THE SWINGING CHEERLEADERS (1974) von Jack Hill

The Swinging Cheerleaders (Footballmatch und süsse Girls, Jack Hill, 1974)

Seinerzeit ein großer Erfolg an den Kinokassen, war es wieder einmal Quentin Tarantino, der The Swinging Cheerleaders aus der Vergessenheit holte und den Film als Beitrag für das erste “Quentin Tarantino Film Fest” 1996 in Austin, Texas auswählte. 2016 erschien der Film dann restauriert bei Jack Hills europäischer “Hausfirma” Arrow Video als Blu-ray, wie üblich mit einem Audiokommentar des Regisseurs versehen. Das Cheerleader-Genre nahm mit der Sex-Klamotte Mir hat es immer Spaß gemacht (The Naughty Cheerleader, Will Tremper, 1970) seinen Anfang in Deutschland, brachte in den Siebzigern solche Filme wie The Cheerleaders (Fans – Fans – Fans – Runter mit den Pants, Paul Glickler, 1973) und The Pom Pom Girls (Mach mich nicht an!, Joseph Ruben, 1976) hervor und mündete dann am Ende des Jahrzehnts – quasi naturgemäß – in dem Hardcore-Porno-Hit Debbie Does Dallas (Im Dutzend williger, Jim Buckley, 1978). Cullen Gallagher: „Bei grob gesagt etwa ein Dutzend Filmen, über das Jahrzehnt verteilt, beginnend 1970 und offenbar bereits um 1980 wieder aus der Mode kommend, ist The Swinging Cheerleaders der Höhepunkt der Serie. Er ist nicht nur der am besten gemachte (was Produktion, Besetzung, Drehbuch und Regie betrifft), sondern auch der einzige, der einen Stempel von Autorenschaft trägt (Hills Ästhetik ist ganz klar über den gesamten Film präsent). Zudem ist er auch offensichtlich der sozial und politisch Bewussteste, ein Film, der die Aufmerksamkeit – und seine Kritik – auf den voyeristischen Erotizismus lenkt, in dem sich die anderen Filme weitestgehend erschöpfen.“

Rosanne Katon, Rainbeaux Smith und Jo Johnston

The Swinging Cheerleaders, ebenso wie der darauffolgende Switchblade Sisters (Die Bronx-Katzen/Die Switchblade Sisters, 1975) von John Prizer für “Centaur Pictures” produziert, ist in der Tat einer jener Filme, die – vielleicht mit der Ausnahme von Stephanie Rothmans The Student Nurses (1970) – nur Jack Hill hervorgebracht hat. Auf der Grenze von Exploitation und Sexploitation ist er für das Sub-Genre des Cheerleader-Films das, was Spider Baby (1967) für den Horrorfilm, Pit Stop (1969) für das Carsploitation-Genre, Big Doll House (1971) und The Big Bird Cage (1972) für das Woman in Prison-Genre, Coffy (1973) und Foxy Brown (1974) für den Blaxploitation-Film und Switchblade Sisters (1975) für das Girlsgang-Genre sind: weist er an der Oberfläche auch sämtliche exploitativen Elemente des Genres auf, so ist er zugleich ein starkes anti-kapitalistisches Statement, eine deutliche Zurückweisung der Genre-üblichen Klischees und Ausbeutungsmuster und dabei ein eindeutiges Plädoyer für die Selbstbestimmung und das Empowerment, in diesem Fall der Frau.

Zur Handlung: Die feministische Aktivistin Kate (Jo Johnston) will am Mesa State College in Colorado als Cheerleader undercover aufdecken, wie erniedrigend und ausbeuterisch diese Praxis in ihren Augen ist. Sehr zur Freude ihres Hippie-Freundes Ron (Ian Sander), eines dogmatischem Linken, mit dem sie zusammen die Campus-Zeitung herausgibt. Schon bald befreundet sie sich mit zwei weiteren Cheerleadern, der schwarzen Lisa (Rosanne Katon), die eine heimliche Affäre mit ihrem – ebenfalls schwarzen – Englisch-Lehrer Prof. Thorpe (Jason Sommers) hat, sowie mit der blonden Andrea (Rainbeaux Smith), die noch Jungfrau ist und mit dem Gedanken spielt, ihre Jungfräulichkeit einmal an ihren Freund Ross (Ric Carrott) zu “verschenken”.

The Swinging Cheerleaders

Nachdem Kate die Macho-Avancen des Star-Quarterbacks des Footballteams Buck (Ron Hajek) zunächst selbstbewusst zurückgewiesen hat (“Du glaubst, Du kannst mich haben, indem Du mir einfach hinterherpfeifst? Du denkst, Du müsstest nur an der Tür klingeln, einfach eintreten und schon wärst Du zuhause, oder nicht? Typisch für Euch kindischen, schweinsgesichtigen Sportskanonen. Aber, weißt Du was, ich suche mir meine Sexpartner selber aus!”), geht sie aus eigenen Stücken doch noch eine Beziehung mit ihm ein, nicht gerade zur Freude von Bucks Freundin Mary Ann (Colleen Camp).

Nichts läuft so, wie von Kate und den beiden Coming of Age-Girls Lisa und Andrea geplant. Ron, dessen linke Anmutung sich hierbei nur als aufgeblasene, selbstherrliche Fassade erweist, setzt die jungfräuliche Andrea unter Alkohol und läd seine Freunde hiernach skrupellos zu einer Massenvergewaltigung (“Gang Bang”) an dem Mädchen ein. Lisa wird von der Frau des Professors (Mae Mercer), die schon längst von der Affäre ihres Mannes erfahren hat, deutlich mit einem Klappmesser zurechtgewiesen: “Ich habe hart dafür gearbeitet, um diesen Mann in der Schule zu halten, meine besten Jahre damit verbracht, um ‘Ja, Frau Soundso’, ‘Nein, Frau Soundso’ und ‘Ja, mein Herr’ zu sagen und die Scheiße aus weißen Babies herauszuwaschen. Und nun, wo er es endlich zu etwas gebracht hat, kommt ihr kleinen Penner daher, und wackelt mit Euren schwarzen Ärschen und Titten und glaubt allen ernstes, Ihr könntet mir meinen Mann wegnehmen?”

Trainer Turner

Auch Prof. Thorpe selbst zerstört gegen Ende Lisas Vorstellungen von romantischer Liebe: “Betrüge Dich doch nicht selber, Kleines. Glück kauft man sich mit Geld. Nur darum geht es, das kannst du mir glauben.” Und Kate entdeckt bei ihren Recherchen das, was sie ihr “Mesa State Watergate” nennt: Lisa Anns Vater, der Schuldirektor Mr. Putnam (George Wallace), manipuliert mit einigen Lehrern – darunter auch Prof. Thorpe – und dem Trainer des Teams Turner (Jack Denton) die Highschool-Football-Liga, um dann mit Insider-Wetten einen satten Gewinn einzufahren. Kate entscheidet sich, das entscheidende Liga-Spiel um die Meisterschaft gemeinsam mit Buck selbst zu manipulieren, um die betrügerischen Machenschaften der Lehrerschaft ins Leere laufen zu lassen.

Nichts interessierte Jack Hill weniger, als die üblichen Soft-Sex-Klamotten, die in dieser Zeit so beliebt gewesen sind, und die, mit einem “liberalen” Anstrich vermeintlicher “sexueller Befreiung” daherkommend, im Grunde in ihrer breiten Masse nur spießige Altherren-Witze für ein verdruckst-heimliches, männliches – und zutiefst bürgerliches – Publikum in den Drive-Ins und (hierzulande) Bahnhofskinos präsentierten. Die katastrophale Produktionsgeschichte von Ich – ein Groupie (Me, a Groupie/Higher and Higher, Peter Baumgartner/Erwin C. Dietrich/Jack Hill, 1970) mit Ingrid Steeger ist hierfür das beste Beispiel. Jack Hill, der von Roger Corman für die schweizer Ko-Produktion mit der American International Pictures (AIP) nach Europa entsandt wurde, um bei dem Film Regie zu führen, fand dort nicht einmal ein Drehbuch vor, lediglich die “Idee” des schweizer Produzenten Erwin C. Dietrich, Ingrid Steeger in möglichst vielen Nacktaufnahmen zu zeigen und dem Ganzen dann mit Bezugnahmen auf Roger Corman-Filme wie The Wild Angels (Die wilden Engel, 1966) und The Trip (1967) sowie dem Hit Easy Rider (Dennis Hopper, 1969) einen “progressiven” Anstrich zu verleihen.

Ian Sander und Rainbeaux Smith

Jack Hill lehnte es jedoch ab einen Soft-Sex-Film zu drehen, zumal mit einer Darstellerin, die dies weder spielen wollte, noch konnte. Die unglückliche Ingrid Steeger hat später selbst sehr viel über diese Zeit erzählt, über die “Fließbandarbeit” und ausbeuterisch-sexistische Praxis einer von Männern dominierten Soft-Sex-Filmindustrie, in der sie viel gelitten hat. Ich – ein Groupie wurde schließlich ohne Hill fertiggestellt, es kam zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen Corman und Dietrich (die Corman gewann) und Erwin C. Dietrich bewies – wohl ungewollt – seine tatsächliche, ganz und gar anti-liberale Haltung, als er über Jack Hill später verbreitete, dieser sei wohl “unter Drogen” gewesen.

“Sex ist nie voyeristisch in Hills Filmen – er bedeutet Selbstermächtigung. Hills Frauen sind Action-Heldinnen, keine Objekte zum Anschauen”, so Cullen Gallagher, zudem ist Hills Humor nie klamaukhaft, sondern stets scharf, zuweilen gar anarchistisch. The Swinging Cheerleades ist, wie die meisten von Hills Filmen, alles andere als political correct, deckt aber gerade deshalb die Oberflächlichkeiten und Bigotterien des links-liberalen Millieus der Zeit – Jack Hill bezeichnete seine Haltung selbst einmal als “libertär-anarchistisch” – umso deutlicher auf und beweist dadurch einen umso rebellischeren Charakter und dabei noch tieferen Humanismus. Die eifersüchtige Zerstrittenheit von Frauen untereinander wird hierbei ebenso unterlaufen, wie die Romantizismen, mit denen Frauen in Liebes- und Sexkomödien in der Regel in Verbindung gebracht werden, ob es dabei nun um die Entjungferung von Andrea, oder um die Liebe von Lisa zu ihrem Lehrer geht. Der linke Aktivist erweist sich dabei ebenso als charakterliches Schwein und Macho, wie der schwarze Professor als geldgieriger Opportunist, der zudem noch ohne seine eigene Frau nichts geworden wäre.

Rosanne Katon und Jason Sommers

Und bei alledem ist The Swinging Cheerleaders auch und vor allem ein Film, dessen Exploitation-Kontext man irgendwann vollständig vergisst, indem man nur noch diesen wunderbaren Frauen-Figuren folgt, die – glaubwürdig, intensiv und schauspielerisch herausragend geführt – alle ihre Enttäuschungen erleben, indem Hill – der auch das Drehbuch unter dem Frauennamen-Pseudonym “Jane Witherspoon” schrieb – sämtliche Klischees des Genres aufgreift, um sie gleich wieder in ihr genaues Gegenteil zu verkehren. The Swinging Cheerleaders ist ein Film, in dem drei Frauen – Rosanne Katon, Rainbeaux Smith und Jo Johnston – nach ihren vermeintlichen Idealen suchen und dadurch Selbstermächtigung erlangen, indem sich diese Ideale als Fremdzuschreibungen und romantische Selbsttäuschungen entlarven, weil sie dabei nur politische Bigotterie, sexuelle Ausbeutung, ökonomischen Eigennutz und systemische Korruption entdecken. Und gerade dies macht Jack Hills Film heute, in einer Zeit, in der sich der “puritanisch-technokratische” (Paul Poet) political correctness-Moralismus des links-liberalen Mainstreams gegenüber neuen Rechtstendenzen als nahezu machtlos zeigt, wieder hoch aktuell.

Sicherlich alles nicht gerade Thematiken, die man von einer Cheerleader-Sex-Kömodie aus den 70ern erwartet, doch gerade hiermit erweist sich Jack Hill erneut als eigentlicher Schüler Roger Cormans, der 1982 rückblickend über seine eigenen Regie-Arbeiten sagte: „Ich wollte nur unterhaltsame Filme machen, die meine persönliche Position als Subtext enthalten sollten.“ Vielleicht gerade deshalb, weil dies Jack Hill mit seinen besten Filmen ebenso beeindruckend gelungen ist, nannte Quentin Tarantino ihn auch den “Howard Hawks des Exploitation-Films.”

 

Bild-/Tonträger:

Blu-ray/DVD: „The Swinging Cheerleaders” (Arrow Video, 2016), Bild: 16:9 – 1.85:1, Ton: Englisch. Extras: u.a. verschiedene Interviews; Audiokommentar von Jack Hill. Blu-ray: “Ich – ein Groupie” (Ascot Elite Home Entertainment, 2014), Bild: 16:9 – 2.35:1, Ton: Deutsch/Italienisch/Englisch/Französisch.

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