William Castle oder Die Macht der Farben: SERPENT OF THE NILE (1953)

Serpent of the Nile (Die Schlange vom Nil, William Castle, 1953)

„Ich lebte in einem Kaleidoskop. Meine Augen wurden zu zwei Spiegeln, und mit jeder Bewegung, die ich nun ausführte, reflektierten diese sich kontinuierlich verändernde Formen und Farben.“ Mit diesen seltsamen Worten beschrieb Bill Castle in seiner Autobiografie seine Zeit Anfang bis Mitte der fünfziger Jahre, in der er für die B-Picture-Abteilung der Columbia als Kontraktregisseur arbeitete. Allein 1953/54 drehte er für Sam Katzman – zu dieser Zeit Produktionsleiter der Abteilung – zwölf Filme: Western, Kriegs- und Historiendramen und Abenteuerfilme. Die Drehzeit betrug in der Regel zwei Wochen, gedreht wurde entweder in 3-D* oder in Technicolor**.


Raymond Burr, William Lundigan und Rhonda Fleming.

Es war nicht das Kino, in dem er sich zuhause fühlte, denn “Bill Castle hat über dreißig Jahre lang Filme gedreht, und immer dann, wenn die Hollywood-Mythen dunkler und makabrer wurden – während der Schwarzen Serie in den 40ern und während der Renaissance des US-Horrorkinos in den 50ern und 60ern – schuf er seine unverwechselbaren Beiträge zur Macht der Dunkelheit” (William Castle oder Die Macht der Dunkelheit, S. 212). Heute würden wir diese Filme, zumeist gedreht mit dem immer gleichen Team (Drehbuch: Robert E. Kent, Kamera: Henry Freulich, Schnitt: Gene Havlick, musikalische Leitung: Mischa Bakaleinikoff) wohl „Programmfüller“ nennen, und in der Tat gelang es Bill Castle während dieser Zeit nur einmal, der Falle als lediglich ausführender Handwerker der Columbia zu entkommen und mit seiner stets eher visuell ausgerichteten Idee vom Kino etwas Besonderes zu erschaffen, mit Serpent of the Nile (Die Schlange vom Nil, 1953).

Für die Rolle der Cleopatra wurde Rhonda Fleming – gemeinsam mit Maureen O’Hara zu dieser Zeit eine der „Queens of Technicolor“ – von der RKO ausgeliehen, gedreht wurde in den üblichen zwei Wochen in den stehengebliebenen Kulissen des Columbia A-Pictures Salome (William Dieterle, 1953), einem Monumentalfilm mit Rita Hayworth mit einem Budget von 2 Millionen Dollar, aus dem Bill Castle zudem noch einige Schlachtenszenen verwenden durfte. Neben den üblichen Kontraktdarstellern übernahmen Raymond Burr die Rolle des Mark Anton, William Lundigan die des Lucilius und Michael Ansara die des Octavius. Die später mit der Fernsehserie Batman (1966-1967) als Catwoman berühmt gewordene Julie Newmar hat einen kleinen Auftitt als ägyptische Tänzerin und erhielt dafür – nach eigenen Angaben – 250 Dollar.

So wie das Sebastopol in Bill Castles Krim-Kriegs-Drama Charge of the Lancers oder das Babylon in dem Bibel-Film Slaves of Babylon, so besteht auch die Antike Welt in Serpent of the Nile – Tarsus, Alexandria, Rom, etc. – ausschließlich aus Studio-Bauten und Matte Paintings, mehr oder weniger beeindruckend ausgeführt von der Abteilung für visuelle Effekte der Columbia, die zu dieser Zeit von Lawrence Butler geleitet wurde.

Matte Paintings für Serpent of the Nile

Jenseits seiner Film Noirs von The Whistler (Der Whistler, Columbia, 1944) und When Strangers Marry (Heirate niemals einen Fremden, Monogram, 1944) über Hollywood Story (Mord in Hollywood, Universal International, 1951) bis The Houston Story (Alarm an Ölturm 3, Columbia, 1956), wurde Bill Castles Serpent of the Nile vor allem wegen seiner Technicolor-Fotografie einer der besten Filme seiner frühen Karriere.

Bei dieser handelte es sich eigentlich um einen Prozess, der Vorproduktion, Dreharbeiten und Postproduktion umfasste und der vom damaligen Technicolor-Konsultaten der Columbia Francis Cugat überwacht und geleitet wurde. Produziert und gedreht wurde im Technicolor-Verfahren Nr. 4 (“Technicolor Process No. 4”): Der Film wurde mit einer Drei-Streifen-Strahlteiler-Kamera fotografiert („subtraktives 3-Farben-Verfahren“). Hiernach wurden die gelantineartigen Farben jeweils mittels Matrizen in separaten Vorgängen Schicht für Schicht auf den Basisträger (Schwarzweiß-Film) aufgedruckt („Dye-Transfer-Kopiertechnik“). In der Tat ist es dasselbe Verfahren, in dem jüngst Dario Argentos Suspiria (1977) restauriert wurde.


Rhonda Fleming und Jean Byron

Zudem spielt Rhonda Fleming, die 1944 in Bill Castles When Strangers Marry in einer kleinen Rolle debütiert hatte, die Cleopatra weniger im Stil ihrer Rollen als rothaarige „Queen of Technicolor“ – wie etwa in Western wie Gunfight at the O.K. Corral (Zwei rechnen ab, John Sturges, 1957) oder Bullwhip (Das Teufelsweib von Montana, Harmon Jones, 1958), sondern im Stil ihrer Film Noirs, von Spellbound (Ich kämpfe um dich, Alfred Hitchcock, 1945) über Out of the Past (Goldenes Gift, Jacques Tourneur, 1947) bis While the City Sleeps (Die Bestie, Fritz Lang, 1956): als männerverschlingende und -zerstörende Femme Fatale mit sehr eindeutig sexuellen Obertönen.

Die Handlung ist lose an die historisch – und aus Shakespeares Drama „Antonius und Cleopatra“ – bekannten Machtkämpfe zwischen Brutus, Marcus Antonius und Octavius nach der Ermordung Julius Cäsars angelehnt, die mit dem Doppelselbstmord Cleopatras und Mark Antons endeten und aus denen bekanntlich Octavius (hier: Michael Ansara) als Sieger und späterer Kaiser Augustus hervorging.


Gemäldehafte Bilder

Wie noch in jedem Hollywood-Sandalen und -historienfilm – bis hin zu Joseph L. Mankiewicz‘ gigantischem Monumental-Flop mit Elizabeth Taylor und Richard Burton Cleopatra (1963) – wird auch hier Weltgeschichte („Rom ist die Welt“, heißt es an einer Stelle) in der Liebe und auf dem Schlachtfeld entschieden. Nachdem Octavius und Mark Anton Brutus auf dem Schlachtfeld besiegt haben, stellt sich Brutus‘ General Lucilius (William Lundigan), aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, auf die Seite Mark Antons (Raymond Burr). Mark Anton verfällt hiernach hoffnungslos Cleopatra (Rhonda Fleming), die mit dem fassadenhaften Prunk ihres Reiches und ihren Verführungen Ägyptens Stellung in den Machtkämpfen Roms zu halten und auszubauen versucht. Ihr und Julius Cäsars gemeinsamer Sohn soll nach ihrem Willen die Herrschaft in Rom antreten. Cleopatra schreckt auch nicht davor zurück, den Verdacht Mark Antons ob ihrer Intrigenspiele auf ihre jüngere Halbschwester Charmion (Jean Byron) zu lenken, die dann auch von einer von Lucilius angeführten Expedition getötet wird.

Als Octavius schließlich mit den römischen Legionen in Ägypten eintrifft, um dem Spuk eine Ende zu bereiten, weigert sich Mark Anton das ägyptische Heer gegen Rom und Lucilius, nun Octavius‘ General, zu führen. Mark Anton stürzt sich, gebrochen von der Erkenntnis Rom für eine nicht erwiderte Liebe verraten zu haben, in sein Schwert. Cleopatra, deren Ambitionen sämtlich gescheitert sind, vergiftet sich mit der titelgebenden Schlange (direkt entlehnt übrigens aus Shakespeares „Antonius und Cleopatra“ [1. Akt, 5. Szene]).

Heillos überarbeitet: Bill Castle am Set mit Rhonda Fleming

Setfotos aus dieser Zeit zeigen stets einen heillos überarbeiteten Bill Castle, der Fließbandproduktionen wie in einer arbeitsteiligen Fabrik drehen musste. Zwar hatte er dabei auf die Auswahl der Stoffe oder Schauspieler oder die Drehbücher keinerlei Einfluss, doch dieses eine Mal hatte er damit Glück. Die Hauptfiguren könnten sämtlich eher aus einem Film Noir stammen als aus einem typischen Historienfilm der Zeit: Rhonda Flemings Cleopatra erinnert mit ihrer manipulativ und rücksichtslos für die eigenen Interessen eingesetzten, manchmal schon ordinär wirkenden Sexualität an die Rolle Barbara Stanywycks in Billy Wilders Double Indemnity (Frau ohne Gewissen, 1944), Raymond Burrs Mark Anton an die unzähligen schwachen und der Femme Fatale verfallenen Männerfiguren der Schwarzen Serie und William Lundigans Lucilius schließlich wirkt als Held und Identifikationsfigur eher passiv; er ist im Grunde ein schwacher Opportunist, der seine Dienste schließlich nacheinander Cäsar, Brutus, Mark Anton und Octavius anbietet.

Und so tritt bei Serpent of the Nile etwas ein, was im Kino sehr selten ist, etwas Unerwartetes: das, was aufgrund der Produktionsumstände eigentlich nur ein Programmfüller hätte werden können, wird ein eher pessimistisches Drama voller betörender Sinnlichkeit und Verführungen. Dabei wird die dies stets unterstreichende Technicolor-Fotografie zu weit mehr als zu dem typischen „eye candy“ dieser Zeit, sie wirkt geradezu rauschhaft, sinnlich, zum Teil sogar gemäldehaft. Die extreme Künstlichkeit des Dekors und die satten Farben erreichen dabei nicht selten schon abstrakte Qualitäten und erinnern darin tatsächlich zuweilen an Dario Argentos Suspiria – oder auch an The Love Witch (2016) von Anna Biller, um ein jüngeres Beispiel zu nennen, an deren Idee eines „pure cinema“, das Patricia MacCormack einmal sehr treffend mit „Cinesexuality“ umschrieben hat. In Serpent of the Nile geht es eben nicht um Liebe, es geht um Erotik und Verführung, und der Film ist dabei selbst verführerisch, baut zwischen sich und dem Betrachter eindeutig eine solche Beziehung auf.

Sollte jedenfalls einmal die strafliche Vernachlässigung von Bill Castles Werk (insgesamt 56 Regiearbeiten) hierzulande ein Ende finden, dann ist Serpent of the Nile jedenfalls der Film aus seiner Zeit als Kontraktregisseur der Columbia in den 50ern, der eine angemessene Restauration und Wiederveröffentlichung verdient hätte.

 

Bild-/Tonträger:


VHS-Video: „Serpent of the Nile“ (GoodTimes Homes Video [USA: NTSC], 1990) Bild: 1.37:1. Ton: Englisch. Seit dieser Videoveröffentlichung ist der Film in Public Domain. Eine qualitativ gute DVD-Version kann hier aus Großbritannien bezogen werden (Alle DVD-Prints in diesem Beitrag wurden von dieser Fassung erstellt).

Deutsche Fernsehfassung (Pro 7) auf Youtube.

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* Fort Ti
(1953), Jesse James vs. the Daltons (Legt ihn nicht um!, 1954), Drums of Tahiti (Königin von Tahiti, 1954).

** Conquest of Cochise (Auf Kriegspfad, 1953), Slaves of Babylon (1953), Masterson of Kansas (Gangster, Spieler und ein Sheriff, 1954), Charge of the Lancers (Das Zigeunermädchen von Sebastopol, 1954), Battle of Rogue River (1954), The Iron Glove (Der Kuß und das Schwert, 1954), The Saracen Blade (Der Empörer, 1954), The Law vs. Billy the Kid (Verdammt ohne Gnade, 1954), The Gun That Won the West (1955) und Duel on the Mississippi (Die Intrige der Lily Scarlett, 1955).

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