Tim Burtons EDWARD SCISSORHANDS (1990)

Edward Scissorhands (Edward mit den Scherenhänden, Tim Burton, 1990)

Den „Zauberer von Hollywood“ hat man ihn einmal genannt, und in der Tat hat es Tim Burton mit Filmen wie Beetlejuice, Ed Wood oder Mars Attacks! innerhalb kürzester Zeit geschafft die Filmwelt in seinen Bann zu ziehen. Trotz aller unabdingbaren Geschäftstüchtigkeit und Durchsetzungsfähigkeit ist er dabei das Kind geblieben, das sich weigert erwachsen zu werden, ein anarchischer Fantast, der seine Figuren hingebungsvoll und warmherzig in Szene setzt. Und wie nebenher hatte Burton dabei nicht nur den einen oder anderen Seitenhieb auf die amerikanische Kultur und seine eigenen nachdrücklichen Bekenntnisse zum Außenseitertum parat, er erfüllte sich überdies noch seine Kindheitsträume und setzte den Helden seiner Jugend späte filmische Denkmale: Edward D. Wood jr., Bela Lugosi und Vincent Price.

Wie die Karriere vieler Horror-Stars gezeigt hat – man denke nur an Bela Lugosi, Lionel Atwill, John Carradine oder Donald Pleasence -, ist es für einen auf das Genre festgelegten Darsteller mitunter das Schwierigste, über die Jahre jene Würde im Beruf zu wahren, die für Vincent Price stets eine so große Bedeutung hatte. Tim Burtons Ed Wood ist ein bis jetzt einmaliges, einfühlsames Dokument über deren Verlust und doch auch über das Unzerstörbare der menschlichen Würde – selbst im eiskalten Geschäftsbetrieb Hollywoods. Burton konnte Edward D. Wood jr. und Bela Lugosi so in Szene setzen, weil er sie mit dem ganzen Enthusiasmus eines Filmverrückten liebte. Darum auch hat Tim Burton in Ed Wood eine der grausamsten Bilderfolgen drehen können, die ich, trotz jahrelanger Horrorfilmerfahrung, jemals auf der Leinwand gesehen habe: Eine langsame Kamerfahrt durch die nächtlichen, düsteren Gänge einer Klinik, begleitet von entsetzlichen Schreien, die schließlich an einer Krankenzimmertür endet, durch deren Scheibe man den ans Bett gebundenen, sich in Schmerzen windenden Bela Lugosi sieht – ein alter verfallener Mann, der einst die Welt in Angst und Schrecken versetzte, auf Morphium-Entzug.

 


Ed Wood (Tim Burton, 1994)                                                 House of Usher (Roger Corman, 1960)

 

Dass Vincent seine Würde niemals verloren hat, trotz des Materials mit dem ein Horrofilm-Darsteller manchmal „verflucht“ ist, wie Christopher Lee sich ausdrückte, hatte für Burton einen ganz einfachen Grund: „Niemand wird gerne auf eine Sache festgelegt, aber mit Bitterkeit schafft man es nicht, daraus auszubrechen. Vincent hat es geschafft, indem er es liebevoll umarmte“.

Burton hat sein Idol nicht nur geliebt und mit Vincent, Edward Scissorhands und A Visit With Vincent gewürdigt, er hat ihn auch wie kaum ein Regisseur seit Roger Corman verstanden. Gegenüber Lucy Chase Williams sagte er: „Vincents Charaktere hatten eine Sensibilität, hochgradige Sensibilität, eine hochgradige Bewusstheit. Er hatte solche Energie; das offenbarte sich in allem. Die Kombination seiner Stimme mit seinem Erscheinungsbild – da war immer etwas, was mir unter die Haut ging… Es ist schwer, einen Lieblingsfilm herauszugreifen. House of Usher ist eine Versinnbildlichung für ein gewisses Gefühl, das zu erreichen für mich am erstrebenswertesten ist. Ich habe immer Probleme mit einer bestimmten Mixtur aus Horror und Komödie. The Raven war keiner von meinen Lieblingsfilmen. Ich wollte Vincent glauben, ja, ich glaubte ihm. Obwohl ich wusste, dass es ihm Spaß machte, glaubte ich ihm. Was ich sehe, ist jemand, der es genießt zu spielen, der liebt was er tut, der aber dabei nicht die Grenze zum Lächerlichen überschreitet. Er war sehr kontrolliert… Da ich eigentlich ausschließlich immer Horrorfilm-Fan war, habe ich Vincents andere Filme erst viel später gesehen. Ich weiß nicht, was ich als Junge von ihnen gehalten hätte, denn ich war so auf Horror fixiert; es gab nichts anderes. Ich denke der Horror-Stoff war wie für ihn gemacht. Und hören sie, ich bin strikt dagegen, Leute in Schubladen zu stecken – ich denke wirklich, dass es das Gebiet ist auf dem er brillant war. Und ich weiß nicht, ob ich das nur glaube, weil ich ihn so sehr in diesen Filmen liebte. Er hatte diese einzigartige Qualität, andere Schauspieler konnten vielleicht Komödien spielen; aber nur er konnte diese Poe-Filme machen“.

 

Der Plot und die „Moral“ von Edward Scissorhands, diesem modernen filmischen Märchen, sind schnell erzählt: Irgendwo, irgendwann in Amerika entdeckt die Avon-Beraterin Peg (Dianne Wiest) in einem schaurig-schönen Gruselschloß über ihrem Städtchen ein seltsames, verstörtes Wesen: den Homunculus Edward (Johnny Depp), der statt Händen messerscharfe Scheren hat, und entschließt sich, diesen mit nach Hause zu nehmen.

Zunächst ist man dort noch begeistert von dem fremdartigen, etwas mysteriösen Ankömmling. Solange Edward sich in der kleinstädtischen Vorgärtchenkultur im Heckenschnipseln oder im kunstvollen Haareschneiden als nützlich erweist, scheint die Welt noch in Ordnung. Aber sobald er von einem ungewollten Regelbruch in den anderen tappt, schlägt die anfängliche Sympathie der Bewohner in blanken Hass um. Auch eine sanfte Liebsbeziehung, die sich zwischen dem Geschöpf und Pegs Tochter Kim (Winona Ryder) entwickelt, scheitert am Zusammenstoß zweier Welten und endet in der Tragödie.

 

 

Der Traum vom amerikanischen Glück jedenfalls funktioniert nicht für einen Außenseiter, der nicht darin konditioniert ist und für den Neugier und Unbekümmertheit wichtiger sind als ein paar moralische Regeln und Pragmatismus. Edwards Unschuld und seine Unfähigkeit zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, machen ihn schlußendlich wieder zu dem Einzelgänger, der er schon immer war. So kehrt er am Ende wieder ihn sein Schloß zurück, um es jedesmal, wenn er seine kunstvollen Eisskulpturen erschafft, im Städtchen schneien zu lassen.

Mehr noch als die tragischen Begebenheiten um den missverstanden Edward besticht der wunderbare Kontrast, den Burton in Edward Scissorhands entwirft: Zum einen das Szenario einer typischen amerikanischen Kleinstadt; bieder, langweilig und in kitschigen Pastelltönen gehalten, mit ihren klatschsüchtigen Hausfrauen, nervenden Halbstarken, religiösen Fanatikern, Teenagern mit Pickelphobie und arbeitsamen Ehemännern, die zu Weihnachten weißen Schaumstoff aufs Dach tackern, alles begleitet von den obligatorischen Grillparties und unglaublich platten Fernsehtalkshows – eine für den schüchternen Edward seltsame Welt, in der er sich nur schwer zurechtfindet; zum anderen das nebelverhangene Schloß, das wie aus einem Kindertraum wirkt oder wie eine skurrile Überzeichnung all der Häuser, Schlösser und dunklen Gemäuer, durch die Price über die Jahrzehnte in seinen Filmen wandelte.

 

 

Die Rückblenden, in denen erzählt wird, wie der alte Erfinder (Vincent Price) in dieser in sich abgeschlossenen, melancholischen Welt des Schlosses sein Geschöpf Edward kreiert, sind von Burton mit der ganzen Hingabe, die er für sein großes Vorbild empfand, und mit der ausschweifenden Fantasie eines Märchenerzählers inszeniert.

Und wie so viele Regisseure vor ihm, so hat auch Burtin Vincent sterben lassen, doch diesemal ist es keine Befreiung oder das tragische Ende einer klassischen Schauergeschichte, sondern eine wehmütig machende Hommage an eine große Kinofigur und vielleicht sogar der eigens für die Leinwand geschaffene letzte Abschied, der auch in Wirklichkeit nicht mehr lange auf sich warten lassen sollte. Aber Burton hat diesen Abschied nicht einfach banal in Szene gesetzt, sondern mit der Gebrochenheit, die ihn stets an Vincents Leinwandcharakteren faszinierte – als Edward dem toten Erfinder zärtlich über die Wangen streicheln will, schneiden seine Scheren tief ins Fleisch seines Schöpfers.

Vincent Price war für Burton „die Inspiration meines Lebens“, wie er einmal sagte, und wen sonst hätte er als Erfinder in Edward Scissorhands besetzten sollen als ihn, wo doch die Rolle im Drehbuch wie folgt beschrieben ist: „Er ist ein älterer Mann, faltig und schwächlicher werdend. Es ist eine unmissverständliche Aura trauriger Einsamkeit um ihn“. Darüberhinaus gab Price seiner Rolle einen Unterton von Melancholie und naiver Unschuld, die schließlich auf sein Geschöpf Edward übergehen. Und wenn Price um seine wie seltsame kleine Lebewesen erscheinenden Maschinen herumtanzt oder dem ständig melancholisch dreinblickenden Johnny Depp die Etikette beizubringen versucht, dann meint man fast, dass niemals jemand eine liebevollere Interpretation eines Mad Scientist gegeben hat als er in Edward Scissorhands. Price, dessen Tochter Mary Victoria übrigens in einer kleinen Szene als Fernsehreporterin zu sehen ist, zeigt trotz Alter und Krankheit immer noch eine wache, kraftvolle Präsenz, wirkt gewohn elegant und stilvoll und macht so aus der mit nur drei Szenen relativ kleinen Rolle einen Dreh- und Angelpunkt der wunderbar surrealen Stimmungslage des Films.

 

 

Ende 1989, in der Frühphase der Produktion des von März bis Mitte Juli 1990 gedrehten Films, waren noch Tom Cruise und Tom Hanks für die Rolle des Edward im Gespräch, bis diese schließlich an das Teenie-Idol Johnny Depp ging. Depp war nicht der erste, den Vincents offene Art und seine vereinnahmende Ausstrahlung auch in den Drehpausen beeindruckte: „Einer der unglaublichsten Momente, die ich jemals hatte, war, als ich in Vincents Wohnwagen saß und ihm die Erstauflage des Gesamtwerkes von Poe mit wirklich erstaunlichen Illustrationen zeigte, die ich besaß. Vincent war außer sich vor Begeisterung über die Zeichnungen und begann über The Tomb of Ligeia zu reden; dann schloss er das Buch, zitierte mit seiner wunderschönen Stimme und erfüllte den Raum mit einem ungeheuren Klang. Welche Leidenschaft! Später las ich in dem Buch nach – es war wörtlich, Wort für Wort perfekt. Es war ein großer Augenblick. Ich werde es niemals vergessen“. Dank Tim Burton wird es auch Milllionen von jüngeren Kinogängern nicht anders ergehen – auch sie werden sich später zurückerinnern, sich vielleicht wundernd, diesen etwas düsteren und unheimlichen und dabei doch so liebenswerten Mann mit der geheimnisvollen Aura niemals vergessen zu können.

 

(Auszug aus: Die Kontinuität des Bösen – Vincent Price in seinen Filmen, München 2000, S. 293-297. copyright 2000 by Robert Zion/belleville)

 

Bild-/Tonträger:

Blu-ray: Edward mit den Scherenhänden (20th Century Fox, 2016)

Soundtrack-CD: Danny Elfman: Edward Scissorhands (MCA Records, 1992)

Hits: 212

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