CRY OF THE BANSHEE (1970) von Gordon Hessler

Cry of the Banshee (Der Todesschrei der Hexen, Gordon Hessler, 1970)

Nachdem Gordon Hesslers Cry of the Banshee (Der Todesschrei der Hexen, 1970) mit Vincent Price in Deutschland lange Zeit indiziert war und erst 2001 endlich vom Index genommen wurde, hat Ostalgica den Film 2016 in einer sehr anschaulichen Version als Mediabook veröffentlicht. Zu sehen ist darin nicht nur die US-Fassung der American International Pictures (AIP), sondern auch die britische und internationale Fassung, die eher den Vorstellungen Hesslers entsprach und die u.a. eine sehr schöne Titelsequenz von Terry Gilliam (Monty Python) aufzuweisen hat. Zu dieser Zeit hatten AIP-Chef Samuel Z. Arkoff und AIP-Produktionsleiter Louis M. Heyward nur wenig Interesse an guten Filmen, gewünscht waren Poe-Sequels nach dem Exploitation-Muster zu den äußerst erfolgreichen Filmen Roger Cormans. So wurde bereits Witchfinder General (Der Hexenjäger, 1968) von Michael Reeves (Besprechung auf Lichtblitze) in den USA unter dem Titel The Conqueror Worm – zudem mit einer grässlichen Filmmusik versehen – als Poe-Film vermarktet. Es lohnt sich also zunächst auf die Hintergründe der Produktion von Cry of the Banshee einzugehen:


Cry of the Banshee: Titelsequenz von Terry Gilliam

„Nach Scream and Scream Again (Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse, 1970) wollte AIP Hessler von seinen ‚Kunst-Filmen‘, wie Arkoff süffisant meinte, abbringen und zur Tagesordnung übergehen und schickte ihm das Drehbuch (geschrieben von Tim Kelly) für seinen nunmehr dritten AIP-Film: Cry of the Banshee. Hessler war schockiert: ‚Es war eines der schlechtesten Drehbücher mit denen ich jemals gearbeitet habe. Jeder merkte, dass es katastrophal war. Christopher Wicking und ich haben dann eine Menge Nachforschungen über Hexen angestellt. Wir waren dabei den Film umzuschreiben, ihn vollkommen anders zu machen – es hatte überhaupt nichts mehr mit Cry of the Banshee zu tun. Doch dann wurde Deke Heyward sehr, sehr zornig. Er sagte: ‚Das kannst du nicht machen; das ist nicht das Drehbuch, das wir gekauft haben.‘ Ich sagte: ‚Wir müssen hier etwas verändern.‘ Er sagte: ‚Ja, du kannst zehn Prozent verändern. Das ist alles – zehn Prozent!‘ Alles, was wir mit dem Film machen konnten, war, ihn filmisch interessanter zu gestalten: verfremdende Einstellungen, Kamerabewegungen und solche Sachen.‘ Und so begannen die Dreharbeiten im Oktober 1969 in Old Reading in England zu einem Film, von dem jeder wusste, dass er ein Desaster werden würde“ (Die Kontinuität des Bösen, S. 229).

 

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LAURA (1944) von Otto Preminger

Laura (Otto Preminger, 1944)

Vincent Price hat in seiner langen Karriere in mehreren Kriminal-Thrillern mitgespielt, die der Schwarzen Serie oder dem Film Noir zuzurechnen sind, so neben Laura u.a. in Leave Her to Heaven (1945), His Kind of Woman (1951) und zuletzt The Heart of Justice (1993). Doch davon gilt heute nur Otto Premingers Laura als Klassiker dieser wohl faszinierendsten, anspruchsvollsten und düstersten aller Film-Strömungen Hollywoods; ein Film, der in einer Reihe mit Meisterwerken wie Edward Dmytryks Murder My Sweet (1945), Robert Siodmaks Criss Cross (1948) oder Joseph H. Lewis Gun Crazy (1949) genannt wird.

Laura weist alle Stilmerkmale des Film Noir auf: Eine skeptisch-pessimistische Grundstimmung, gebrochene und desillusionierte Helden vom Schlage eines Sam Spade, ausnahmslos zwielichtige Charaktere, die männerverschlingende Femme Fatale, eine kammerspielartig ablaufende Jagd nach dem Kriminellen und natürlich bedrückend klaustrophobisch anmutende dunkle Gassen, Treppenhäuser und Räume, auf deren Wänden sich die harten Schatten des Interieurs und der sich beinahe traumwandlerisch bewegenden Protagonisten abzeichnen. Obwohl Laura ein ungewöhnlich hell ausgeleuchteter Film Noir ist, zerfällt auch in ihm, wie stets in den Filmen der Schwarzen Serie, die Wirklichkeit in traumartige Sequenzen, Einstellungen und Bilder, in Rückblenden und visuelle Trümmer, in denen sich Pessimismus, Grauen und düstere Obsessionen manifestieren.

Aber Laura ist dies alles und noch viel mehr. Zunächst ist der Film eine bittere, beißend zynische Studie über die Männerwelt der New Yorker upper class mit ihren Blendern, eingebildeten Gigolos, Intriganten und beinahe unerträglich dekadenten Salonlöwen. Laura ist selbstverständlich auch ein Kriminal- und Liebesfilm; doch vor allem handelt er vom Verlorensein und von der Kälte des in bedingungsloser Egozentrik gefangenen modernen Menschen, von seiner Unfähigkeit, in dem anderen mehr zu sehen als nur das eigene Wunschbild.

Dass Laura „einer der berühmtesten aber doch eigenständigsten Filme der Schwarzen Serie“ wurde, wie Hahn/Jansen schreiben, lag wohl vor allem an Otto Preminger, der, von der Fox anfänglich nur als Produzent vorgesehen, ebenso wie Studioboss Darryl F. Zanuck mit den zunächst von Rouben Mamoulian gedrehten Szenen höchst unzufrieden war. Mamoulian, ein vor allem visuell denkender Regisseur, wurde bald von Preminger ersetzt, der selbst die Gründe dafür angab: „Rouben kannte nur nette Leute. Ich verstand die Charaktere in Laura. Sie waren alle Lumpen, genau wie meine Freunde.“ „Ich hatte gewisse Zweifel bei Laura„, so Vincent Price, „nicht etwa, weil ich gedacht hätte, dass die Story nicht großartig war oder dass die Rollen nicht großartig waren… Aber wir hatten eine Menge Probleme, denn der Produzent schmiss den ursprünglichen Regisseur Rouben Mamoulian raus und übernahm selbst die Regie. Und er hatte recht. Aber die Besetzung, jeder von uns, verstand damals wirklich nicht, was falsch gelaufen war. Und als wir zum Arbeiten zurückkamen und das ganze Ding mit einem anderen Regisseur neu drehten, waren wir wirklich verärgert, da wir nicht sahen, was dieser eigentlich tat. Es war Otto Preminger. Er aber steht für die Unterschiede in dem Film, die aus ihm einen Erfolg gemacht haben… Denn Otto verstand diese Art Leute. Und der ursprüngliche Regisseur, der ein wirklich sehr guter Regisseur war, hat sie nicht verstanden“.

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Joseph L. Mankiewicz‘ DRAGONWYCK (1946)

Dragonwyck (Weisser Oleander, Joseph L. Mankiewicz, 1946)

Connecticut, Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Familie des tiefgläubigen Farmers Ephraim Wells (Walter Huston) erhällt einen Brief von dem Lehnsherren Nicholas Van Ryn (Vincent Price), einem entfernten Verwandten, in dem dieser darum bittet, ihm eine von Wells‘ Töchtern als Erzieherin seines Kindes in sein Herrenhaus Dragonwyck am Hudson River zu schicken. Nach einigem Zögern ihres Vaters darf schließlich Miranda (Gene Tierney), ein für die ihr unbekannte Welt des Adels schwärmendes Mädchen voller naiver Lebenslust, diese Reise antreten. Aber Miranda findet dort keineswegs die von ihr erwartete glitzernde Welt des Adels vor. In dem protzigen Dragonwyck residiert Van Ryns verfressene und verunsicherte Frau Johanna (Vivienne Osborne). Unter einer Fassade höflicher Umgangsformen verbergen sich ein untergründiger familiärer Hass und tödliche Langeweile, nur mühsam kaschiert von der unvergleichlichen Arroganz Van Ryns und einem verzweifelten Festhalten an starren Konventionen.

Eine beklemmende Atmosphäre, die sich in den tieftraurigen Augen von Van Ryns Tochter Katrina (Connie Marshall) widerspiegelt.

Überdies beginnen die Farmer unter der Führung des jungen Arztes Dr. Turner (Glenn Langan) gegen ihren Lehnsherren zu rebellieren. Obwohl der Aufstand der Farmer gegen das Pachtgesetz sich ausweitet, besteht Van Ryn auf sein auf das Jahr 1630 zurückgehendes „verbrieftes Recht“ als Patron. Doch der Kampf um die Besitzrechte des Landes wird von der familiären Tragödie überschattet: Während Johanna mit einer Erkältung im Bett liegt, stellt ihr Van Ryn in vermeintlich fürsorglicher Absicht einen Oleanderbaum in das Schlafzimmer. Als sie am darauffolgenden Tag stirbt, steht der von Van Ryn eigens konsultierte Dr. Turner vor einem Rätsel. Schon bald nach dem plötzlichen Tod seiner Frau gesteht der Patron der verwirrten Miranda seine Liebe – und auch, dass Johanna nach der Geburt ihrer Tochter keine Kinder mehr bekommen konnte („Es traf mich wie ein Todesurteil, dass Dragonwyck keine männlichen Erben haben sollte“). Kurz vor der Rückkehr zu ihrer Familie wird auch Dr. Turners Antrag von Miranda abgewiesen.

Nachdem Miranda nach Connecticut zurückgekehrt ist, tauch schon bald Van Ryn auf und hält um die Hand des jungen Mädchens an. Die beiden heiraten – dem jungen Glück scheint nichts mehr im Wege zu stehen.

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Tim Burtons EDWARD SCISSORHANDS (1990)

Edward Scissorhands (Edward mit den Scherenhänden, Tim Burton, 1990)

Den „Zauberer von Hollywood“ hat man ihn einmal genannt, und in der Tat hat es Tim Burton mit Filmen wie Beetlejuice, Ed Wood oder Mars Attacks! innerhalb kürzester Zeit geschafft die Filmwelt in seinen Bann zu ziehen. Trotz aller unabdingbaren Geschäftstüchtigkeit und Durchsetzungsfähigkeit ist er dabei das Kind geblieben, das sich weigert erwachsen zu werden, ein anarchischer Fantast, der seine Figuren hingebungsvoll und warmherzig in Szene setzt. Und wie nebenher hatte Burton dabei nicht nur den einen oder anderen Seitenhieb auf die amerikanische Kultur und seine eigenen nachdrücklichen Bekenntnisse zum Außenseitertum parat, er erfüllte sich überdies noch seine Kindheitsträume und setzte den Helden seiner Jugend späte filmische Denkmale: Edward D. Wood jr., Bela Lugosi und Vincent Price.

Wie die Karriere vieler Horror-Stars gezeigt hat – man denke nur an Bela Lugosi, Lionel Atwill, John Carradine oder Donald Pleasence -, ist es für einen auf das Genre festgelegten Darsteller mitunter das Schwierigste, über die Jahre jene Würde im Beruf zu wahren, die für Vincent Price stets eine so große Bedeutung hatte. Tim Burtons Ed Wood ist ein bis jetzt einmaliges, einfühlsames Dokument über deren Verlust und doch auch über das Unzerstörbare der menschlichen Würde – selbst im eiskalten Geschäftsbetrieb Hollywoods. Burton konnte Edward D. Wood jr. und Bela Lugosi so in Szene setzen, weil er sie mit dem ganzen Enthusiasmus eines Filmverrückten liebte. Darum auch hat Tim Burton in Ed Wood eine der grausamsten Bilderfolgen drehen können, die ich, trotz jahrelanger Horrorfilmerfahrung, jemals auf der Leinwand gesehen habe: Eine langsame Kamerfahrt durch die nächtlichen, düsteren Gänge einer Klinik, begleitet von entsetzlichen Schreien, die schließlich an einer Krankenzimmertür endet, durch deren Scheibe man den ans Bett gebundenen, sich in Schmerzen windenden Bela Lugosi sieht – ein alter verfallener Mann, der einst die Welt in Angst und Schrecken versetzte, auf Morphium-Entzug.

 


Ed Wood (Tim Burton, 1994)                                                 House of Usher (Roger Corman, 1960)

 

Dass Vincent seine Würde niemals verloren hat, trotz des Materials mit dem ein Horrofilm-Darsteller manchmal „verflucht“ ist, wie Christopher Lee sich ausdrückte, hatte für Burton einen ganz einfachen Grund: „Niemand wird gerne auf eine Sache festgelegt, aber mit Bitterkeit schafft man es nicht, daraus auszubrechen. Vincent hat es geschafft, indem er es liebevoll umarmte“.

Burton hat sein Idol nicht nur geliebt und mit Vincent, Edward Scissorhands und A Visit With Vincent gewürdigt, er hat ihn auch wie kaum ein Regisseur seit Roger Corman verstanden. Gegenüber Lucy Chase Williams sagte er: „Vincents Charaktere hatten eine Sensibilität, hochgradige Sensibilität, eine hochgradige Bewusstheit. Er hatte solche Energie; das offenbarte sich in allem. Die Kombination seiner Stimme mit seinem Erscheinungsbild – da war immer etwas, was mir unter die Haut ging… Es ist schwer, einen Lieblingsfilm herauszugreifen. House of Usher ist eine Versinnbildlichung für ein gewisses Gefühl, das zu erreichen für mich am erstrebenswertesten ist. Ich habe immer Probleme mit einer bestimmten Mixtur aus Horror und Komödie. The Raven war keiner von meinen Lieblingsfilmen. Ich wollte Vincent glauben, ja, ich glaubte ihm. Obwohl ich wusste, dass es ihm Spaß machte, glaubte ich ihm. Was ich sehe, ist jemand, der es genießt zu spielen, der liebt was er tut, der aber dabei nicht die Grenze zum Lächerlichen überschreitet. Er war sehr kontrolliert… Da ich eigentlich ausschließlich immer Horrorfilm-Fan war, habe ich Vincents andere Filme erst viel später gesehen. Ich weiß nicht, was ich als Junge von ihnen gehalten hätte, denn ich war so auf Horror fixiert; es gab nichts anderes. Ich denke der Horror-Stoff war wie für ihn gemacht. Und hören sie, ich bin strikt dagegen, Leute in Schubladen zu stecken – ich denke wirklich, dass es das Gebiet ist auf dem er brillant war. Und ich weiß nicht, ob ich das nur glaube, weil ich ihn so sehr in diesen Filmen liebte. Er hatte diese einzigartige Qualität, andere Schauspieler konnten vielleicht Komödien spielen; aber nur er konnte diese Poe-Filme machen“.

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Der Pessimismus der 68er-Generation – Michael Reeves‘ WITCHFINDER GENERAL

Witchfinder General (Der Hexenjäger, Michael Reeves 1968)

„WITCHFINDER GENERAL hat keine explizite ‚Botschaft’ aber er sagt einiges über die Ursprünge der Verzweiflung – und er sagt es kraftvoll“.

Films and Filming, Juli 1968

Michael Reeves

„L’imagination au pouvoir!“ („Die Fantasie an die Macht!“) war die Parole der Pariser Studenten im Mai 1968, ein Jahr nach jenem „Summer of Love“, in dem die Jugend der westlichen Welt „Make love not war!“ gefordert hatte, den Aufstand gegen das Schlachten in Vietnam, verkrustete Strukturen und ihre Elterngeneration probte, in dem der Begriff der „Utopie“ durch die Köpfe linker Intellektueller geisterte. In den USA hatte Roger Corman 1967 für die AIP noch The Trip gedreht, nach einem Drehbuch von Jack Nicholson und inspiriert vom Guru der Psychedelia-Bewegung Timothy Leary, einen Film, mit dem sich „The King of the B’s“ unverholen zur Revolte der Jugend bekannt hatte. Doch die drei großen Klassiker, die das Horrorgenre 1968 hervorgebracht hat, stehen eigenartigerweise im genauen Gegensatz zur Aufbruchstimmung der 68er-Generation, gerieten defätistisch, apokalyptisch, ja, geradezu wie eine Bankrotterklärung des Menschen vor sich selbst. Nicht Utopie und Hoffnung, sondern der Sieg Satans und der Untergang der Menschheit standen im Mittelpunkt von Roman Polanskis Rosemary’s Baby und George A. Romeros Night of the Living Dead. Und ausgerechnet in jenem Mai ’68 erschien ein Film, der wohl zu den pessimistischsten der ganzen Filmgeschichte zu zählen ist, Michael Reeves‘ Witchfinder General.

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