13 GHOSTS (1960) von William Castle

13 Ghosts (Das unheimliche Erbe, William Castle, 1960)

Die Geister-Seher

Es ist nun allmählich an der Zeit, nicht nur den Regisseur, sondern auch den Filmstar William Castle vorzustellen. Natürlich denkt jeder zunächst an Alfred Hitchcock, wenn es darum geht, dass ein Regisseur sich selbst als Star in Szene setzt. Hitchcok, der in jedem seiner Filme seit The Lodger (1926) einen kurzen Gastauftritt absolviert hat, musste sich zuweilen einiges einfallen lassen, um diesen Wiedererkennungseffekt zu erreichen. So ließ er für Lifeboat (1943), der zur Gänze in einem Rettungsboot auf dem offenen Meer spielt, extra eine Zeitung drucken, in der er (in einer obskuren Werbeanzeige für eine Abmagerungskur) abgebildet war. Doch Castle hatte solcherlei komplizierten Einfälle nicht nötig, um unter den Kids eine regelrechte “Castlemania” auszulösen: “Alfred Hitchcock ist in jedem seiner Filme zu sehen und es ist ein großer Spaß für das Publikum, ihn auf der Leinwand zu entdecken. Ich entschied, dass dieselbe Idee auch bei mir funktionieren würde und wurde nun – dieser große Mann möge es mir verzeihen – ein Teil des Vorspanns”, so Castle, der bereits im Werbetrailer von The Tingler aufgetreten war und überdies das Publikum im Vorspann vor den “tingling sensations” gewarnt hatte. Seinen größten Auftritt hatte Bill Castle sicherlich vor 13 Ghosts, unterstützt von einem längst verschiedenen Nebendarsteller, und bei dieser Gelegenheit gleich die Funktionsweise seines neuen Gimmicks “Illusion-O” erklärend:

(Die Silhouette eines Skeletts erscheint hinter der Glasscheibe einer Bürotür, auf der “William Castle” zu lesen ist. Das Skelett:) “Treten Sie ein! William Castle, der Produzent dieses Films, hat eine Frage an Sie!” (Knarrend öffnet sich die Tür und gibt den Blick auf Castle frei, hinter seinem Schreibtisch sitzend und umgeben von Schädeln, Spinnen und einer Menge anderer Spukutensilien. Hinter ihm prangt ein großes “?” an der Wand. Castle:) “Glauben Sie an Geister? Manche Leute glauben daran, andere nicht. Ich persönlich glaube an sie und ich bin mir sicher, dass Sie, wenn Sie dieses Theater wieder verlassen, ebenfalls an Geister glauben werden”. (Er schreitet vor den Schreibtisch, hält kurz inne und meint zu dem Skelett, das sich mittlerweile hingesetzt hat:) “Oh, nein, heute keine Diktate mehr”. (Das Skelett stimmt dem zu. Castle weiter:) “Also, als Sie hier reingekommen sind, hat man Ihnen einen Spezial-Geister-Seher wie diesen gegeben”. (Er zeigt das Objekt, eine Art 3-D-Brille mit einer blauen und einer roten Plastikfolie.) “Und so funktioniert er”. (Zu jemandem vor der Leinwand:) “Würden Sie bitte die Farbe der Leinwand verändern?” (Das Schwarzweiß-Bild färbt sich blau ein.) “Vielen Dank. Sie müssen ihn nur dann benutzen, wenn die Leinwand diese bläuliche Farbe annimmt. Dann halten Sie den Seher vor die Augen und schauen durch ihn auf die Leinwand. Wenn Sie an Geister glauben, dann schauen Sie durch den roten Teil des Sehers, wenn Sie nicht an Geister glauben, dann durch den blauen Teil”.

(Wieder zu jemandem vor der Leinwand:) “Würden Sie die Farbe bitte wieder verändern?” (Das Blau verschwindet.) “Vielen Dank. Nun, wenn die Leinwand wieder ihre natürliche Farbe (sic!) annimmt – so wie jetzt -, dann nehmen Sie den Seher wieder ab, bis dass die Leinwand wieder blau wird. Ah, und noch eines: Wenn Sich jemand neben Sie hinsetzt, dann wäre es hilfreich, wenn Sie ihm erklären, wie der Seher funktioniert. Und vergessen Sie nicht: Wenn Sie an Geister glauben, durch den roten Teil schauen, wenn Sie nicht an Geister glauben, durch den blauen Teil schauen. Einen fröhlichen Spuk! Und auf Wiedersehen fürs Erste”. (Zu dem Skelett:) “Wollen wir gehen?” (Beide lösen sich in Luft auf.)

Nach diesem Auftritt Bill Castles fliegen, von Beckenschlägen begleitet, die 13 Titelcharaktere über die Leinwand auf die Zuschauer zu:

  1. Eine schreiende Frau,
  2. Zwei Klauen,
  3. Ein schwebender Kopf,
  4. Ein brennendes Skelett,
  5. Emilio mit dem Hackmesser,
  6. Dessen treulose Ehefrau,
  7. Ihr Liebhaber,
  8. Eine erhängte Frau,
  9. Ein Scharfrichter mit abgetrennten Kopf,
  10. Ein Löwe,
  11. Ein Löwenbändiger ohne Kopf,
  12. Dr. Zorba.

Als 13. Geist erscheint schließlich ein geheimnisvolles “?” (Der Geist Harry Cohns?). Hatten Castle und Robb White noch eine Menge Spaß dabei, sich diese skurrile Galerie auszudenken, so erwieß sich aber die Realisierung von “Illusion-O” als ungewöhnlich schwierig. Die Dreharbeiten hatten bereits begonnen, als Castle auf eines seiner wohl spektakulärsten Gimmicks kam. Geplagt von heftigen Kopfschmerzen, suchte er einen Augenarzt auf: “Während ich das schwere Metallgestell trug und die Auswahl der Linsen durchprobierte, fühlte ich mich wie in einer fremden und verzerrten Welt. Mit jeder neuen Linse, die der Doktor einsetzte, wurde mein Sehvermögen verschwommener. Am Ende war die richtige Linse gefunden und plötzlich wurde alles klar. Ich brauchte eine Brille, aber ich hatte auch das passende Gimmick für 13 Ghosts gefunden”. Es kostet Castle Monate im Labor mit vierzig erfolglosen Tests und einige tausend Dollar, um den gewünschten Effekt zu erzielen.



Er wollte bereits aufgeben als er doch noch das “ideale” Verfahren entdeckte, das es ihm gleich einem Zauberer ermöglichen sollte, die Geister auf der Leinwand für die Zuschauer verschwinden und wieder auftauchen zu lassen. Er färbte den Hintergrund für die Geistersequenzen des Films blau ein, in den nun die rotgefärbten Geister einkopiert wurden. Die Columbia ließ einige hunderttausend “Geister-Seher” – den 3-D-Brillen nicht unähnlich – herstellen, die kostenlos an den Kinokassen verteilt wurden. Ein kurzer Blick in irgendein Buch über Farbenlehre hätte allerdings genügt, damit Bill Castle den schlußendlichen Effekt dieses Farbenspiels erähnt hätte, und das nicht nur theoretisch: Natürlich konnte man die Geister auch noch durch den blauen Teil der Brille sehen, schaute man durch den roten, schienen sie hingegen regelrecht zu glühen. Dies mag auch der Grund dafür sein, dass alle Videos und Laserdiscs von 13 Ghosts, die die Columbia seitdem lizensiert hat, nur in Schwarzweiß veröffentlicht wurden, und in diesen Fassungen (man mag es kaum glauben) sind die Geister unsichtbarer als in der Original-Kinofassung.*

Der allerorts grassierenden “Castlemania” war dieses kleine Mißgeschick dennoch nicht abträglich, wie der Regisseur selbst erzählt: “William Castle-Fanclubs wurden im ganzen Land gegründet, fast in jeder Stadt, mit insgesamt einer Viertelmillion Mitgliedern. Vier Vollzeitsekretäre der Columbia beantworteten die Fanpost, verschickten Karten und Bilder mit Autogrammen etc. Immer, wenn ich eine Stadt besuchte, empfingen mich hunderte Kids am Flughafen. Ich wurde ein Star. Mein Name erschien nun an jedem Theater über dem Filmtitel”. Auf den Spuren Hitchchcoks war Bill Castle wieder “The Spider Boy” geworden, die Hauptattraktion des Abends, die die Teenager in Staunen versetzte; doch noch war er bei weitem nicht so berühmt wie sein großes Vorbild. Joe Dante hat dieses Dilemma in Matinee, jenem Film über das Exploitation-Kino zu Angang der sechziger Jahre, in dem John Goodman eine Figur verkörpert, die der Bill Castles nicht unähnlich ist, wunderbar persifliert. Dort möchte ein Halbwüchsiger ein Autogramm von dem “berühmten Filmregisseur” und nennt diesen – fälschlicherweise – “Mr. Hitchcock”. Als er bei der Veröffentlichung seines nächsten Films ein neues Gimmick suchte, sollte Castles ganze Aufmerksamkeit folglich der Frage gelten: “Wie kann ich Alfred Hitchcock toppen?”

13 Ghosts

Während der Paläontologe Cyrus Zorba (Donald Woods) im Museum gerade einen Vortrag hält, werden bei ihm zu Hause die Möbel gepfändet, und dies ausgerechnet am Geburtstag seines kleinen Sohnes Buck (Charles Herbert). Die abendliche Feier der Familie Zorba, neben Cyrus und Buck noch aus der Mutter Hilda (Rosemary de Camp) und der Tochter Medea (Jo Morrow) bestehend, auf dem Fußboden der leeren Wohnung verläuft nicht gerade nach den Vorstellungen Bucks – er wünscht sich nichts sehnlicher als ein Haus mit Möbeln. Just in diesem Moment überbringt ein sinistrer alter Mann ein Telegramm des Rechtsanwaltes Ben Rush (Martin Milner). Am nächsten Tag in Rushs Büro erfüllt sich Bucks Wunsch schneller als erwartet: Cyrus hat von seinem Onkel Dr. Plato Zorba ein Haus geerbt. Doch es heißt, der verblichene Onkel war ein Meister des Okkulten; er soll in dem Haus Geister gesammelt haben, die ihn schließlich zerstört hätten. Rush übergibt Cyrus auch ein kleines Päckchen seines Onkels, in dem sich eine eigenartige, futuristisch erscheinende elektrische Brille befindet.

Trotz aller Bedenken treten die Zorbas ihr unheimliches Erbe an. In dem Haus lebt noch Dr. Plato Zorbas ehemalige Haushälterin Elaine (Margaret Hamilton), die der pfiffige und ständig Gruselgeschichten verschlingende Buck sofort für eine Hexe hält. (In der Tat gilt Margaret Hamilton seit ihrem Auftritt in The Wizard of Oz wohl als die Hexe des Hollywood-Kinos, und Bill Castle lässt selbstverständlich keine Gelegenheit aus, um diverse Anspielungen auf ihr Hexen-Image unterzubringen.) Cyrus findet in einem Geheimfach ein lateinisch geschriebenes Buch, derweil sich die Familie mit einem alten “Qui-Ja”-Spiel vergnügt. Aber die Antworten, die das Spiel gibt, sind wenig erfreulich: 13 Geister befinden sich in dem Haus, die einen der Bewohner töten werden.

Bereits in der ersten Nacht beginnt der Spuk: Blumen verwelken, ein furchtbares Stöhnen durchdringt die Räume und “Emilio mit dem Hackmesser” beseitigt in der Küche seine “treulose Ehefrau” und “ihren Liebhaber” ein zweites Mal. Durch eigenartige Geräusche angelockt, entdeckt Cyrus einen geheimen Raum. Dort vernimmt er ein Flüstern: “Thirteen, thirteen…” – er setzt die geerbte Brille auf…

Ebenso wie die Zuschauer im Kinosaal ihre “Geister-Seher”. Die erste Farbsequenz von 13 Ghosts ist der surreale Höhepunkt des Films: Flammen schlagen aus einem Buch, das “brennende Skelett” verwandelt sich in ein riesiges, brennendes und rotierendes Rad, das mit lautem Getöse den Raum durchfliegt und Cyrus bedroht. Bevor Cyrus – und die Zuschauer – ihre “Geister-Seher” wieder absetzen dürfen, bekommt der Unglücksselige von den Geistern noch eine warnende “13” in die Hand eingebrannt.

…Cyrus’ Paläontologen-Kollege im Museum van Allan (John van Dreelen) hat mittlerweile den lateinischen Text des Buches übersetzt. Dort heißt es , dass Dr. Zorbas Geister durch “ungelöste Probleme” (sic!) im Zwischenreich zwischen Leben und Tod festgehalten werden. Cyrus Onkel, der nicht nur mit Spiritismus, sondern auch mit “ultravioletter Fotografie” experimentiert hat, konnte nachweisen, dass, sobald man einen Geist sieht, man ihn auch kontrollieren kann. Dr. Zorba hat jedoch nur 11 Geister gefangen gehalten. Der 12. Geist ist er nun selbst, dazu verdammt, so lange als Untoter zu spuken, bis er ein an ihm begangenes Verbrechen gerächt hat. Offensichtlich will Dr. Zorba, dass seine Nachkommen ihn von seinen Qualen erlösen – doch wie?

Währenddessen ist in der Küche wieder “Emilio mit dem Hackmesser” zugange, vor den Augen der Familie das Geschirr zerdeppernd. Den kleinen Buck kann dies kaum mehr erschrecken, zumal ihm die “Hexe” Elaine die unruhigen Mitbewohner des Hauses bereits vorgestellt hat. Einer dieser Geister macht Cyrus auf die Umstände des Todes seines Onkels aufmerksam: An dem Bett, in dem Dr. Plato Zorba starb, befindet sich ein mörderischer Mechanismus, mittels dessen das Dach des Bettes, gleich einer gigantischen Presse, herabgelassen werden kann. Während Cyrus realisiert, dass sein Onkel ermordet wurde, bandelt Rush mit Medea an (die gleichklingende Aussprache von “Medea” und “my dear” ist nicht ganz zufällig).


Deutsches Plakat und Aushangfoto

 

Die zweite Nacht der Zorbas in dem Haus steht bevor. Medea wird von einem furchtbar anzusehenden – doch diesmal sehr real wirkenden – Geist bedroht, und Buck beobachtet im Keller mit dem “Geister-Seher” eine makabre Szenerie: Einen riesigen Löwen, der von einem kopflosen Löwenbändiger mit der Peitsche traktiert wird (die zweite ausgedehnte Farbsequenz des Films). Buck macht aber noch eine weitere Entdeckung. Immer, wenn er das große Treppengeländer hinunterrutscht, fliegen ihm einige Geldscheine entgegen. Ben Rush weiß genau was dies zu bedeuten hat: Sein ehemaliger Klient Dr. Zorba hat in dem Haus ein Vermögen versteckt! Er stiftet Buck dazu an, nach dem Geld zu suchen und niemandem etwas davon zu erzählen.

 

Die ahnungslosen Zorbas halten gerade eine Séance ab; mit Hilfe von Elaines spiritistischen Fähigkeiten wollen sie endgültig hinter die Geheimnisse des Hauses, der Geister und ihres Onkels kommen. In der Sitzung fährt Plato Zorbas Geist plötzlich in seinen Neffen Cyrus, um eine grauenvolle Prophezeiung abzugeben: Diese Nacht wird jemand von ihnen sterben, sich in den 13. Geist verwandeln. Gleichzeitig hat Buck das Geld unter der Treppe entdeckt. Ben Rush, der seinerzeit Dr. Zorba ermordet und sich auch selbst als Gespenst verkleidet hat, nimmt seine Beute an sich, um den Jungen daraufhin in Dr. Zorbas Bett zum Schweigen zu bringen. Doch dann schwebt der Geist des Ermordeten durch das Zimmer und stößt seinen Mörder in das Bett – der aktivierte Mechanismus vollendet die Rache und sorgt für Dr. Zorbas endgültigen Seelenfrieden.

Die Zorbas haben jetzt nicht nur ein möbliertes Haus, sondern auch ein Vermögen und mit Elaine eine vermeintliche “Hexe” geerbt. Auf Bucks abschließende Frage, ob sie denn wirklich eine Hexe sei, antwortet Elaine finster: “Stell mir keine Fragen, und ich muss dir keine Lügen erzählen”. Langsam fährt die Kamera durch das Haus auf die Eingangstür zu, noch einmal alle Geister zeigend. Die Tür schließt sich und die Worte: “Haus zu verkaufen”, brennen sich von außen ein. Bevor die Zuschauer den Kinosaal verlassen, materialisiert sich William Castle wieder hinter seinem Schreibtisch:

“Einen Moment noch, bevor Sie nun gehen. Wenn irgendjemand von Ihnen immer noch nicht davon überzeugt ist, dass es wirklich Geister gibt, dann nehmen Sie ihren ‘Geister-Seher’ mit nach Hause. Und heute Nacht, wenn Sie allein sind und Dunkelheit in Ihrem Zimmer herrscht, dann schauen Sie durch den roten Teil des Sehers – wenn Sie es wagen!”

Nicht wenige Kids dürften dieser Empfehlung gefolgt sein, sich die Nacht auf der Suche nach diesen wunderbaren Geistern Bill Castles um die Ohren schlagend. “Ich brachte sogar Stunden damit zu, in meinem Schlafzimmer zu sitzen und durch das blaue und rote Cellophan meiner William Castle-‘Geister-Seher’ zu schauen, in der Hoffnung jenen ‘Scharfrichter mit abgetrenntem Kopf’ wirklich zu sehen”, so John Waters – einer dieser Kids -, der allerdings später, in etwas reiferem Alter, auch zugab, dass “13 Ghosts auch ohne jede Brille noch einzigartig ist – wunderschön surreal, fast schon künstlerisch ambitioniert”. Nun, “künstlerisch ambitioniert” ist 13 Ghosts vielleicht nicht gerade – When Strangers Marry blieb der einzuige Film Bill Castles, der dieses Prädikat verdient – aber einer jener visuell fesselnden Horrorfilme des “Gimmick-King”, deren Atmosphäre sich mit Worten nur sehr begrenzt wiedergeben lässt. Natürlich ist es kaum der Plot, der ganze spiritistische Hokuspokus mit seinen obskuren Erklärungen, der diesem Film seine Besonderheit verleiht, vielmehr sind es sein sanfter, sarkastischer Humor, seine stimmungsvollen, unglaublich bizarren Bilder und sogar eine gewisse Eleganz in der Inszenierung. So verwendet Castle gleich zu Beginn eine Split-Screen (während eines Telefongespräches zwischen Cyrus und Hilda), was den Bildaufbau nicht nur erheblich verkompliziert, sondern auch die zweite Reflexionsebene – das Herausspringen aus dem Film – ermöglicht. Surreal sind vor allem die gesamte Eingangssequenz (der Auftritt Bill Castles mit dem Skelett, der psychedelisch anmutende Vorspann und die Vorstellung der 13 Geister) sowie die zahlreichen Geistererscheinungen, wobei die beiden eingefärbten Sequenzen mit ihrem, an einen Comic-Strip erinnernden, konstrastreichen Farbspiel (laut Castles Werbeslogan “Ectoplasmic Color”) dem Film zweifellos seine “künstlerische” Aura verleihen. Wie von John Waters bemerkt, verliert 13 Ghosts auch ohne Brille gesehen nichts von seiner optischen Faszination, wohingegen die derzeit erhältlichen Schwarzweiß-Fassungen leider deutlich abfallen. Sollten die Verantwortlichen der Columbia irgendwann einmal realisieren, welch außergewöhnlichen Regisseur sie hier eigentlich unter Vertrag gehabt haben, und ein akkurate Neuveröffentlichung des Films initiieren*, hätte 13 Ghosts, Bill Castles nie ganz ernst gemeintes, liebenswertes Spukhausfest, die größten Aussichten darauf, ein wirklicher Kult-Film zu werden.


13 Ghosts in Schwarzweiß und in “Ectoplasmic Color”

 

Nicht ohne Spott ist seitens der Kritik immer wieder darauf hingewiesen worden, dass die Qualität von Castles Filmen sehr von seinen Drehbüchern und Darstellern abhing. Ganz abgesehen davon, dass “Qualität” ohnehin nur ein relativer Begriff ist – erstrecht für einen derart fantasiereich und unbekümmert arbeitenden Filmemacher wie William Castle -, gilt diese Banaliät wohl für jeden Regisseur. In House on Haunted Hill war es die wuchtige Präsenz eines Vincent Price, der mit seinem hochgradig ironischen Spiel die ganze Leinwand beherrscht hat, der nicht weniger humorvolle 13 Ghosts wird von dem kleinen Charles Herbert getragen. 1960 dürfte den Kids Charles Herbert noch sehr gut aus Kurt Neumanns Horror-Hit The Fly (1958) in Erinnerung geblieben sein, in dem sich der Kinder-Star gemeinsam mit Vincent Price auf die Jagd nach einer Fliege, die in Wirklichkeit sein Vater war, gemacht hat. Wie in The Fly, so spielt Herbert auch in 13 Ghosts für sein Alter erstaunlich präzise, mit einem Gespür für den Humor und die Komik von solch einer an den Haaren herbeigezogenen Geschichte. Seine Dialoge mit der “Hexe” Margaret Hamilton sind wirklich witzig, mit seiner altklugen Abgeklärtheit angesichts der schaurigen Ereignisse in dem Spukhaus übertrifft er die anderen Darsteller mühelos.

Für die Kids war 13 Ghosts selbstverständlich in erster Linie gedacht, und so lässt es sich Castle nicht nehmen, die Geschichte größtenteils aus der Perspektive Charles Herberts zu erzählen und auch schon einmal eines einer Merchandising-Artikel (eine Horror-Maske) ins Bild zu rücken – lange vor Scream hat der Showmann William Castle seine jugendliche Fans schon bewusst ihres Taschengeldes beraubt, aber er hat ihnen auch immer etwas zurückgegeben, etwas Wunderbares jenseits des reinen Kinospektakels und der Effekthascherei, das mittlerweile im Kino sehr selten geworden ist: Eine Ahnung davon, dass auch für die Erwachsenen das Reich kindlicher Fantasie nicht unbedingt verloren sein muss.

 

 

(Auszug aus: William Castle oder Die Macht der Dunkelheit, Meitingen 2000, S. 120-131. copyright 2000 by Robert Zion/Corian-Verlag)

 

Bild-/Tonträger:
*Das William Castle-Buch erschien 2000. Im darauffolgenden Jahr veröffentlichte die Columbia 13 Ghosts dann doch noch auf DVD mit seinem Original-Gimmick.

DVD: 13 Ghosts (Columbia [USA, RC 1], 2001), Ton: Englisch, Spanisch. Bildformat: 1.85:1. Schwarz-Weiß-Fassung und Farbfassung (in “Illusion-O”) mit “Ghost-Viewer”.

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