LA SINDROME DI STENDHAL (1996) von Dario Argento

Sehnsucht
THE STENDHAL SYNDROME (1996) oder Die Macht der Bilder

„Man kann das Böse empfinden, nur weil man auf ein kleines Detail in der Ecke starrt und weiß, dass sich der Künstler damit vor Jahrhunderten abgequält hat“ –

Dario Argento.

Der französische Romantiker Henri Beyle (1783-1842), der sich selbst „Stendhal“ nannte, hat 1817 in den Tagebüchern seiner Italienreise erstmals einen von der Wirkung von Kunstwerken ausgelösten „physischen Zustand“ beschrieben, den sein Landsmann Seillière noch 1906 etwas sarkastisch als eine „romantische Krankheit“ bezeichnete. Nach der Betrachtung der Grabmäler Machiavellis, Michelangelos und Galileis und der Fresken Volterranos in der Kirche Santa Croce in Florenz, notierte Stendhal am 22. Januar in seinem Tagebuch: „Meine Bewegung ist so tief, dass sie fast religiös ist. Das feierliche Dunkel dieser Kirche, ihr schlichter, offener Dachstuhl, ihre unvollendete Fassade, das alles spricht eindringlich zu meiner Seele. Ach, könnte ich doch vergessen! … Ich war in Bewunderung der erhabenen Schönheit versunken; ich sah sie aus nächster Nähe und berührte sie fast. Ich war auf dem Punkt der Begeisterung angelangt, wo sich die himmlischen Empfindungen, wie sie die Kunst bietet, mit leidenschaftlichen Gefühlen gatten. Als ich die Kirche verließ, klopfte mir das Herz; man nennt das in Berlin Nerven; mein Lebensquell war versiegt, und ich fürchtete umzufallen.“ Später wurde diese seltsame Symptomatik – eine Mischung aus Reisemüdigkeit, romantischer Sehnsucht und Überwältigung durch die Kunst – von Medizinern nach dem französischen Schriftsteller benannt: „Das Stendhal Syndrom“. Noch heute stehen in Florenz drei Krankenbetten für Besucher der Uffizien bereit, die diesem Syndrom erliegen.

Nachdem Argento eine Beschreibung des Syndroms in dem Buch „La Sindrome di Stendhal“ der freudianischen Psychoanalytikerin Graziella Magherini entdeckt hatte, war er sofort fasziniert von den filmischen Möglichkeiten, die es eröffnete: „Als ich weiter über das Syndrom nachforschte, fand ich heraus, dass es nicht nur gespaltene Persönlichkeiten und Halluzinationen verursacht, oder dazu führt, dass sich die Leute selbst Verletzungen beibringen; es verleiht den betroffenen Personen auch enorme physische Kräfte und löst oftmals Todessehnsüchte bei ihnen aus. Stendhal ist viel gereist – er schrieb unzählige Reisebücher – und war ein absoluter Verehrer der Dichtung Lord Byrons. Er gehörte zu jenen Vollblutromantikern, die meiner Meinung nach empfänglicher dafür waren, durch die Schönheit überwältigt zu werden. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass er müde war – das Touristendasein ist anstrengend -, das könnte viel mit dem Schwindelerregenden seiner Symptome zu tun haben. Dennoch kann man nicht abstreiten, dass das Syndrom existiert, denn in Florenz fällt ihm bis heute eine Person pro Tag zum Opfer. Nun gab es da einen ungewöhnlichen Zustand, der all die charakteristischen Eigenarten aufwies, die ich für Wert hielt, sie in Drehbuchform zu diskutieren. Du schaust ein Gemälde an und deine Seele verändert sich. Du siehst ein Meisterwerk und es ist unmöglich, hiernach noch dieselbe Person zu bleiben. Man kann das Böse empfinden, nur weil man auf ein kleines Detail in der Ecke starrt und weiß, dass sich der Künstler damit vor Jahrhunderten abgequält hat. Meine ganze Aufregung galt der Tatsache, dass die Kunst für gewöhnlich für etwas gehalten wird, was den Geist anregt, und nicht für etwas, dass ihn zerstört oder überwältigt. In der Schule wurde uns erzählt, die Kunst könne unser Leben bereichern. Stendhal hat entdeckt, dass dies nicht wahr ist. Sie kann ebenso entkräftend sein. Die Möglichkeiten der Kunst interessierten mich schon immer brennend. So wurde in der Regel angenommen, dass Gewaltdarstellungen im Film und Fernsehen Gewaltbereitschaft im Betrachter auslösen. Die ersten zwanzig Minuten SUSPIRIAS wurden oft als Beispiel dafür angeführt, dass die Leute ihr Bewusstsein verlieren, aber so ist es auch bei der Kunst. Das sind die Fragen, die ich mit THE STENDHAL SYNDROME aufwerfe.“

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DER VERLETZLICHE BLICK – REGIE: DARIO ARGENTO erschienen


Robert Zion
DER VERLETZLICHE BLICK – REGIE: DARIO ARGENTO
365 Seiten, 104 farbige Abbildungen, 14 erläuterte Bildtafeln
12,4 x 19,3 cm [Paperback]

2. verbesserte Auflage
Erschienen im Mai 2017

ISBN-10: 3743194988
ISBN-13: 9783743194984
€ [D] 28,99

Ob es die “deutsch-italienische Blutader im Kino” (Dominik Graf) ist oder jener “eisige Modernismus, perfektioniert mit der Präzision eines Mondrian-Gemäldes, der durch überraschend-bestürzende rote Schnitte unterbrochen wird, die diese Komposition zerreißen und neu organisieren” (Patricia Moir) – im Kino DARIO ARGENTOS ist alles – der Blick, der Raum, die Bewegung, der Rhythmus und der Tod – auf eine skandalöse Weise verführerisch. ROBERT ZION erinnert daher nun mit Argento noch einmal an das Kino als Kunstform des vergangenen Jahrhunderts, bevor wir dessen Geschichte endgültig zu den Akten legen.

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E-Book:

ePUB [5,7 MB)
ISBN-13/EAN: 9783743159037
€ [D] 13,99

Direkt beim Verlag bestellen [E-Book]

Auszug: LA SINDROME DI STENDHAL (1996)

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BLUTIGE SEIDE (Sei donne per l’assassino, 1964) von MARIO BAVA auf DVD erschienen

 

 

 

Am 28. März 2003 ist Mario Bavas giallo und Ur-Film des modernen Horrorkinos BLUTIGE SEIDE (Sei donne per l’assassino, 1964) bei der Edition Buio Omega/Edition Hände Weg! auf DVD im Digipack und Samtschuber erschienen. Die Edition enthält den legendär gewordenen “San Remo”-Audiokommentar von mir und Christian Kessler, mein Booklet– und Coverdesign sowie meinen Booklet-Text “Mario Bava und der italienische Giallo-Thriller.”

“Die Erscheinung des Mörders ist wie eine Versinnbildlichung der surrealen, fetischistischen und sexuell aufgeladenen Grundstimmung des Films: Gekleidet in schwarzes Leder, trägt dieser einen das Gesicht zudeckenden Schleier, der an Bilder René Magrittes erinnert, auf denen sich zwei Liebende mit vollständig von Tüchern umwickelten Köpfen küssen. Dass diese Bezüge zur Kunst, seien sie nun beabsichtigt oder unbeabsichtigt, nicht unwesentlich sind für die Bildsprache Bavas, dessen Affinität zur Malerei hinlänglich bekannt ist, mag gerade dieses Motiv Magrittes verdeutlichen: Die Mutter des Malers, die Selbstmord begangen hatte, wurde mit ihrem über das Gesicht gespültem Hemd im Wasser treibend aufgefunden. Der belgische Surrealist hat dieses Motiv immer wieder gemalt, getrieben von Verachtung und Liebe. BLUTIGE SEIDE ist voll von solchen sich unwiderstehlich einprägenden Bildmotiven, die seine eigentliche Geschichte erzählen und zu weiteren Geschichten anregen, und in denen Hass, Gewalt und Begierden – und im giallo gehören diese unumstößlich zusammen – visuell gefrieren” (Robert Zion: Der verletzliche Blick – Regie: Dario Argento, 2017).

BLUTIGE SEIDE ist als Digipack im Samtschuber mit folgenden Extras erschienen:

 

  • “San Remo”-Audiokommentar von Robert Zion und Christian Kessler (ca. 84 Minuten)
  • Einführung durch Thomas Reiner (ca. 6 Minunten)
  • Interview mit Carlo Rusticelli (ca. 8 Minuten)
  • Der Katholische Filmdienst: Thomas Reiner liest die damalige Filmkritik (ca. 3 Minuten)
  • Zensierte Szenen (ca. 16 Minuten)
  • Filmografien auf 17 Texttafeln
  • 18 Trailer zu Mario-Bava-Filmen (ca. 50 Minuten)
  • Bildergalerie
  • 8-seitiges Booklet von Robert Zion: “Mario Bava und der italienische Giallo-Thriller”

 

Technische Daten:

FSK: 16
Bild: 1.78:1 (anamorph/16:9)/Farbe
Laufzeit: ca. 84 Minuten
Ton: Deutsch, Italienisch (Dolby Digital 2.0 Mono)
Untertitel: Deutsch, Englisch

Nicht mehr lieferbar [Booklet als PDF]

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