THE STUDENT NURSES (1970) von Stephanie Rothman

The Student Nurses (Stephanie Rothman, 1970)

„Roger Corman, der seine politische Haltung selbst einmal als ‚liberal bis radikal’ beschrieben hat, hatte zu Beginn der siebziger Jahre mit ‚New World Pictures’ und Filmen wie Big Doll House (Jack Hill, 1971) eine neue Exploitation-Erfolgsformel etabliert, ‘Filme’, so Corman‚ ‘die aus einer Formel Gestalt annahmen, nach der ich bereits seit einiger Zeit gearbeitet hatte: in der Jetzt-Zeit angesiedelte Geschichten aus einem liberalen bis politisch linken Blickwinkel mit etwas ‘R-rated’-Sex (ab 17) sowie Humor. Aber es sollten keine Komödien sein. Ich bezweifle ganz ehrlich, dass die linke Gesinnung oder Botschaft für den Erfolg der Filme, die wir machen wollten, entscheidend gewesen ist, aber es war für die Filmemacher und für mich selbst wichtig, dass wir mit diesen Filmen auch etwas zu sagen hatten’“ (aus meiner Besprechung von Black Mama, White Mama).

The Student Nurses

Während Big Doll House einen ganzen Zyklus von Woman in Prison-Filmen ins Leben rief, folgten Stephanie Rothmans The Student Nurses eine ganze Reihe von „Three-girl-movies“ (oft waren es auch vier), in denen eine Gruppe junger, gutaussehender Frauen als auszubildende Krankenschwestern, Lehrerinnen, Stewardessen oder Models ihre Abenteuer zwischen persönlichen und politischen Problemen der Zeit und Female sexual empowerment erlebten: Private Duty Nurses (George Armitage, 1971), Night Call Nurses (Jonathan Kaplan, 1972), The Young Nurses (Clint Kimbrough, 1973), The Student Teachers (Jonathan Kaplan, 1973), Fly Me (Cirio H. Santiago, 1973), Candy Stripe Nurses (Alan Holleb, 1974), Summer School Teachers (Barbara Peeters, 1974) und Cover Girl Models (Cirio H. Santiago, 1975). Waren diese Filme auch kommerziell extrem erfolgreich, so schwankten sie doch in der Qualität erheblich, da Corman seinen Nachwuchsautoren und –Regisseuren in der Regel freie Hand ließ – nach Jonatahn Kaplan lautete seine einzige Vorgabe: “Ich will Nacktheit vom Bauch aufwärts, vollständige Nacktheit von Hinten, keine Schambehaarung zeigen – an die Arbeit!”

Brioni Farrell

Summer School Teachers – Drehbuch und Regie von Barbara Peeters – hielt Roger Corman dabei selbst für den Film mit dem stärksten Statement für das Female Empowerment der „New World Pictures“, für Quentin Tarantino war dies Jonathan Kaplans Night Call Nurses, für ihn ein „klassischer Mix aus Sex, Nacktheit und politischer Bewusstheit.“ Beide Filme wurden – ebenso wie The Young Nurses, Candy Stripe Nurses und The Student Teachers – von Roger Cormans Ehefrau Julie Corman produziert. “Roger hat”, so jedenfalls die Regisseurin Linda Shayne, “mehr Frauen für leitende Positionen gefördert, als wahrscheinlich jeder andere Person, die mir bekannt ist.” Hierzu zählte auch Stephanie Rothman, jüdischer Abstammung und 1936 geboren, die erste Frau überhaupt, die ein Stipendium von der “Directors Guild of America” erhielt. Rothman, die 1964 als Assistentin für Corman begonnen hatte, erzählte 2010 im Austin Chronicle über ihre Arbeit an The Student Nurses: “Zu Beginn habe ich noch nicht einmal gewusst, dass ich Exploitation-Filme gemacht habe. Ich habe von dem Begriff zum ersten Mal in einer Kritik zu The Student Nurses gehört. Ich habe einfach gedacht, ich mache Low-Budget-Genre-Filme. Aber, wie immer man das, was ich gemacht habe, auch genannt hat, so hat es mich doch irritiert, dass viele Filme aus dieser Zeit, welches Budget sie auch immer gehabt hatten, in vielem so unehrlich gewesen sind, von ihrem Umgang mit Sexualität, bis hin zum Umgang mit sozialen Konflikten.”

The Student Nurses

Stephanie Rothman, die Roger Corman “den einzigen Mentor, den ich jemals hatte” nannte, erzählte rückblickend auch von den Möglichkeiten, die das (S)Exploitation-Genre ihr boten sowie von den Freiheiten, die Corman seinen Regisseuren ließ, solange sie die kommerziell erfolgreichen Formeln der “New World Pictures” bedienten: “Da ich nicht wusste, wie lange ich überhaupt Filme, welcher Art auch immer, machen konnte, habe ich mich entschlossen, zu sagen, was ich wollte, solange ich die Chance dazu erhielt, statt nur auf Nummer Sicher zu gehen. Die Leute haben registriert…, dass in meinen Filmen Frauen in ihrem Denken und Handeln unabhängig sind. Ich denke, dies fiel vor allem deshalb auf, da die Rollen, die für Frauen in dieser Zeit für gewöhnlich geschrieben wurden, diese auf abhängige Personen reduzierten. Es war in der Tat meine Absicht, dies in meinen Filmen anders zu machen. Ich wollte etwas erschaffen, das ich auch in der wirklichen Welt sehen wollte, gleichberechtigtere Geschlechterrollen, einfach ein Machtgleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Darum auch sind in einigen Szenen die Männer ebenso nackt, wie die Frauen, was seinerzeit definitiv nicht die Regel gewesen ist. Aber, ich wollte die Unabhängigkeit der Frauen bis zu einem Punkt treiben, an dem der Sinn und Zweck ihres Lebens nicht mehr nur im Heiraten besteht. Einige Frauen haben so in den 70ern bereits gelebt, aber damals war dies im Leben wie im Film noch eine neuere Vorstellung, als sie es heute ist.”

Karen Carlson

Manchmal geschehen noch Wunder. Nicht nur, dass The Student Nurses in Wien auf der “Viennale” 2016 gezeigt wurde, das Berliner online-Filmmagazin “critic.de” hat im März 2017 mit “Die Filme von Stephanie Rothman” gleich eine ganze Reihe über die Regisseurin veröffentlicht. hat darin die emotionalen, sexuellen, sozialen und politischen Verwicklungen der vier Krankenschwester-Schülerinnen aus The Student Nurses Sharon (Elaine Giftos), Phred (Karen Carlson), Priscilla (Barbara Leigh) und Lynn (Brioni Farrell), die auch noch zusammen wohnen, sehr lesenswert nacherzählt (link zum Inhalt des Films). Das Krankenhaus ist hier nicht nur der Ort der Fantasien über das Überall-berührt-Werden (die Exploitation-Formel), es ist auch der Ort, an dem vier Frauen Männer treffen, die ihr Leben verändern: Sharons Nähe zu einem todkranken Poeten; Priscilla, die von einem Hippie-Biker geschwängert und dann von ihm fallengelassen wird; Phred, die zu einer weiteren Eroberung des frauenverschlingenden Gynäkologen der Klinik wird; Lynn, die unter dem Einfluss eines radikalen Latino zur Stadt-Guerilla überläuft.

Barbara Leigh

“Nur zu sagen”, so Christopher T. Koetting in seinem Buch über die “New World Pictures” Mind Warp!, “dass The Student Nurses ein untypischer Exploitation-Film sei, wäre eine gewaltige Untertreibung. Der Subplot über Lynn und ihre Wandlung zu einer militanten Linksradikalen, die in eine Schießerei mit der Polizei verwickelt wird, dürfte bereits kaum der gängigen Norm entsprechen, aber es ist die Darstellung von Priscillas Dilemma, mit der Rothman ihr wirkliches Talent zeigt. Nachdem Priscilla den herumziehenden Biker bei einem Love-In getroffen hat, werfen die beiden einen LSD-Trip und in einer Szene – die als Reminiszenz an Horisho Teshigaharas Woman in the Dunes (Die Frau in den Dünen, 1964) oder auch Michelangelo Antonionis Zabriskie Point (1970) gesehen werden kann – lieben sich beiden am Strand in Zeitlupe, bis sich Priscillas Trip verfinstert und sie sich plötzlich von einer Menschenmenge beobachtet sieht. Hiernach geschwängert und sitzengelassen, versucht sie eine vollständig männliche Mediziner-Kommission von einer ‘medizinischen Abtreibung’ zu überzeugen – erfolglos (dies war drei Jahre vor dem Urteil Roe vs. Wade, nach dem die Abtreibung auf Wunsch in Amerika legalisiert wurde). Ihre Freundin Phred trifft dann den Gynäkologen der Klinik, der, obwohl Phred ihn in bösartiger Absicht anfleht, dies nicht zu tun, einer illegalen Abtreibung zustimmt. Rothman montiert dann Priscillas schmerzvolle Prozedur (während der sie von einer Horrorvision geplagt wird, bei der die Abtreibung am Strand stattfindet und sie dabei von einer Menschenmenge missbilligend angestarrt wird) mit Phreds rachsüchtigem und unbefriedigenden Sex mit einem anderen Doktor.”

Elaine Giftos

Die ineinander verschachtelte Geschichte der vier Frauen nimmt seine Protagonistinnen tatsächlich ernst, die ihre Selbstermächtigung über Enttäuschungen – vermeintlich – eigener Ideale erlangen, die sich für sie jedoch sämtlich als Fremdzuschreibungen innerhalb der gängigen Herrschaftsnormen erweisen. Fünf Jahre später wird der Corman-Schüler Jack Hill genau diesen Aspekt in seinem leider mittlerweile vergessenen The Swinging Cheerleaders (Footballmatch und süsse Girls, Jack Hill, 1974) noch weit deutlicher hervorheben. The Student Nurses ist dabei sexy ohne sexistisch zu sein, politisch bewusst, jedoch nicht belehrend, unterhaltsam ohne vordergründig oder gar anbiedernd, sensibel ohne sentimental zu sein. Dabei beweisen Stephanie Rothman (und Kameramann Stevan Larner) auch noch ein wirklich außerordentliches Gesprür für präzise und klare Bilder, für Rhythmus und den flow des Films sowie einen jederzeit interessanten und durchdachten Bildaufbau. Und so ist das, was in der Filmgeschichtsschreibung bestenfalls als Geburtsstunde eines Exploitation-Genres oder als einer der ersten Kassenhits der “New World Pictures” Erwähnung findet, in Wirklichkeit ein wunderbarer und auch heute noch sehr frei inszeniert wirkender Film, der einen Feminismus vertritt, dem das Fehlen der heute üblichen Metaperspektiven, Identitätspolitiken und (sehr oft ohnehin nur puritanisch motivierter) political correctness einfach nur gut tut – wie auch uns als Zuschauer – und der gerade deshalb umso dringlicher, lebensnäher und darum auch aktueller erscheint.

 

Bild-/Tonträger:

DVD: “The Student Nurses” (New Concorde, 2003 [USA: NTSC]), Bild: 16:9 – 1.85:1, Ton: Englisch.

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