THE BIG BIRD CAGE (1972) von Jack Hill

The Big Bird Cage (Jack Hill, 1972)

Anitra Ford, Werbe-Model und Hauptdarstellerin in The Big Bird Cage, sagt heute, dass ihr Jack Hill seinerzeit erzählt habe, dass es ihm auch mit den Woman in Prison-Filmen vor allem um die “Ermächtigung der Frauen” (“He want to set women in power”) gegangen sei. Gerade die gängigen deutschen Übersetzungen von “Power” mit “Macht” und von “Empowerment” mit “Ermächtigung” führen dabei jedoch leicht in die Irre. Mit dem “Empowerment” ging es Hill nie darum, seine Irren, Schwarzen und Frauen in Machtpositionen bestehender Herrschaftsstrukturen zu bringen – die vorherrschende Vorstellung des links-liberalen Mainstreams bis heute -, sondern vielmehr darum, sie aus der Passivität zu holen und mit ihnen gegen diese Herrschaftsstrukturen zu rebellieren. Im Lateinischen gibt es hingegen für den Begriff der “Macht” zwei Wortstämme, den der potestas (= Herrschaft) und den der potentia (= Vermögen, Können). Jack Hill ging es mit seinem Kino des Empowerment immer um Letzteres, um das Vermögen, das “können Können”, um die Selbstermächtigung der Subalternen gegen Herrschaftsnormen und Hierarchien.

Pam Grier und Sid Haig

Und subaltern ist für Jack Hill das, was für “verrückt” erklärt wird, um die bestehenden Herrschaftsstrukturen als “normal” und “gesund” zu legitimieren, Strukturen, die zudem natürlich noch als “weiß” und “männlich”, dabei in Abgrenzung zum Unterdrückten “Schwarzen” und “Weiblichen” definiert sind. Einer der deutlichsten und auch schönsten Momente im gesamten Kino Jack Hills – erklärtermaßen auch für Quentin Tarantino -, ist daher der Moment, in dem Pam Grier in Coffy (Coffy – die Raubkatze, Jack Hill, 1973) zu ihrem Freund Carter (William Elliott) sagt: “Carter, hast Du jemals etwas getan, als Du verrückst warst? Wirklich verrückt, und es war wie in einem Traum zu leben?” (“Carter, did you ever do something when you were mad? Really mad, and it was like living in a dream?”) – ein Moment, in dem “Coffy” plötzlich sehr zerbrechlich, voller Selbstzweifel erscheint und in dem das Subalterne des Irren, Schwarzen und Femininen zusammengeführt und zugleich zu einem Traum von der Rebellion gegen die bestehende Unterdrückung und Ausbeutung wird. Jack Hills Filme sind daher nie “realistisch”, es sind “Fantasien”, wie er selbst sagt, sie erzählen vielmehr immer von diesem Traum der Selbstbestimmung und Selbstbefreiung der Subalternen.

Anitra Ford, Candice Roman und Carol Speed

Nach dem enormen Kassenerfolg von Hills Big Doll House (1971), der bei einem Budget von $125.000 nicht weniger als $10 Millionen einspielte und der den Erfolg von Roger Cormans neu gegründeter Independent-Firma “New World Pictures” gemeinsam mit The Student Nurses (Stephanie Rothman, 1970) fast im Alleingang begründete, wollte Corman natürlich sofort ein Sequel auf den Philippinen produzieren. Jack Hill nutzte dies nun aus, um die Exploitation-Formel der Woman in Prison-Filme mit The Big Bird Cage mit anarchischem Humor aufzubrechen und jenseits jeglicher political correctness ein ironisches-aufdeckendes Spiel mit den üblichen Genre-Klischees zu betreiben: aus den lesbischen Knastaufseherinnen, die ihre Machtposition gegenüber den Insassinnen sexuell ausnutzen, werden nun zwei schwule Knastaufseher, die daran natürlich kein Interesse haben – und prompt selbst von den Insassinnen vergewaltigt werden -, aus der weißen Dominanz wird die Dominanz der schwarzen Pam Grier, sobald diese im Lager auftaucht, und aus Revolutionären werden Gelegenheitsräuber, die ansonsten darauf achten, ihre Leben möglichst lazy und unaufgeregt zu verbringen.

Pam Grier

The Big Bird Cage beginnt mit einem Besuch der prominenten, langbeinigen Terry (Anitra Ford) in einem Restaurant für die höhere Gesellschaftsschicht in irgendeiner Bananenrepublik. Leider zum falschen Zeitpunkt, denn die beiden dort spielenden Musiker Django (Sid Haig) und Blossom (Pam Grier) erweisen sich als örtliche Revolutionäre, deren “Revolution” zunächst einmal darin besteht, ein Maschinengewehr aus der Gitarre zu holen und die anwesenden Gäste auszurauben – eine Szene, die Quentin Tarantino später als Vorbild für den Anfang von Pulp Fiction (1994) dienen wird. So richtig organisiert scheint der Überfall jedenfalls nicht, denn die Flucht muss Django schließlich in einem Taxi bewerkstelligen, mit dem er gleich auch noch Terry entführt. Diese scheint das Ganze ebenso gelassen zu nehmen (“Du kannst mich nicht vergewaltigen, denn ich mag Sex”) wie die “Revolutionäre”, bis sie schließlich, von Django auf der Straße ausgesetzt, von der Polizei aufgegriffen wird. Diese nutzt nun die Gelegenheit, Terry, die sich anscheinend bei hohen Regierungsvertretern zuvor unbeliebt gemacht hat, zu beseitigen. Terry wird in einen Frauen-Arbeitslager gebracht, in dem die Frauen aus Zuckerrohr Zucker herstellen müssen, unter anderem in einem riesen Bambus-Turm, dem titelgebenden “Big Bird Cage”. In dem Turm, so erklärt die Gefangene Carla (Candice Roman), “arbeiten diejenigen, die ihre Quoten auf den Feldern nicht erbracht oder Ärger gemacht haben. Spitzel werden darin verletzt, vielleicht sogar umgebracht.”

Pam Grier und Sid Haig

Die Insassinnen, neben Candice u.a. noch Bull Jones (Teda Bracci) und die schwarze Mickie (Carol Speed), werden von den zwei schwulen und etwas übergewichtigen Aufsehern Rocco (Vic Diaz) und Moreno (Subas Herrero) überwacht, das Lager von dem strengen Zappa (Andy Centenera) geleitet. Die Umgangsformen untereinander sind äußerst rüde, die Lagerleitung ist hart und unerbittlich. Nachdem Blossom währenddessen nach dem Restaurant-Raub auch wieder zu ihrem revolutionären Freund Django zurückgefunden und sich hiernach erst einmal im Schlamm und in einer Hütte mit ihm vergnügt hat, werden die beiden von den anwesenden Revolutionären mit dem Hinweis auf die “französische Revolution” an ihre eigentliche Aufgabe erinnert. Man fasst den Plan, die Frauen aus dem Arbeitslager zu holen. “What a blow for freedom to liberate all of those young girls”, so einer der Guerilla. “Sounds cool, man”, so der Hängematten-Revolutionär Django. Dafür lässt sich Blossom absichtlich gefangennehmen – in einer zum Brüllen komischen Szene, in der sie eine Handgranate auf eine Bühne mit Honoratioren schmeißt, die sich als Blindgänger erweist – und Django lässt sich undercover als – natürlich schwuler – Aufseher im Lager engagieren.

Blossom übernimmt sofort das Kommando unter den Insassinnen, indem sie eine der Gefangenen gleich zurechtweist (“That’s ‘Miss’ Nigga to you!”) und gemeinsam mit Django gelingt es den Frauen, einen bewaffneten Aufstand im Lager zu organisieren. Einer der schwulen Aufseher wird von den Frauen in einem Gang Rape vergewaltigt und der “Big Bird Cage” geht in Flammen auf, bevor die Regierung Militär entsendet. Einer kleinen Gruppe gelingt es noch, zu entkommen. Blossom und Django kommen bei der folgenden Hetzjagd – auf eine sehr melodramatisch überzogene Art – ums Leben.

Candice Roman

The Big Bird Cage wurde wieder ein Kassenhit, lief aber am längsten und erfolgreichsten in einem Schwulen-Kino in Hollywood. Das Gay-Publikum liebte Jack Hills Film, seine geradezu überbordende Dominanz alles Femininen – sogar noch in den Männerfiguren -, seinen sich gegen jegliche political correctness und gegen jede Autorität auflehnenden Anarchismus, wie auch das Angebot, mit Figuren wie Rocco und Moreno einmal auf der Seite des Bösen stehen zu dürfen, im Dienst der Autorität zu foltern, nur um am Ende dann von den sexuell ausgehungerten Insassinnen vergewaltigt zu werden. Das, was man nach heutigen Maßstäben öberflächlicher political correctness als Ansammlung homophober Geschmacklosigkeiten interpretieren würde, erwies sich in Wirklichkeit auch als ein Film für Gay-People, die hier – hierin dem Kino John Waters’ nicht unähnlich – einfach als Menschen gezeigt werden, Menschen, die hiermit Teil der großen Rebellion der Irren, Schwarzen und Frauen im Kino Jack Hills gegen die Klischees des eigenen Genres wie auch gegen die herrschenden Verhältnisse werden.

Auch in The Big Bird Cage verfällt Jack Hill bei der Inszenierung von Sex und Gewalt, die sich nach heutigen Maßstäben ohnehin geradezu spärlich und zurückhaltend ausnimmt, nie in einen reinen Zeige-Gestus, wir sind hingegen als Betrachter hierbei immer mit und bei den Figuren, die Ermächtigung ist hier nicht die Ermächtigung des Zuschauers über den voyeuristischen und damit beherrschenden, männlichen Blick, und schon garnicht ist sie belehrend, sie ist stets ein Angebot an uns, mit diesen Figuren gemeinsam zu rebellieren, sogar noch gegen unsere eigenen Erwartungen und dabei so – vermeintlich – unverrückbaren Sicherheiten – “What a blow for freedom… Sounds cool, man”, möchte man da nur ausrufen.

 

Bild-/Tonträger:

Blu-ray: “The Woman in Cages-Collection: The Big Bird Cage/Big Doll House/Women in Cages” (Shout! Factory, 2011 [USA: NTSC]), Bild: 16:9 – 1.85:1, Ton: Englisch. Extras: u.a. Dokumentation “From Manila With Love”; Audiokommentare von Jack Hill zu “Big Doll House” und “The Big Bird Cage”.

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