CAT PEOPLE (1942) von Jacques Tourneur

Cat People (Katzenmenschen, Jacques Tourneur, 1942)

Jacques Tourneurs Cat People, objektiv nur ein kleiner, für $134.000 von Val Lewton für die RKO produzierter B-Picture, ist vielleicht sogar mehr als nur ein Film. Man könnte den Film ein visuelles Gedicht nennen, die vielleicht schönste Liebeserklärung an die Frau, die jemals von einer Gruppe von Männern – Produzent Val Lewton, Regisseur Jacques Tourneur, Kameramann Nicholas Musuraca, Drehbuchautor DeWitt Bodeen, Cutter Mark Robson, Komponist Roy Webb – auf die Leinwand gebracht wurde. Cat People spielte $4 Millionen in den ersten beiden Jahren ein und rettete das Studio vor dem finanziellen Desaster, in das Orson Welles die RKO – nicht allein, aber im Wesentlichen – mit Citizen Kane (1941) und The Magnificent Ambersons (1942) geführt hatte. Zugleich rettete Cat People ein ganzes Genre, den Horrorfilm, den die Universal Pictures in den 40er Jahren mit immer abstruseren “Monster-Rallies” ausverkaufte.

In Cat People überlebte die ganze Poesie, die visuelle Schönheit, die archaische Kraft, die der Horrorfilm in seinen größten Momenten hervorzubringen imstande ist, über 20 Jahre nahezu allein, bevor dann andere Filme, wie etwa Rosemary’s Baby (Roman Polański, 1968), andere Regisseure, wie etwa Dario Argento und David Cronenberg, in den 60er und 70er Jahren sein Erbe antraten. Und selbst heute noch gilt: immer dann, wenn das Genre sich wieder einmal in endlosen Wiederholungen, im Formelhaften, im Misogynen verliert, dann tritt Cat People sein Erbe wieder an und erinnert an den zentralen Mythos des Horrorfilms – den des Halbwesens – und erneuert seine Fragestellung, stellt sich seiner Aufgabe, definiert sein Problem: die Natur.

Zudem, da das Kino ein vorwiegend visuelles Medium ist, in dessen Bilder sich die Bewegung und das Begehren einschreiben, trägt es stets das Versprechen in sich, sich selbst zu überschreiten und so tatsächlich zu einem eigenständigen ästhetischen Weltzugang, zur Kunst werden zu können. Auch dieses Versprechen, Cat People erhält es über die Zeiten hinweg stets aufrecht. Seine Lichtführung, Mise-en-Scène und Montage verbinden sich zu einer originären Sprache, in der seine Geschichte erzählt wird. Zunächst:

Lichtführung: Simone Simon

Cat People ist mit Licht gemalt, im gesamtem Spektrum des Schwarzen, über verschiedene Grautöne bis zum Weiß in feinen Abstufungen. Manchmal wird das Dunkel nur durch natürliche Lichtquellen erleuchtet. Dann wiederum gibt es harte Schwarz-Weiß-Kontraste, nur kleine weiße Flächen, in die die Gesichter leuchtend, aber eben auch einsam und isoliert hineinragen. Manchmal erscheinen die Charaktere wie gespensterhaft leuchtende Linienzeichnungen ihrer selbst, manchmal erscheinen die Bilder hochgradig abstrahiert, jedes Bild jedoch enthält Tiefe, eine eigene Komplexität, die den Betrachter stets in sich hineinzieht, denn:

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CANYON PASSAGE (1946) von Jacques Tourneur

Canyon Passage (Feuer am Horizont, Jacques Tourneur, 1946)

Oregon ist bis heute nicht nur einer der progressivsten Bundesstaaten der USA, sondern auch einer der Drehorte, dem der klassische Western seine beeindruckendsten Naturaufnahmen zu verdanken hat. Vielleicht hat niemand diese besondere Landschaft im Nordwesten Amerikas gegenwärtiger und intensiver eingefangen als Andre de Toth in den 50er Jahren mit zwei seiner vier großen Western: The Indian Fighter (Zwischen zwei Feuern, 1955) und Day of the Outlaw (Tag der Gesetzlosen, 1959).

Drehort Oregon: The Indian Fighter (1955) und Day of the Outlaw (1959) von Andre de Toth

Während de Toth seine beiden Filme jeweils im Sommer und im Winter in Bend, Oregon vor Ort drehte, entstand dort bereits zehn Jahre früher einer der visuell faszinierendsten Western bis heute überhaupt, aufgenommen im Crater Lake National Park, im Umpqua National Forest und am Diamond Lake in Oregon: Canyon Passage (Feuer am Horizont, 1946). Dessen Regisseur Jacques Tourneur (1904-1977) ist mittlerweile eine Kino-Legende, vor allem wegen seines außerordentlichen Gespürs für visuelle Gestaltung, insbesondere mit seinen stilbildenden Filmen für Val Lewton Cat People (Katzenmenschen, 1942), I Walked with a Zombie (Ich folgte einem Zombie, 1943) und The Leopard Man (1943) sowie mit seinem Klassiker des Film Noir Out of the Past (Goldenes Gift, 1947).

Canyon Passage: in Oregon von Portland nach Jacksonville

Für den ursprünglich aus Frankreich stammenden Tourneur war der von Walter Wanger für die Universal produzierte Canyon Passage der erste Western, aber auch der erste Farbfilm und mit einem Budget von $2,6 Millionen seine erste größere Produktion. Tourneur, visuell und gestalterisch stets sehr ambitioniert, transformiert dabei seinen düsteren, eleganten und präzisen Stil aus seinen Horrorfilmen und Film Noirs für Canyon Passage in eine überwältigende Technicolor-Fotografie. Die Kamera führte dabei Edward Cronjager, den Technicolor-Prozess (“Technicolor-Verfahren Nr. 4”) leitete Natalie Kalmus.

Canyon Passage: Bilder wie Gemälde der Präraffaeliten

Entstanden ist dabei „eines der rätselhaftesten und vorzüglichsten Beispiele, die das Westerngenre hervorgebracht hat“, so keine Geringerer als Martin Scorsese über den Film. Dabei dürfte sich dieses Urteil Scorseses kaum auf die Erzählung von Canyon Passage beziehen, die eher den gewohnten Western-Standards entspricht; die “Rätselhaftigkeit” des Films liegt tatsächlich in seiner gemäldehaften Bildgestaltung, die die künstlerischen Strömungen der Zeit, in der dieser Film spielt (Mitte des neunzehnten Jahrhunderts), als eine Art visuellen Subtext aufgreift: Caspar David Friedrich und die deutsche Romantik sind hier stets ebenso gegenwärtig wie Präraffaeliten wie John Everett Millais.

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