THE INDIAN FIGHTER (1955) von Andre de Toth

The Indian Fighter (Zwischen zwei Feuern, Andre de Toth, 1955)

Ein Westerner reitet mit seinem Packpferd durch das Unterholz der Pinienwälder Oregons in ein Indianerdorf. Wir sehen ein Indianermädchen in einem Fluss baden, der sich flach und schnell fließend durch den Wald schlängelt. Das Dorf breitet sich auf einer Waldlichtung einer Wiese aus, wie auf einem sattgrünen Teppich. Menschen gehen dort ihren alltäglichen Verrichtungen nach. Die Musik umspielt sanft die Szenerie. Der Westerner und das Indianermädchen tauschen verführerisch ihre Blicke aus. Später werden sich die beiden in einem wilden, fast kindischen Spiel in dem Fluss einander hingeben.

Keine Frage, der Westerner ist hier zuhause. Hier? Der Ton, den der aus Ungarn stammende Regisseur Andre de Toth zu Beginn von The Indian Fighter setzt, ist einer der absoluten Anwesenheit der Natur und des Lebens. Während des gesamten Films werden die Cinemascope- und Technicolorbilder uns diese Anwesenheit, diese Gegenwart vermitteln. Der Schusswinkel der Kamera ist fast immer auf Augenhöhe, es gibt so gut wie keine Draufsichten, dafür eine brillante Tiefenschärfe, immer ein einbettendes Naturpanorama, viele Kameraschwenks, bis hin zu 360 Grad.

 

De Toth lehnte es ab, die Natur als, wie er es sagte, “lebloses Postkartenmotiv” oder “Kulisse” zu filmen, er wollte The Indian Fighter – wie so viele seiner Filme – “aus dem Inneren heraus” drehen. Aus dem Inneren der Natur und der Natur des Menschen, die sich in dieser Natur betrügen, umbringen, verlieben, Menschen, die sich vor allem nicht wie Filmfiguren, sondern auch als solche verhalten sollten.

Es folgt ein Gespräch zwischen dem Westerner Johnny Hawks (Kirk Douglas) und dem Häuptling Rote Wolke (Eduard Franz). Hawks ist gerade aus dem Bürgerkrieg zurückgekehrt, der allerdings nicht lange genug gedauert hätte, damit sich alle Weißen gegenseitig ausrotten konnten. “Wie schade”, bemerkt Rote Wolke dazu. Hawks bittet Rote Wolke, einen Treck von Siedlern durch das Indianergebiet nach Oregon führen zu dürfen. Das ist sein Job. Zwar ist er hier zuhause, doch in Wirklichkeit ist er Bewohner zweier, letztlich unvereinbarer Welten. Der der Indianer und der Natur und der der Weißen und der – vermeintlichen – “Zivilisierung”. Hawks möchte diese seine Welt eigentlich, wie er sagt, “wie eine Frau, wie meine Frau, eifersüchtig von fremden Blicken fernhalten”.

 

Doch die Konfrontation ist unvermeidlich. The Indian Fighter folgt in seiner Erzählung dann einer Formel, die seit Delmer Daves’ Broken Arrow (Der gebrochene Pfeil, 1950) zu einem gewissen Standard in vielen Hollywood-Western geworden ist, von bekannteren Produktionen wie Douglas Sirks Taza, Son of Cochise (Taza, der Sohn des Cochise, 1954) bis hin zu B-Filmen wie Conquest of Cochise (Auf Kriegspfad, William Castle, 1953), der des “humanistischen Indianer-Westerns”. Immer gibt es hier den Westerner (und/oder den Indianer) als Bewohner zweier Welten und immer gibt es auf beiden Seiten verbrecherische oder betrügerischer Elemente, die die Einsicht und den Willen zum Frieden zerstören. In The Indian Fighter sind es schließlich zwei aus dem Siedlertreck (gespielt von Walter Matthau und Lon Chaney Jr.), die aus Gier nach dem Gold –  dem “gelben Eisen” – auf dem Indianer-Territorium einzelne Indianer mit dem “Feuerwasser” bestechen, betrügen und umbringen. Letztlich sind die Bemühungen um Frieden beider Seiten, von Rote Wolke und des Fort-Kommandanten Captain Trask (Walter Abel), auch in The Indian Fighter erfolglos. Es kommt zum Krieg.

Am Schluss wird es dann die Beziehung und das erwartete Kind von Johnny Hawks mit dem Indianermädchen Onahti (Elsa Martinelli), der Tochter von Rote Wolke, sein, die den Häuptling dazu veranlassen, das Fort nicht zu zerstören und mit seinen Kriegern abzuziehen. Doch es wird keinen Frieden, keinen Ausgleich geben, das Machtverhältnis zwischen Kolonisierern und Kolonisierten ist eindeutig, dessen sind sich alle bewusst. Trotz aller pantheistsch anmutenden Anwesenheit der Natur und überwältigenden Schönheit, durchzieht The Indian Fighter von Anfang an daher auch ein Ton von Pessimismus und Melancholie. Es ist nicht nur Rote Wolkes Bemerkung über den Krieg der Weißen untereinander. Es gibt da eine Szene zwischen Johnny Hawks und dem mit dem Treck mitreisenden Fotografen Briggs (Elisha Cook Jr.), in der Briggs sagt, er wolle “den ganzen Westen” und seine “Schönheit” fotografieren, damit “alle kommen” um den Westen “zu zivilisieren”. Hawks antwortet darauf mit der Geschichte von seiner Eifersucht, stellt aber auch nüchtern fest, dass, wenn Briggs es nicht tun würde, es andere tun würden. Später wird Hawks sogar Briggs’ Kamera unter Einsatz seines Lebens retten. Elisha Cook Jr., Zeit sein Lebens ein enger Freund de Toths, scheint hier den Regisseur selbst zu verkörpern.

 

Diese Geschichte, die ganze Geschichte des Westens, ist mit ihren Ambivalenzen in The Indian Fighter vorhanden, wie in so vielen Western, doch kaum ein anderer Western bringt einem die Natur und die Natur des in ihr kämpfenden Menschen so nahe, wie Andre de Toths Film, dieses “schönste pantheistische Gedicht, das jemals in Hollywood gedreht wurde”, wie ein französischer Filmkritiker schrieb. Allein das Spiel miteinander und umeinander von Kirk Douglas und Elsa Martinelli in den Wäldern und im Fluss wirkt in seinem wilden Begehren fast schon wie ein Teil dieser Natur, während der “Zivilisationsvorposten” des Forts wie ein grob in die Landschaft gesetzter Fremdkörper erscheint.

Beim Angriff der Indianer auf das Fort schließlich, erleben wir nicht, wie in einem klassischen Western zu erwarten, eine Art “Überfall von Wilden”, sondern ein militärisch diszipliniertes und strategisch überlegenes Vorgehen von Rote Wolke, der genau weiß, dass er nicht nur um die Freiheit und um seine Jagdgründe, sondern letztlich um das Überleben seines Volkes kämpft. Die Grausamkeit, die Rote Wolke anwendet (er schickt drei Kavalleristen, die losgeritten sind, um Verstärkung zu holen, skalpiert und wie noch lebendig wirkende Statuen des Todes an einem Gerüst ans Pferd gebunden, zurück ins Fort), ist für ihn letztlich nur ein taktisches Mittel. Im Krieg sind alle Menschen gleich, gleich grausam, gleich fokussiert und zielgerichtet – gleich entzivilisiert wie verloren.

 

Das Fort selbst ließ Andre de Toth am Drehort vollständig bauen, aus 8.700 Kieferstämmen, die die örtliche Forstverwaltung zur Verfügung stellte. Es ist karg, grob gehauen, es gibt in ihm nichts Dekoratives, nicht die an die Palisaden gedrängten Blockhäuser, nicht die Innenräume, an ihm nichts Schönes, es wirkt wie eine Kampfansage an diese Natur. Gedreht wurde ausschließlich vor Ort, in Bend, Oregon. Bis auf wenige Rollen, werden die Indianer von Native Americans gespielt. Doch ist das nicht gespielt. “Spiele es nicht, sei es!” – so lautete eine typische Regieanweisung de Toths. Vier Jahre später wird de Toth dort wieder vollständig vor Ort drehen, diesmal nicht im Sommer, sondern im Winter, dort das kleine Nest “Bitters” bauen lassen, für seinen unfassbar intensiven und reduzierten, existenzialistischen Western mit Robert Ryan Day of the Outlaw (Tag der Gesetzlosen, 1959).

Drehort Bend, Oregon: Jahreszeiten und Screenshots aus The Indian Fighter (2017/1955) und Day of the Outlaw (2017/1959).

De Toth, der vor allem wegen seiner insgesamt sechs Western mit Randolph Scott als Western-Regisseur wahrgenommen wird, hat tatsächlich aber mit The Indian Fighter, den früheren Ramrod (Die Farm der Gehetzten, 1947) und Last of the Comanches (Dürstende Lippen, 1953) sowie dem späteren Day of the Outlaw seine großen Meisterwerke – wenn nicht sogar vier der besten Western überhaupt – geschaffen. Vier Filme, die scheinbar so verschieden sind, die sich aber doch in so Vielem ähneln.

In diesen vier Filmen hat de Toth sein Ziel erreicht aus “dem Inneren” der Natur heraus zu inszenieren, mit einer derartigen technischen Brilanz (Brennweite, Einstellungsgrößen, Schusswinkel und Licht), die nie Außenansichten oder Metaperspektiven anbietet, einer Technik, der sich de Toth hochgradig bewusst gewesen ist, die dabei dennoch immer unsichtbar, fast selbst schon “natürlich” bleibt. Und wie mit dem Schnee-Western Day of the Outlaw in dann fast schon unerreichter Perfektion, so ist de Toth – einem der letzten noch “unentdeckten” großen Regisseure Hollywoods – auch bereits mit The Indian Fighter etwas gelungen, das im Kino eine absolute Seltenheit ist: Ein von der Natur gedrehter Film, von ihrem Wesen und ihren Jahreszeiten, ihren Zyklen, die den Menschen beherrschen – nur, dass es dieser Mensch nicht wahrnimmt und sich wie in einem existenzialistischen Gefängnis stattdessen darin selbst zerfleischt – klein, unbedeutend, ahnungslos.

“Zeige das Leben”, das war die Philosophie Andre de Toths, ein Leben, das er selbst stets als solch ein “Gefängnis” betrachtet hat. Mit The Indian Fighter ist ihm dies auf eine fast einmalige und beeindruckende Art und Weise gelungen.

 

Bild-/Tonträger:

Blu-ray: „Zwischen zwei Feuern“ (Koch Media, 2018), Bild: 16:9-2.35:1, Ton: Deutsch/Englisch.

Hits: 34

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