in den Vertrieb – mit Erfolg. Shaft (Gordon Parks, Sr., 1971) spielte für die MGM 13 Millionen Dollar ein, der Blaxploitation-Western mit Fred Williamson The Legend of Nigger Charley (Martin Goldman, 1972) wurde der größte finanzielle Erfolg der Paramount in diesem Jahr und Warner verdiente mit Gordon Parks, Jrs. Super Fly sage und schreibe 26,8 Millionen Dollar innerhalb von zwei Jahren (bei einem Budget knapp unter 500.000 Dollar).

Super Fly wurde dabei so etwas wie der Überfilm der gesamten Blaxploitation-Welle, nicht nur aufgrund seines enormen Erfolges an den Kinokassen, auch Curtis Mayfields Soundtrack wurde ein Klassiker und Millionenseller, machte ihn quasi über Nacht zum Star; vor allem aber ist Super Fly einer jener Filme, mit denen das Blaxploitation-Kino auf den künstlerischen Auf- und Umbruch New Hollywoods unmittelbar reagierte. Gemeinsam mit dem späteren Willie Dynamite (Gilbert Moses, 1974), stellte Super Fly gewissermaßen die schwarze Version eines kritischen, sozial bewussteren und – zumindest vom Anspruch her – realistischeren Kinos dar, für das New Hollywood bis heute mit Filmen wie Midnight Cowboy (Asphalt-Cowboy, John Schlesinger, 1969) oder They Shoot Horses, Don’t They? (Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß, Sydney Pollack, 1969) steht.

Zur Handlung: Der mit Kokain dealende “Youngblood Priest” (Ron O’Neal) – der hier erstmals eines jener “Pimpmobile” fährt, mit denen Drogendealer, Gangster und Pimps in den 70ern Jahren die Straßen amerikanischer Großstädte befahren sollten – will mit seiner “Familie” von 50 für ihn arbeitenden Pushern noch einmal 30 Kilo Kokain unter die Leute bringen, um hiernach mit dem verdienten Geld endgültig “von der Straße wegzukommen” und gemeinsam mit seiner schwarzen Freundin Georgia (Sheila Frazier) – eine weiße Freundin hat er auch – ein neues “Leben” beginnen zu können. Sein ehemaliger Mentor Scatter (Julius W. Harris), der mittlerweile aus dem Drogengeschaft ausgestiegen ist, soll ihm dieses Kokain besorgen. Weder bei Scatter noch bei seinem Partner Eddie (Carl Lee) stößt dieses Vorhaben Priest Anfangs auf viel Gegenliebe. Als beide sich schließlich dann doch noch darauf einlassen, hat Priest die korrupte Polizei mit Deputy Commissioner Reardon (Sig Shore) im Hintergrund am Hals, die von Priest nun den Anteil verlangt, den sie zuvor von Scatter einkassiert hat.

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PIT STOP (1969) von Jack Hill

Pit Stop (Jack Hill, 1969)

Es gibt in den großen Road Movies und Carsploitation-Filmen des US-Kinos, vor allem in denen New Hollywoods, zuweilen eine seltsame Leere, eine Verlorenheit der Protagonisten, die man keineswegs mit der “Freiheit der Straße” verwechseln sollte. Der endlose Highway ist hier immer schon ein Lost Highway, die Freiheit, die Selbstbestimmung und die Rebellion gegen das Establishment, die mit dem Auto geradezu mythologisch verbunden sind, sind hierbei eine Flucht in das Nichts, eine Raserei in den Tod. Und ausgerechnet in dem am wenigsten aggressiv anmutenden Moment in Pit Stop, in dem Jack Hill zeigt, wie die Community der Auto-Verrückten jenseits der Straßen- und Stockcar-Rennen mit ihren selbstgebauten Vehikeln spielerisch über die Sanddünen der Wüste gleitet, sagt Ellen Burstyn dann auch den Satz: “Diese Maschinerie besitzt uns.”

Vielleicht sind Two-Lane Blacktop (Asphaltrennen, Monte Hellman) und Vanishing Point (Fluchtpunkt San Francisco, Richard C. Sarafian), beide von 1971, am weitesten zu diesem Nullpunkt vorgestoßen, an dem es nur noch um das Dröhnen der Maschinen, das zeitweilige Beschleunigen in den Straßenrennen und das endlose Vorbeigleiten von tristen Orten und schemenhaften Menschen geht, vor denen man sich wie in einem unbewussten Fluchtreflex immer nur weg bewegt. Alles löst sich hier in Bewegung auf, die Figuren befinden sich in einem fast schon existenzialistischen Zustand, sich den Tod dabei stets vergegenwärtigend. Am Schluss von Vanishing Point, wenn der Tod eintritt und Barry Newman als “Kowalski” in die Bulldozer rast, wird das Bild schließlich eingefroren und die Bewegung damit – auch filmisch konsequent – vollständig zum Stillstand gebracht.

1955er Chevy aus Pit Stop und Two-Lane Blacktop (Monte Hellman, 1971)

Jack Hills Pit Stop, bereits 1967 gedreht und erst 1969 in die Kinos gebracht, dürfte der eigentliche Vorläufer dieses Kinos sein. Nicht nur, dass wir gleich zu Beginn ein illegales Straßenrennen mit einem 1955er Chevy sehen, der später in Two-Lane Blacktop die Hauptrolle einnehmen wird, auch die Verlorenheit der Figuren, sie ist hier bereits allgegenwärtig. Dies gilt in Pit Stop aber nicht allein für den Helden des Films Rick Bowman (Richard Davalos), sondern ebenso – geradezu exemaplarisch für die starken Frauenrollen im Kino Jack Hills – für Jolene (Beverly Washburn) und Ellen McLeod (Ellen Burstyn).

Jack Hill wollte tatsächlich einen “Kunstfilm” drehen, nachdem ihm Roger Corman ein Budget von 75.000 Dollar und drei Wochen Drehzeit für einen Film über Stockcar-Rennen angeboten hatte. Corman sah einen Markt für solche Filme, hatte er doch bereits für seine eigene Produktionsfirma “Filmgroup” in Europa The Young Racers (Schnelle Autos und Affären, 1963) gedreht und erfolgreich über die “American International Pictures” (AIP) vermarktet. Cormans einizige Bedingungen dabei: es müsse Auto-Crashs geben und der Held des Films müsse das große Autorennen gewinnen. Jack Hill, der gleich Produktion, Drehbuch und Regie übernahm, machte so aus “The Winner”, wie Pit Stop dann auch bei seiner Erstveröffentlichung hieß, einen höchst außergewöhnlichen Exploitation- und Independent-Film, eigentlich einen Autoren-Film, in dem der Held dann zwar das große Auto-Rennen gewinnt, dabei aber seine Seele verliert.

Rick: Richard Davalos

Gleich zu Beginn sehen wir diesen Helden Rick Bowman – Richard Davalos, für seine Rolle als Bruder von James Dean in East of Eden (Jenseits von Eden, Elia Kazan, 1955) bekannt – vor seinem aufgetunten 1955er Chevy mit der Einblendung “The Winner”, im Habitus und Stil eines 50er-Jahre-Rebellen. Bei dem nun folgenden nächtlichen Straßenrennen wird Rick von dem Autorenn-Promoter Grant Willard (Brian Donlevy) beobachtet, der sogleich auf Rick wettet und ihn aus dem Gefängnis holt, in das ihn die Polizei nach dem illegalen Rennen, das Rick natürlich gewonnen hat, gesteckt hat. Willard, dessen Philosophie das “survival of the fittest” ist, promoted die besten Rennfahrer Kaliforniens, vor allem für Stockcar-Rennen auf der großen Acht (“Figure 8 racing”). Doch Rick lehnt zunächst ab, zu verrückt, zu gefährlich scheinen ihm diese Stockcar-Rennen.

Rick, der Loner und Maverick, arbeitet zunächst auf einem Schrottplatz, lernt dort die Community der Autobastler kennen, sämtlich sympathisch wirkende Abenteurer, ebenso wie Hawk Sidney (Sid Haig), einen wilden Egomanen, der auf der großen Acht für Willard fährt, sowie dessen Freundin Jolene. Das hübsche, lebenslustige und unkomplizierte Girl, das auf ihrem T-Shirt ein provokantes “Why not?” trägt, hat es Rick sogleich angetan. Vielleicht ist es Jolene, vielleicht aber auch der ihn herausfordernde Hawk, jedenfalls entschließt sich Rick dann doch noch, Willards Angebot anzunehmen. Ricks ersten beiden Rennen auf der großen Acht sind ein Desaster und erst als er sich Rat bei einem körperlich versehrten Stockcar-Veteranen holt, gelingt es ihm, Hawk außerst rüde aus dem Rennen zu fahren. Hawk verliert nun nicht nur seine Position als Champion bei Willard, sondern auch Jolene an Rick.

Jolene: Beverly Washburn

Hawk ist außer sich, spürt die beiden nach einem Beat-Club-Besuch des Nachts auf, zertümmert Ricks Auto mit einem Vorschlag-Hammer und bricht Rick einen Arm. Doch Rick macht weiter, mit Jolene, die er im Bett allerdings mit kaltem Zynismus auflaufen lässt, und mit Hawk, den er im nächsten Rennen endgültig aufs Dach legt. Inzwischen hat Rick Ellen kennengelernt, die Ehefrau von Willards professionellsten Fahrer Ed McCleod (George Washburn), die für ihren Mann als Mechanikerin arbeitet. Und die Geschichte wiederholt sich: Vielleicht ist es Ellen, vielleicht aber auch der ihn herausfordernde Ed, jedenfalls entschließt sich Rick nun, Hawk als Backup-Fahrer für Ed bei einem großen professionellen Rennen zu ersetzen. Rick verführt die frustrierte Ellen gleich bei einem Sandbuggie-Event in den Dünen, lässt dafür Jolene einfach sitzen.

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JACKIE BROWN (1997) von Quentin Tarantino

 · Black Lives Matter · Black Mama, White Mama · Scream Blacula Scream · Coffy ·
· Foxy Brown · Sheba, Baby · Bucktown · Friday Foster · Jackie Brown ·

Jackie Brown (Quentin Tarantino, 1997)

“Als ich 1972 nach Los Angeles kam, sah ich aus wie die letzte Landpomeranze. Ich kaufte mir Rock und Bluse und fragte, ob es möglich sei, die Kleidung anzuprobieren. Man verstand meine Frage überhaupt nicht. Aber da, wo ich herkam, konnte ich die Sachen nur mit nach Hause nehmen, im Kaufhaus anprobieren durfte ich sie nicht” Pam Grier, 1998.

Ein Jahr nach der Veröffentlichung von Quentin Tarantinos drittem Film Jackie Brown sagte Pam Grier in einem Interview: “Ich schloß einen Pakt mit Quentin. Wir versicherten uns, einander nicht fallenzulassen. Er wußte, daß ich die ganze Pam mit meiner Krankheit, den Todesfällen in meiner Familie, meinen Erfolgen und Niederlagen der letzten zwanzig Jahre in diese ‘Jackie Brown’ hineinwerfen würde. Diese Rolle hätte ich zu keinem anderen Zeitpunkt spielen können, sie besitzt alles, was ich an Weisheit, Menschenverstand und Instinkt gelernt habe. Nicht nur das. Ich habe auch meine Mutter, meine Großmutter, meine Tanten und Freundinnen mit in diese Rolle gepackt. Alles Frauen, die sich gegen Widrigkeiten behauptet haben.” Und Pam Grier hatte sehr viel in diesen Film hineinzuwerfen. Seien es die Erfahrungen ihrer schwierigen Ehen u.A. mit dem Basketball-Star Kareem Abdul-Jabbar oder dem Stand-up comedian Richard Pryor, ihre Diagnose eines Gebärmutterhalskrebses 1988 (die Ärzte gaben ihr damals nur noch 18 Monate zu leben) und vor allem ihre Erfahrung des Abstiegs von einem Kino-Star und einer Identifikationsfigur insbesondere für schwarze Frauen in Standard- und Nebenrollen in zumeist nur wenig interessanten Filmen und einigen Fernsehserien.

Grier hatte bei Tarantino bereits für dessen Kult-Hit Pulp Fiction (1994) vorgesprochen, für die Rolle, die dann Rosanna Arquette erhalten sollte, in dessen Büro, in dem sie zu ihrer Verwunderung feststellen musste, dass der Regisseur dort die Plakate ihrer Blaxploitation-Hits aus den 70ern aufgehangen hatte. Tarantino, der Schauspieler-Regisseur, versprach Pam Grier, wieder auf sie zurückzukommen, falls er eine passende Rolle für sie hätte.

Pam Grier (mit Fred Williamson) und Robert Forster in: Original Gangstas (Larry Cohen, 1996)

Quentin Tarantino hält Jack Hill – den Autor und Regisseur von Big Doll House (1971), The Big Bird Cage (1972), Coffy (1973) und Foxy Brown (1974) mit Pam Grier – für “einen der größten lebenden amerikanischen Regisseure” und es ist an seinem Stil wie an seinen Dialogen nur allzu offensichtlich, dass ihn nicht nur Jack Hill, sondern auch Pam Grier und das gesamte Blaxploitation-Kino der 70er Jahre seit seiner Jugend tief geprägt hat. Gemäß seinem Credo, “Stars wie Schauspieler und Schauspieler wie Stars zu behandeln”, hat Tarantino mittlerweile Berühmtheit dafür erlangt, ehemalige Stars – auch aus dem von ihm so geliebten Exploitation-Kino – in das Rampenlicht des erfolgreichen Mainstream-Kinos zurückzuholen, seien es John Travolta für Pulp Fiction oder auch David Carradine für Kill Bill – Volume 1/– Volume 2 (2003/2004). Tarantino ist, wie ich es bereits in meiner Besprechung zu dessen Grindhouse: Death Proof (Death Proof – Todsicher, 2007) geschrieben habe, auf seine Art ein Pop-Art-Regisseur, ihm geht es “um das Spektakel, um das freie Spiel mit Zeichen, Zitaten, Ikonen und Identitäten, die auf einen sich selbst genügenden, perfekten Schein, auf Ruhm und Glamour aus sind.”

Und er “hat diese Pop-Art-Attitüde in seinem schmalen Werk über die Jahrzehnte nur zweimal verlassen”, eben mit  Grindhouse: Death Proof sowie zuvor mit Jackie Brown dank Pam Grier, “deren Filmleben sowie reales Leben den Film zu einem Statement jenseits von Tarantinos Zeichen- und Pop-Art-Universum machte.” Es ist anzunehmen, dass es nicht nur der hier bereits zitierte “Pakt” Pam Griers mit Tarantino gewesen ist, wie auch der enorme Einfluss Jack Hills auf seine Art Dialoge zu schreiben und zu inszenieren, sondern dass auch ein Film wie Original Gangstas (Larry Cohen, 1996) Tarantino unmittelbar für seine Besetzung inspiriert haben dürfte. Denn in dem ein Jahr zuvor veröffentlichten Film, in dem Larry Cohen – u.A. der Regisseur des AIP-Blaxploitation-Klassikers Black Caesar (Der Pate von Harlem,1973) – sämtliche großen Blaxploitation-Stars der 70er wie Pam Grier (“Coffy”, “Foxy Brown”), Fred Williamson (“Hammer”, “Black Ceasar”), Jim Brown (“Slaughter”), Richard Roundtree (“Shaft”) und Ron O’Neal (“Superfly”) noch einmal vor der Kamera versammelte, spielte Pam Grier bereits zusammen mit Robert Forster.

Jackie Brown: mit Sid Haig

“Eine Ikone. Ein Statement der Ästhetik des Black cinema sicherlich, vor allem aber ein trotziges Statement der Würde, der Stärke, der Selbstbehauptung. Sobald Pam Grier in der Titelsequenz von Jackie Brown zu Bobby Womacks ‘Across 110th Street’ die Leinwand passiert, sind alle Maßstäbe verschoben” – so hatte ich die Inszenierung Tarantinos seiner Hauptdarstellerin Pam Grier zu Beginn in “Pam Grier’s Soul Cinema der AIP” beschrieben. Natürlich ist Jackie Brown ebensowenig ein AIP-Film (sondern einer der Miramax) wie ein reiner Blaxploitation-Film, sondern ein Heist Movie nach der Romanvorlage Elmore Leonards, doch Tarantino betonte selbst, dass die Blaxploitation “den Ton des Films bestimme”, sein Referenz-Universum, inklusive des kleinen Schwenks in die Woman in Prison-Filme Jack Hills mit Pam Grier, ganz von den Filmfiguren und der realen Person Pam Griers beherrscht wird:

Jacqueline “Jackie” Brown (Pam Grier) ist eine 44-jährige Stewardess aus L.A., die bei einer kleinen, miesen mexikanischen Fluggesellschaft arbeitet und sich ihr schmales Gehalt – wie wir später erfahren 16.000 Dollar im Jahr “und einen Rentenanteil, der einen verfluchten Dreck wert ist” – mit Geldwäsche aufbessert: sie nutzt ihren Job, um für den schwarzen Waffenhändler Ordell Robbie (Samuel L. Jackson) dessen Geld zwischen den USA und Mexiko zu verschieben. Nach der ikonenhaften Inszenierung von Pam Griers Titelfigur zu Beginn, zeigt uns Tarantino zunächst über lange Zeit die anderen Figuren und baut geschickt Konstellationen auf, die erst später wieder auf Jackie Brown zulaufen werden. Ordell arbeitet für seine Waffengeschäfte mit seiner weißen Freundin, der Kifferin Melanie (Bridget Fonda) und dem etwas schlichten, gerade aus dem Knast entlassenen Louis (Robert De Niro) zusammen. Als ein weiterer Mitarbeiter Odells, der Schwarze Beaumont Livingston (Chris Tucker) wegen illegalen Waffenbesitzes festgenommen wird, beauftragt Ordell zunächst den den Kautionsagenten Max Cherry (Robert Forster) damit, Beaumont aus dem Gefängnis zu holen.

Jackie Brown: mit Robert Forster

Da Ordell befürchtet, Beaumont würde seine Geschäfte vor der Staatsanwaltschaft aufliegen lassen, legt er diesen kuzerhand nach seiner Haftentlassung um. Inzwischen wurde auch seine Geldbotin Jackie Brown von dem ATF-Beamten („Amt für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoffe“) Ray Nicolette (Michael Keaton) und Mark Dargus (Michael Bowen) vom LAPD am Flughafen mit 50.000 Dollar Schwarzgeld und einer Tüte Kokain festgenommen. Die beiden bieten Jackie Brown einen Deal an, um ihren Auftraggeber zu fassen, doch sie lehnt zunächst ab. Jackie Brown wird dem Haftrichter (Sid Haig) vorgeführt und kommt in den Knast – begleitet vom Titelsong von Jack Hills Big Doll House (1971) “Long Time Woman”, gesungen von Pam Grier.

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