Goodbye, little guy! – Nachruf auf DICK MILLER

In den vergangenen vier Monaten, in denen ich mich intensiv um die Fertigstellung und den Vertrieb meines Roger Corman-Buches kümmerte, war mir Dick Miller stets präsent. Und natürlich hätte ich mir einen weniger traurigen Anlass gewünscht, um nach dieser Pause wieder in meinen Filmblog einzusteigen. Denn, wenn Dick Miller in einem Film auftaucht, dann zaubert er mir stets ein Lächeln aufs Gesicht. Und nicht selten lächelt er auch noch zurück, mit seinem so typischen, ironischen, leicht seitlichen Blick von unten herauf, wie der hipster „Shorty“ in dem 50er-Jahre-Rock’n’Roll-Club in Roger Cormans Rock All Night von 1957, seiner ersten Hauptrolle.


Rock All Night
und Sorority Girl (1957)

Viele Hauptrollen hat Dick Miller nicht gespielt, dafür aber, so zählt der Hollywood Reporter auf, in mehr als 175 Filmen und mehr als 2.000 Fernsehauftritten. Er war wohl der bekannteste aller unbekannten Hollywood-Schauspieler, das, was man für gewöhnlich einen „Charakterdarsteller“ nennt, aber wirkliche Charaktere durfte er in seinen Filmen so gut wie nie entwickeln. Und so war da zumeist nur dieses Lächeln und der ironische Blick, direkt an uns gerichtet.

Mit Barboura Morris in A Bucket of Blood (1959)

Richard “Dick” Miller, 1928 geboren, stammt aus einfachen Verhältnissen aus der New Yorker Bronx, 1952 ging er nach Hollywood, um Autor zu werden. Doch statt Ruhm erwartete ihn dort das Hungertuch und kaum Jobs, um überhaupt den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Einen guten Teil seiner sechzigjährigen Filmkarriere sollte sich dies nicht ändern. Nachdem ihn sein Freund Jonathan Haze Roger Corman vorgestellt hatte, spielte er ab 1955 regelmäßig für dessen independent-Kino, nur Ende der 50er in größeren Rollen und einigen wenigen Hauptrollen. Dick Miller wurde zu dem Gesicht in den Filmen Cormans.

Mit Peter Fonda und Bruce Dern in Roger Cormans The Trip (1967)

1970, nachdem Corman seine aktive Karriere als Regisseur beendet und die New World Pictures gegründet hatte, spielte er vor allem für die Regisseure der Corman-Schule, für James Cameron, Barbara Peeters, Jonathan Demme, Martin Scorsese, Allan Arkush, Jonathan Kaplan, usw. – und er wurde nun zu dem Gesicht in den Filmen Joe Dantes. Aber, während andere, die bei Roger Corman ihre Schauspielkarriere begonnen oder dort ihren Durchbruch hatten – Jack Nicholson, Robert De Niro, Peter Fonda, William Shatner, Charles Bronson, Sylvester Stallone, u.v.m. –, New Hollywood prägten und Stars wurden, blieb Dick Miller stets vom Pech verfolgt.

Mit Arnold Schwarzenegger in James Camerons Terminator (1984)

Da passte es dann auch, dass Quentin Tarantino, ein großer Bewunderer des Kinos Roger Cormans und Fan Dick Millers, die Szenen, die er mit ihm für Pulp Fiction (1994) gedreht hatte, herausschnitt. Bis auf eine: Nur kurz sehen wir ihn als „Monster Joe“ im Hintergrund und aus einiger Entfernung aus dem Bild gehen, einen kleinen Mann mit krummen Beinen, traurig wirkend und irgendwie auch schon Abschied nehmend.

Mit John Goodman in Joe Dantes Matinee (1993) und Harvey Keitel in Quentin
Tarantinos Pulp Fiction von 1994 (nicht verwendete Szene)

Dick Miller blieb so immer nur der Status eine Kult-Figur, geliebt von den Fans, gebeutelt von einem sehr schweren, zumeist prekären Leben. Dabei konnte er großartig und zuweilen sehr intensiv spielen, als tragischer Kellner „Walter Paisley“ in dem Beatnik-Schuppen in Roger Cormans A Bucket Of Blood (1959), als „Shorty“ in dem bereits erwähnten Rock All Night, als „Mort“ in Roger Cormans Sorority Girl von 1957 (oberflächlich betrachtet ein Teenager-Campus-Film, in Wirklichkeit ein Underground-Fetisch-Drama), als Sportlehrer „Sam“ in Barbara Peeters’ – leider vergessenem – Film über das female empowerment Summer School Teachers von 1974.

Dick Miller ist am 30. Januar 2019 in Los Angeles im Alter von 90 Jahren gestorben. Am Ende wirkte er doch versöhnt mit seinem harten Leben, mit dem, was er erreicht, aber auch mit dem, was er nicht erreicht hatte. So scheint es jedenfalls in Elijah Drenners sehr sehenswerten Dokumentation That Guy Dick Miller von 2014 immer wieder durch, die von dem kleinen deutschen Label Subkultur Entertainment mitproduziert wurde. Vor allem aber wird er uns weiterhin ein Lächeln auf das Gesicht zaubern, immer dann, wenn er kurz einen Film betritt – und sei es nur als freundlicher Pizzabote, dem gleich wieder die Tür vor der Nase zugeschlagen wird (wie noch 2009 in Joe Dantes The Hole).

Goodbye, little guy!

 

Bild-/Tonträger:

Blu-ray: “That Guy Dick Miller” (Subkultur Entertainment, 2014), Ton: Engl. mit dt. Untertiteln, Bild: 1.78:1.

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(Not) A Quiet Man – Nachruf auf TOBE HOOPER

Die meisten der vielen Millionen Kinogänger, die sich Blockbuster von Peter Jackson wie The Lord of the Rings (2001) und Saim Raimi wie Spiderman (2002) angeschaut haben, dürften wohl nicht gewusst haben, wie diese Regisseure einmal anfingen, mit dem Splatter- und Terrorkino und heute längst zu Kultfilmen und Genre-Klassikern avancierten Filmen wie Evil Dead (1981), Bad Taste (1987) und Braindead (1992).

Für den 1943 in Austin, Texas geborenen Tobe Hooper war eigentlich nach seinem The Texas Chainsaw Massacre (1974) der gleiche Weg vorherbestimmt. Doch es sollte anders kommen. Bis heute ist noch nicht geklärt, was an dem als Durchbruch zum ganz großen Kommerzkino angelegten Poltergeist (1982) vom Regisseur Hooper und was vom Produzenten Steven Spielberg stammte.

Tobe Hooper (1943 – 2017)

Jedenfalls landete Hooper mit seinen Filmen hiernach sehr bald in der hinteren Reihe der Genreregisseure und über die Jahre im unüberschaubaren Dickicht der Direct-to-Video-Produktionen. So wie der ebenfalls kürzlich verstorbene George A. Romero und alsbald sogar ein Dario Argento. Doch ist er nicht weniger als diese stilbildend gewesen und dies in der Tat nur mit diesem einen Film, eben The Texas Chainsaw Massacre. Auch sein eigener Versuch, diesen Auf- und Umbruch mit The Texas Chainsaw Massacre 2 (1986) noch einmal zu wiederholen, scheiterte und geriet im Gegensatz zur direkten Roheit des Originals eher manieristisch.

The Texas Chainsaw Massacre ist der Ur-Film des modernen Terror-Kinos, von einer heute atemberaubend wirkenden formalen Hoheit und zugleich grotesken Überzogenheit. Ein Film, der tatsächlich über die Jahre einen enormen Einfluss – und dies nicht nicht nur auf Genre selbst – ausgeübt hat, bis hin zu Christoph Schlingensiefs Das deutsche Kettensägenmassaker (1990).

Angelegt als einer der vielen Verfilmungen der Geschichte des „Quiet Man“, des Serienmörders Ed Gein – die Bekannteste dürfte wohl Alfred Hitchcocks Psycho (1960) nach einem Drehbuch von Robert Bloch sein -, war The Texas Chainsaw Massacre in Wirklichkeit ein Schlüsselfilm in vielerlei Hinsicht. So hat Georg Seeßlen nicht zufällig diesen Film hervorgehoben, um an ihm den Mythos des neueren Terror-, Slasher- und Splatterkinos, „dass die Grausamkeit überall und der Zustand unserer sich in ihrem Endstadium befindenden Gesellschaft ist“, festzumachen.

The Texas Chainsaw Massacre (1974)

Hierin, aber vor allem darin, dass Hooper den Betrachter mit einer entfesselten Kamera, irrsinnig überzeichneten Figuren, einem wahnwitzigen Sound Design und unglaublicher Brutalität über achtzig Minuten dem schieren Terror aussetzte, lag das Prägende des Films – wie auch die in ihm angelegte Sackgasse. Denn der Torture Porn und die formalen Exzesse des Horrorkinos heute zeigen, dass die im Original bereits angelegten Überbietungswettbewerbe bezüglich der Gewalt sowie den formalen Überwältigungen des Betrachters diesem Um- und Aufbruch im Grunde nichts mehr Wesentliches hinzufügen können. Und schon garnicht seiner Botschaft.

Was darum wohl vom Terror-Kino bleibt ist dieser eine Film von Hooper, einer der formal besten und revolutionärsten in der gesamten Genregeschichte, der seinerzeit wie ein Tritt in die Magengrube wirkte und auch heute noch wirkt, auch wegen seiner ernüchternden Aussage, dass unter der dünnen Decke unserer westlichen Zivilisation ein verfaulender, zutiefst inhumaner Kern vor sich hin rottet.

Nein, aufgeblasene Heldengeschichten fürs Millionenpublikum zur Verhübschung dieser dünnen Decke, mit denen einstige Underground-Filmemacher wie Peter Jackson und Sam Raimi später berühmt geworden sind, die hätte er wohl garnicht drehen können.

Tobe Hooper, einer der ganz wenigen Regisseure, die mit einem einzigen Film Filmgeschichte geschrieben haben, ist gestern in Sherman Oaks, Kalifornien gestorben.

 

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Die lebenden Toten und die toten Lebenden – Nachruf auf GEORGE A. ROMERO

“Les Morts gouvernent les Vivants” (“Die Toten regierenden die Lebenden”) – Auguste Comte (Soziologe), 1891.

Am 16. Juli starb der 1940 in der Bronx geborene George A. Romero. Wie beim Tod von David Bowie, so beschlich mich noch einmal das Gefühl, dass da jemand (dann doch) von uns gegangen ist, der eigentlich nicht gehen konnte, der in seiner Einmaligkeit und seiner (Pop-)Kultur prägenden Unverwechselbarkeit immer dazu gehören, immer da sein musste.

Night of the Living Dead, 1968

Die Toten kehren zurück – das war seine Erzählung, etabliert in seiner Zombie-Trilogie Night of the Living Dead (1968), Dawn of the Dead (1978) und Day of the Dead (1985). Man kann sich die Wirkung, die Dawn of the Dead seinerzeit auf uns hatte, heute kaum noch vorstellen. Der „Kaufhauszombie“, wie man den Film damals nannte, hat Seherfahrungen und Filmgeschichte geprägt, danach ein ganzes Genre ins Leben gerufen.

Doch zunächst gab es in den Achtzigern die „Horrorvideo-Debatte“ und „Mama, Papa, Zombie“ im Fernsehen. Zombie- und Kannibalenfilme wurden Reihenweise wegen „Gewaltverherrlichung“ beschlagnahmt, auch die Videokassetten des immer wieder in neuen Fassungen veröffentlichten „Kaufhauszombie“. Wie Argento, Fulci und Lenzi, so wurde auch Romero für uns ein Held „verbotener Filme“, die man gerade deswegen natürlich sehen musste.

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