NEO-GIALLO – THE NEON DEMON (2016) von Nicolas Winding Refn

The Neon Demon (Nicolas Winding Refn, 2016)

A movie love to hate: The Neon Demon ist eine coming of age-Geschichte der Hauptprotagonistin Jesse (Elle Fanning) in der hypermodernen Oberflächenwelt des Modell-Business und der Synthesizer-Klänge mit ihren dumpfen Rhythmen, Klangflächen und kleinen verführerischen Melodien (des deep base und trance). Er ist auch die Geschichte des unschuldig-reinen Mädchens vom Lande, das in der archischen Urhorde des Business den drei bösen (weil: coming out of age) Hexen Ruby, Sarah und Gigi (Jena Malone, Abbey Lee Kershaw und Bella Heathcote) begegnet, die sich am Schluss – das Urbild des archaisch-magischen Rituals schlechthin – die Kraft des Feindes mit dessen Körper und Auge einverleiben – das Auge, weil es in Nicolas Winding Refns Film um das Sehen geht. Erzählt wird dies in einer Bildsprache, die vollkommen scham- und haltlos mit der Selbstzweckhaftigkeit des Schönen, der Farben, des Lichts, der Rhythmen, der Formen und des Goldenen Schnitts verführt.


The Neon Demon

Das, was man in der Filmwissenschaft mittlerweile „Neo-giallo“ nennt, hat micht nie überzeugt – bis zu The Neon Demon. Denn genau das, was den giallo eigentlich ausmachte, schafft Refn hier in beeindruckender Art und Weise erstmals wieder neu: die Verbindung eines rein affirmativen und performativen Kinos der Schöhnheit und der Verführung mit den finstersten Ausprägungen der menschlichen Psyche und dem Archaischen. Der Film hat dabei kein wirkliches Narrativ, er liefert diesbezüglich nicht mehr als ein paar zweckdienliche Hinweise, er hat folglich auch keine Moral. Wie für Argento, so scheint auch für Refn Moral hier vielmehr eine Frage eines „ästhetischen Verhaltens“ (Nietzsche) zu sein. So lautet der zweckdienlichste Hinweis in dem Schlüsselsatz des Films dann auch: „Schönheit ist nicht alles – Sie ist das Einzige.“


Suspiria (links)/The Neon Demon (rechts). Screenshots: cinema, mon amour

Wer dies alles für „substanzlos“ hält, der sollte besser Romane lesen und über das Kino schweigen. The Neon Demon erzählt seine Geschichte vielmehr über seine Farbspektren, seine Bildkompositionen, seine Lichtmalerei und seine Musik. Dabei treten unter Refns konzeptioneller Regie seine Kamerafrau Natasha Braier und sein Komponist Cliff Martinez (der als Drummer u.a. bei Lydia Lunch begonnen hatte) wie selbstverständlich das vakant gewordene Erbe Mario Bavas, Luciano Tovolis und Claudio Simonettis an.

 
Suspiria/The Neon Demon

Dem Regisseur kann man bei alledem ein übersteigertes Selbstbewusstsein wohl nicht absprechen. Zuweilen erhällt man den Eindruck, er wolle mit diesem Film nicht weniger sein als zugleich Mario Bava, Dario Argento, Stanley Kubrick und David Lynch in ihren jeweils kreativsten Schaffensphasen. Was ihm (und Natasha Braier sowie Cliff Martinez) dabei dann doch gelingt, ist ein Film, den Argento heute nicht mehr drehen, den Tovoli nicht mehr fotografieren und den Simonetti nicht mehr komponieren kann.

Anders aber als die Filme Hélène Cattets und Bruno Forzanis (Amer von 2009 und The Strange Colour of Your Body’s Tears von 2013), ist The Neon Demon keiner jener „Neo-gialli“ geworden, die aus den Obsessionen der Vergangenheit zitathaft Manierismen der Gegenwart machen und diese dann wie in einer Gallerie ausstellen, sondern ein Film, der aus den Prinzipien der Arbeit Argentos entstanden ist und daraus wiederum etwas Einmaliges formt. The Neon Demon ist dabei so rauschhaft-sinnlich geworden wie Suspiria (1977), in seinen Formen und Farben sowie seiner Erzählung so abstrakt wie Inferno (1980) und dabei auch noch so geometrisch-mathematisch und eiskalt wie Tenebre (1982). Und er ist dies alles in einer – vielleicht noch genau so kommenden – Bildsprache des 21. Jahrhunderts, die uns hinter den medialen Benutzeroberflächen über den Menschen nichts mehr Wesentliches zu erzählen hat, außer eben den Überlebenskampf in der archaischen Urhorde mit ihren magischen Ritualen, und bei der das Ästhetische an sich dann zur einzig verbliebenen Fluchtlinie wird.

 


The Neon Demon

Und dies, das Ästhetische an sich als Fluchtlinie, wie natürlich auch die dabei naheliegende Modell-Thematik, Braiers Bilder sowie der Umstand, dass Refns Film die Dynamik von Argentos Filmen weitestgehend fehlt, nähert The Neon Demon wiederum an den stil- und bildprägenden Ur-giallo an, an Mario Bavas Sei donne per l’assassino (Blutige Seide, 1964). The Neon Demon ist so Neo- und Ur-giallo zugleich, der für mich kaum mögliche gehaltene Nachweis dafür, dass man diese Filme nicht nur wiederentdecken, sondern auch zeitgemäß wiedererschaffen kann. Und dies ist gleichermaßen tröstend und beunruhigend, ebenso wie die radikale Ambivalenz des italienischen Genre-Kinos der Siebziger überhaupt, das schließlich in seiner ganzen Schönheit in einer bleiernen Zeit aus dem Geist des Pessimismus entstanden ist.

A movie love to hate, ein wirklicher neo demon von einem Film und einer der besten der letzten Jahre.

 
Sei donne per l’assassino (Mario Bava, 1964)             Inferno (Dario Argento, 1980)

 

Bild-/Tonträger:

DVD/Blu-ray/Soundtrack: The Neon Demon (Koch Media, 2016), Ton: Deutsch/Englisch, Bildformat: 16:9 – 2.35:1, inkl. Soundtrack-CD (Cliff Martinez)

Hits: 366

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