THE BIG BIRD CAGE (1972) von Jack Hill

The Big Bird Cage (Jack Hill, 1972)

Anitra Ford, Werbe-Model und Hauptdarstellerin in The Big Bird Cage, sagt heute, dass ihr Jack Hill seinerzeit erzählt habe, dass es ihm auch mit den Woman in Prison-Filmen vor allem um die “Ermächtigung der Frauen” (“He want to set women in power”) gegangen sei. Gerade die gängigen deutschen Übersetzungen von “Power” mit “Macht” und von “Empowerment” mit “Ermächtigung” führen dabei jedoch leicht in die Irre. Mit dem “Empowerment” ging es Hill nie darum, seine Irren, Schwarzen und Frauen in Machtpositionen bestehender Herrschaftsstrukturen zu bringen – die vorherrschende Vorstellung des links-liberalen Mainstreams bis heute -, sondern vielmehr darum, sie aus der Passivität zu holen und mit ihnen gegen diese Herrschaftsstrukturen zu rebellieren. Im Lateinischen gibt es hingegen für den Begriff der “Macht” zwei Wortstämme, den der potestas (= Herrschaft) und den der potentia (= Vermögen, Können). Jack Hill ging es mit seinem Kino des Empowerment immer um Letzteres, um das Vermögen, das “können Können”, um die Selbstermächtigung der Subalternen gegen Herrschaftsnormen und Hierarchien.

Pam Grier und Sid Haig

Und subaltern ist für Jack Hill das, was für “verrückt” erklärt wird, um die bestehenden Herrschaftsstrukturen als “normal” und “gesund” zu legitimieren, Strukturen, die zudem natürlich noch als “weiß” und “männlich”, dabei in Abgrenzung zum Unterdrückten “Schwarzen” und “Weiblichen” definiert sind. Einer der deutlichsten und auch schönsten Momente im gesamten Kino Jack Hills – erklärtermaßen auch für Quentin Tarantino -, ist daher der Moment, in dem Pam Grier in Coffy (Coffy – die Raubkatze, Jack Hill, 1973) zu ihrem Freund Carter (William Elliott) sagt: “Carter, hast Du jemals etwas getan, als Du verrückst warst? Wirklich verrückt, und es war wie in einem Traum zu leben?” (“Carter, did you ever do something when you were mad? Really mad, and it was like living in a dream?”) – ein Moment, in dem “Coffy” plötzlich sehr zerbrechlich, voller Selbstzweifel erscheint und in dem das Subalterne des Irren, Schwarzen und Femininen zusammengeführt und zugleich zu einem Traum von der Rebellion gegen die bestehende Unterdrückung und Ausbeutung wird. Jack Hills Filme sind daher nie “realistisch”, es sind “Fantasien”, wie er selbst sagt, sie erzählen vielmehr immer von diesem Traum der Selbstbestimmung und Selbstbefreiung der Subalternen.

Anitra Ford, Candice Roman und Carol Speed

Nach dem enormen Kassenerfolg von Hills Big Doll House (1971), der bei einem Budget von $125.000 nicht weniger als $10 Millionen einspielte und der den Erfolg von Roger Cormans neu gegründeter Independent-Firma “New World Pictures” gemeinsam mit The Student Nurses (Stephanie Rothman, 1970) fast im Alleingang begründete, wollte Corman natürlich sofort ein Sequel auf den Philippinen produzieren. Jack Hill nutzte dies nun aus, um die Exploitation-Formel der Woman in Prison-Filme mit The Big Bird Cage mit anarchischem Humor aufzubrechen und jenseits jeglicher political correctness ein ironisches-aufdeckendes Spiel mit den üblichen Genre-Klischees zu betreiben: aus den lesbischen Knastaufseherinnen, die ihre Machtposition gegenüber den Insassinnen sexuell ausnutzen, werden nun zwei schwule Knastaufseher, die daran natürlich kein Interesse haben – und prompt selbst von den Insassinnen vergewaltigt werden -, aus der weißen Dominanz wird die Dominanz der schwarzen Pam Grier, sobald diese im Lager auftaucht, und aus Revolutionären werden Gelegenheitsräuber, die ansonsten darauf achten, ihre Leben möglichst lazy und unaufgeregt zu verbringen.

Weiterlesen

Hits: 515

THE SWINGING CHEERLEADERS (1974) von Jack Hill

The Swinging Cheerleaders (Footballmatch und süsse Girls, Jack Hill, 1974)

Seinerzeit ein großer Erfolg an den Kinokassen, war es wieder einmal Quentin Tarantino, der The Swinging Cheerleaders aus der Vergessenheit holte und den Film als Beitrag für das erste “Quentin Tarantino Film Fest” 1996 in Austin, Texas auswählte. 2016 erschien der Film dann restauriert bei Jack Hills europäischer “Hausfirma” Arrow Video als Blu-ray, wie üblich mit einem Audiokommentar des Regisseurs versehen. Das Cheerleader-Genre nahm mit der Sex-Klamotte Mir hat es immer Spaß gemacht (The Naughty Cheerleader, Will Tremper, 1970) seinen Anfang in Deutschland, brachte in den Siebzigern solche Filme wie The Cheerleaders (Fans – Fans – Fans – Runter mit den Pants, Paul Glickler, 1973) und The Pom Pom Girls (Mach mich nicht an!, Joseph Ruben, 1976) hervor und mündete dann am Ende des Jahrzehnts – quasi naturgemäß – in dem Hardcore-Porno-Hit Debbie Does Dallas (Im Dutzend williger, Jim Buckley, 1978). Cullen Gallagher: „Bei grob gesagt etwa ein Dutzend Filmen, über das Jahrzehnt verteilt, beginnend 1970 und offenbar bereits um 1980 wieder aus der Mode kommend, ist The Swinging Cheerleaders der Höhepunkt der Serie. Er ist nicht nur der am besten gemachte (was Produktion, Besetzung, Drehbuch und Regie betrifft), sondern auch der einzige, der einen Stempel von Autorenschaft trägt (Hills Ästhetik ist ganz klar über den gesamten Film präsent). Zudem ist er auch offensichtlich der sozial und politisch Bewussteste, ein Film, der die Aufmerksamkeit – und seine Kritik – auf den voyeristischen Erotizismus lenkt, in dem sich die anderen Filme weitestgehend erschöpfen.“

Rosanne Katon, Rainbeaux Smith und Jo Johnston

The Swinging Cheerleaders, ebenso wie der darauffolgende Switchblade Sisters (Die Bronx-Katzen/Die Switchblade Sisters, 1975) von John Prizer für “Centaur Pictures” produziert, ist in der Tat einer jener Filme, die – vielleicht mit der Ausnahme von Stephanie Rothmans The Student Nurses (1970) – nur Jack Hill hervorgebracht hat. Auf der Grenze von Exploitation und Sexploitation ist er für das Sub-Genre des Cheerleader-Films das, was Spider Baby (1967) für den Horrorfilm, Pit Stop (1969) für das Carsploitation-Genre, Big Doll House (1971) und The Big Bird Cage (1972) für das Woman in Prison-Genre, Coffy (1973) und Foxy Brown (1974) für den Blaxploitation-Film und Switchblade Sisters (1975) für das Girlsgang-Genre sind: weist er an der Oberfläche auch sämtliche exploitativen Elemente des Genres auf, so ist er zugleich ein starkes anti-kapitalistisches Statement, eine deutliche Zurückweisung der Genre-üblichen Klischees und Ausbeutungsmuster und dabei ein eindeutiges Plädoyer für die Selbstbestimmung und das Empowerment, in diesem Fall der Frau.

Zur Handlung: Die feministische Aktivistin Kate (Jo Johnston) will am Mesa State College in Colorado als Cheerleader undercover aufdecken, wie erniedrigend und ausbeuterisch diese Praxis in ihren Augen ist. Sehr zur Freude ihres Hippie-Freundes Ron (Ian Sander), eines dogmatischem Linken, mit dem sie zusammen die Campus-Zeitung herausgibt. Schon bald befreundet sie sich mit zwei weiteren Cheerleadern, der schwarzen Lisa (Rosanne Katon), die eine heimliche Affäre mit ihrem – ebenfalls schwarzen – Englisch-Lehrer Prof. Thorpe (Jason Sommers) hat, sowie mit der blonden Andrea (Rainbeaux Smith), die noch Jungfrau ist und mit dem Gedanken spielt, ihre Jungfräulichkeit einmal an ihren Freund Ross (Ric Carrott) zu “verschenken”.

The Swinging Cheerleaders

Nachdem Kate die Macho-Avancen des Star-Quarterbacks des Footballteams Buck (Ron Hajek) zunächst selbstbewusst zurückgewiesen hat (“Du glaubst, Du kannst mich haben, indem Du mir einfach hinterherpfeifst? Du denkst, Du müsstest nur an der Tür klingeln, einfach eintreten und schon wärst Du zuhause, oder nicht? Typisch für Euch kindischen, schweinsgesichtigen Sportskanonen. Aber, weißt Du was, ich suche mir meine Sexpartner selber aus!”), geht sie aus eigenen Stücken doch noch eine Beziehung mit ihm ein, nicht gerade zur Freude von Bucks Freundin Mary Ann (Colleen Camp).

Nichts läuft so, wie von Kate und den beiden Coming of Age-Girls Lisa und Andrea geplant. Ron, dessen linke Anmutung sich hierbei nur als aufgeblasene, selbstherrliche Fassade erweist, setzt die jungfräuliche Andrea unter Alkohol und läd seine Freunde hiernach skrupellos zu einer Massenvergewaltigung (“Gang Bang”) an dem Mädchen ein. Lisa wird von der Frau des Professors (Mae Mercer), die schon längst von der Affäre ihres Mannes erfahren hat, deutlich mit einem Klappmesser zurechtgewiesen: “Ich habe hart dafür gearbeitet, um diesen Mann in der Schule zu halten, meine besten Jahre damit verbracht, um ‘Ja, Frau Soundso’, ‘Nein, Frau Soundso’ und ‘Ja, mein Herr’ zu sagen und die Scheiße aus weißen Babies herauszuwaschen. Und nun, wo er es endlich zu etwas gebracht hat, kommt ihr kleinen Penner daher, und wackelt mit Euren schwarzen Ärschen und Titten und glaubt allen ernstes, Ihr könntet mir meinen Mann wegnehmen?”

Weiterlesen

Hits: 489

PIT STOP (1969) von Jack Hill

Pit Stop (Jack Hill, 1969)

Es gibt in den großen Road Movies und Carsploitation-Filmen des US-Kinos, vor allem in denen New Hollywoods, zuweilen eine seltsame Leere, eine Verlorenheit der Protagonisten, die man keineswegs mit der “Freiheit der Straße” verwechseln sollte. Der endlose Highway ist hier immer schon ein Lost Highway, die Freiheit, die Selbstbestimmung und die Rebellion gegen das Establishment, die mit dem Auto geradezu mythologisch verbunden sind, sind hierbei eine Flucht in das Nichts, eine Raserei in den Tod. Und ausgerechnet in dem am wenigsten aggressiv anmutenden Moment in Pit Stop, in dem Jack Hill zeigt, wie die Community der Auto-Verrückten jenseits der Straßen- und Stockcar-Rennen mit ihren selbstgebauten Vehikeln spielerisch über die Sanddünen der Wüste gleitet, sagt Ellen Burstyn dann auch den Satz: “Diese Maschinerie besitzt uns.”

Vielleicht sind Two-Lane Blacktop (Asphaltrennen, Monte Hellman) und Vanishing Point (Fluchtpunkt San Francisco, Richard C. Sarafian), beide von 1971, am weitesten zu diesem Nullpunkt vorgestoßen, an dem es nur noch um das Dröhnen der Maschinen, das zeitweilige Beschleunigen in den Straßenrennen und das endlose Vorbeigleiten von tristen Orten und schemenhaften Menschen geht, vor denen man sich wie in einem unbewussten Fluchtreflex immer nur weg bewegt. Alles löst sich hier in Bewegung auf, die Figuren befinden sich in einem fast schon existenzialistischen Zustand, sich den Tod dabei stets vergegenwärtigend. Am Schluss von Vanishing Point, wenn der Tod eintritt und Barry Newman als “Kowalski” in die Bulldozer rast, wird das Bild schließlich eingefroren und die Bewegung damit – auch filmisch konsequent – vollständig zum Stillstand gebracht.

1955er Chevy aus Pit Stop und Two-Lane Blacktop (Monte Hellman, 1971)

Jack Hills Pit Stop, bereits 1967 gedreht und erst 1969 in die Kinos gebracht, dürfte der eigentliche Vorläufer dieses Kinos sein. Nicht nur, dass wir gleich zu Beginn ein illegales Straßenrennen mit einem 1955er Chevy sehen, der später in Two-Lane Blacktop die Hauptrolle einnehmen wird, auch die Verlorenheit der Figuren, sie ist hier bereits allgegenwärtig. Dies gilt in Pit Stop aber nicht allein für den Helden des Films Rick Bowman (Richard Davalos), sondern ebenso – geradezu exemaplarisch für die starken Frauenrollen im Kino Jack Hills – für Jolene (Beverly Washburn) und Ellen McLeod (Ellen Burstyn).

Jack Hill wollte tatsächlich einen “Kunstfilm” drehen, nachdem ihm Roger Corman ein Budget von 75.000 Dollar und drei Wochen Drehzeit für einen Film über Stockcar-Rennen angeboten hatte. Corman sah einen Markt für solche Filme, hatte er doch bereits für seine eigene Produktionsfirma “Filmgroup” in Europa The Young Racers (Schnelle Autos und Affären, 1963) gedreht und erfolgreich über die “American International Pictures” (AIP) vermarktet. Cormans einizige Bedingungen dabei: es müsse Auto-Crashs geben und der Held des Films müsse das große Autorennen gewinnen. Jack Hill, der gleich Produktion, Drehbuch und Regie übernahm, machte so aus “The Winner”, wie Pit Stop dann auch bei seiner Erstveröffentlichung hieß, einen höchst außergewöhnlichen Exploitation- und Independent-Film, eigentlich einen Autoren-Film, in dem der Held dann zwar das große Auto-Rennen gewinnt, dabei aber seine Seele verliert.

Rick: Richard Davalos

Gleich zu Beginn sehen wir diesen Helden Rick Bowman – Richard Davalos, für seine Rolle als Bruder von James Dean in East of Eden (Jenseits von Eden, Elia Kazan, 1955) bekannt – vor seinem aufgetunten 1955er Chevy mit der Einblendung “The Winner”, im Habitus und Stil eines 50er-Jahre-Rebellen. Bei dem nun folgenden nächtlichen Straßenrennen wird Rick von dem Autorenn-Promoter Grant Willard (Brian Donlevy) beobachtet, der sogleich auf Rick wettet und ihn aus dem Gefängnis holt, in das ihn die Polizei nach dem illegalen Rennen, das Rick natürlich gewonnen hat, gesteckt hat. Willard, dessen Philosophie das “survival of the fittest” ist, promoted die besten Rennfahrer Kaliforniens, vor allem für Stockcar-Rennen auf der großen Acht (“Figure 8 racing”). Doch Rick lehnt zunächst ab, zu verrückt, zu gefährlich scheinen ihm diese Stockcar-Rennen.

Rick, der Loner und Maverick, arbeitet zunächst auf einem Schrottplatz, lernt dort die Community der Autobastler kennen, sämtlich sympathisch wirkende Abenteurer, ebenso wie Hawk Sidney (Sid Haig), einen wilden Egomanen, der auf der großen Acht für Willard fährt, sowie dessen Freundin Jolene. Das hübsche, lebenslustige und unkomplizierte Girl, das auf ihrem T-Shirt ein provokantes “Why not?” trägt, hat es Rick sogleich angetan. Vielleicht ist es Jolene, vielleicht aber auch der ihn herausfordernde Hawk, jedenfalls entschließt sich Rick dann doch noch, Willards Angebot anzunehmen. Ricks ersten beiden Rennen auf der großen Acht sind ein Desaster und erst als er sich Rat bei einem körperlich versehrten Stockcar-Veteranen holt, gelingt es ihm, Hawk außerst rüde aus dem Rennen zu fahren. Hawk verliert nun nicht nur seine Position als Champion bei Willard, sondern auch Jolene an Rick.

Jolene: Beverly Washburn

Hawk ist außer sich, spürt die beiden nach einem Beat-Club-Besuch des Nachts auf, zertümmert Ricks Auto mit einem Vorschlag-Hammer und bricht Rick einen Arm. Doch Rick macht weiter, mit Jolene, die er im Bett allerdings mit kaltem Zynismus auflaufen lässt, und mit Hawk, den er im nächsten Rennen endgültig aufs Dach legt. Inzwischen hat Rick Ellen kennengelernt, die Ehefrau von Willards professionellsten Fahrer Ed McCleod (George Washburn), die für ihren Mann als Mechanikerin arbeitet. Und die Geschichte wiederholt sich: Vielleicht ist es Ellen, vielleicht aber auch der ihn herausfordernde Ed, jedenfalls entschließt sich Rick nun, Hawk als Backup-Fahrer für Ed bei einem großen professionellen Rennen zu ersetzen. Rick verführt die frustrierte Ellen gleich bei einem Sandbuggie-Event in den Dünen, lässt dafür Jolene einfach sitzen.

Weiterlesen

Hits: 444

SWITCHBLADE SISTERS (1975) von Jack Hill

Switchblade Sisters (Die Bronx-Katzen/Die Switchblade Sisters, Jack Hill, 1975)

Was hätte man schon erwarten sollen, als man sich seinerzeit in der “verbotenen” ab 18-Abteilung der Videothek eine Videokassette von EuroVideo aus dem Regal gezogen hatte, die den Titel Die Bronx-Katzen trug und auf der Vorne mit: “Mütter versteckt eure Söhne – Die ‘Bronx-Katzen’ sind los!” und Hinten mit: “Sie lieben bei Tag – und killen bei Nacht!” geworben wurde? Auf jeden Fall erwartete man nichts Unerwartetes, die Leihgebühr musste sich in entsprechender Unterhaltung durch Schau- und Sensationswerte mittels Gewalt, Sex, Action und vielleicht noch ein paar cooler Sprüche rentieren. Die Synchronisation dieses Films – wie auch die vieler, vieler anderer Filme -, gab sich dann auch reichlich Mühe, diese Erwartungshaltung nicht zu enttäuschen.

Othello: Robbie Lee

Eine Videokassette von Hunderten, Tausenden, eine Wochenendunterhaltung für ein paar Mark von so vielen. Die Videokassette von Die Bronx-Katzen verschwand hiernach wieder ebenso in der Ramschverkauf-Abteilung der Videothek, wie Switchblade Sisters selbst im Orkus einer Filmgeschichte, in die den Film offiziell aufzunehmen aber nun auch wirklich niemand auf die Idee kam. Nun ja, wenn dann aus reiner Chronistenpflicht doch, dann eben so: “Dilettantisch inszenierter und gespielter Film um eine New Yorker Schulmädchen-Gang, deren einziges ‘Lernziel’ die Ausübung von Gewalt ist. Ein Zeugnis menschenverachtender Gesinnung” (Lexikon des internationalen Films).

Was man nicht erwartete, weil man es nicht kannte, kennen wollte, oder schlicht noch nicht kennen konnte, war ein kleines Film-Wunderwerk, Shakespeares Othello (1603/1604) und ein gutes Stück des Kinos Quentin Tarantinos. Nun hat sich Letzterer alle Mühe gegeben, dies nachträglich zu ändern, mit seinem Werk, das seine Quellen in der “Video Archives”-Videothek im kalifornischen Manhattan Beach hatte, in der er als Archivar tätig war, aber auch mit seiner kleinen, nur kurz bestehenden eigenen Verleih-Firma “Rolling Thunder Pictures”, die auch Switchblade Sisters 1996 wieder in die Kinos brachte und auf DVD neu veröffentlichte.

Cassio: Joanne Nail

Dessen Regisseur Jack Hill hat Tarantino dann ein Jahr später mit Jackie Brown endgültig aus dem Orkus der Filmhistorie und der Ramschabteilung der Videothek herausgezogen und ins neue Rampenlicht gestellt, war doch Jackie Brown im Wesentlichen eine Art Laid-Back-Version von Jack Hills Coffy (Coffy – die Raubkatze, 1973) und Foxy Brown (1974) und verhielt sich so gegenüber Hills beiden rauhen Hits im Grunde genommen wie William Girdlers Sheba, Baby (1975), der bereits verlangsamt, milder, ganz auf Pam Grier als Blaxploitation-Ikone fokussiert gewesen ist.

Doch zurück zu Die Bronx-Katzen, also zu der EuroVideo-Videokassette, die tatsächlich alle erwarteten Schau- und Sensationswerte erfüllte. Da gibt es die Girls-Gang “Dagger Debs” mit ihrer Anführerin Lace (Robbie Lee), die natürlich mit dem Anführer der dazugehörigen Boys-Gang “Silver Daggers” Dominic (Asher Brauner) zusammen ist. Den Gangs gehört die Straße und die Highschool und als die konkurrierende Gang “The Crabs” um Crabs (Chase Newhart) in diese verlegt wird, gibt es natürlich Bandenkrieg, ausgefochten von den “Dagger Debs” mit Klappmessern, ihren Metallgürteln und Schusswaffen. Es gibt einen Machtkampf zwischen dem zweiten Girl der “Dagger Debs” Patch (Monica Gayle) und Maggie (Joanne Nail), die von Lace in die Gang aufgenommen wird. Es gibt bibbernde Highschool-Lehrer, die Brüste der beeindruckenden Bunny (Janice Karman) zu sehen, eine Massenprügelei der “Dagger Debs” mit sadistischen – und natürlich lesbischen – Aufseherinnen im Frauenknast, es gibt Vergwaltigungen, eine blutige Schießerei auf einer Rollschuhbahn.

Desdemona: Asher Brauner

Es gibt eine Afro-American-Girls-Gang um Muff (Marlene Clark), die in einem großen Straßenkampf sogar mit einem gepanzerten Wagen und schweren Maschinengewehren auffährt, natürlich als Blaxploitation-Referenz, komplett mit Mao-Bibel und Revolutions-Sprüchen à la “Black Panthers”. Und es gibt schlussendlich einen harten, langen und blutigen Messerkampf zwischen Lace und Maggie um die Macht in der Gang. Und natürlich gibt es dies alles auf der EuroVideo-Videokassette nur gekürzt, zum sittlichen Schutz der deutschen Jugend und vermutlich zur Vermeidung dessen, dass Die Bronx-Katzen sein “Lernziel”, das die anonymen Autoren des “Lexikons des internationalen Films” so erschreckte, womöglich am Ende doch noch erreichen könnte.

Jago: Monica Gayle

Weiterlesen

Hits: 550

Girls’n’Cars: DEATH PROOF – TODSICHER (2007) von Quentin Tarantino

Grindhouse: Death Proof (Death Proof – Todsicher, Quentin Tarantino, 2007)

Grindhouse: Death Proof: The Girls

Texas: “Stuntman Mike” (Kurt Russell) fährt mit seinem Stunt-Auto, einem “1970 Chevy Nova” – im gleichen Grau-Schwarz (eigentlich nur eine Grundierung) gehalten wie der “Chevy One-Fifty” aus Two-Lane Blacktop (Asphaltrennen, Monte Hellman, 1971) -, durch das Land, um sich seine Opfer auszusuchen. In einer Mexiko-Bar trifft er eine erste Girl-Gruppe (Vanessa Ferlito, Jordan Ladd und Sydney Tamiia Poitier) und überredet eines der Mädchen zu einem Lap-Dance. Er gabelt hiernach in der Bar Pam (Rose McGowan) auf, setzt sie in seinen Behelfsbeifahrersitz ohne Sicherheitsgurt, während er in der “todsicheren” Stunt-Fahrerkabine losfährt und sie mit heftigen Fahrbewegungen tötet. Danach bringt “Stuntman Mike” die drei anderen Girls mittels eines Frontalzusammenstoßes in ihrem Auto um.

Grindhouse: Death Proof: The Crash

Während “Stuntman Mike” nur leicht verletzt im Krankenhaus gelandet ist, sehen wir 14 Monate später in Lebanon (Tennessee) eine zweite Girl-Gruppe (Rosario Dawson, Tracie Thoms und Mary Elizabeth Winstead), die mit einem gelb-schwarzen “1971 Mustang Sportsroof” – nach dem Vorbild von “Eleanor” aus Gone in 60 Seconds (Die Blechpiraten, H.B. Halicki, 1974) – auf dem Weg zu dem Stunt-Girl Zoë Bell (die sich selbst spielt) sind. Auch “Stuntman Mike” taucht dort auf, diesmal mit einem schwarzen “1968 Dodge Charger”, dem Wagen von Steve McQueen aus Bullitt (Peter Yates, 1968) und Peter Fonda aus Dirty Mary, Crazy Larry (Kesse Mary – Irrer Larry, John Hough, 1974).

“1968er Dodge Charger” in Bullitt (Peter Yates, 1968) und Dirty Mary, Crazy Larry (John Hough, 1974)

Um zu unterstreichen, dass “Stuntman Mike” weiterhin als Frauen-Killer unterwegs ist, sehen wir bei der Ankunft Zoë Bells am Flughafen eine beinahe exakte Kopie der Titelsequenz von Dario Argentos Debüt-giallo L’uccello dalle piume di cristallo (Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe, 1969), inklusive der Musik Ennio Morricones. Mit dem Auftauchen der zweiten Girl-Gruppe ändert sich auch die optische Erscheinung des Films – intermedialer Kommentar: aus einer beschädigten und unvollständigen Grindhouse-Kopie der 70er Jahre, vorübergehend sogar in Schwarz-Weiß, wird mit dem Wiedereinsetzen der Farbe (Rosario Dawson an einer Tankstelle vor ihrem “1971 Mustang Sportsroof”) ein makellos fotografierter Film des Jahres 2007.

Grindhouse: Death Proof: The Change

Zoë Bell ist nach einem weißen “1970 Dodge Challenger” aus Vanishing Point (Fluchtpunkt San Francisco, Richard C. Sarafian, 1971) aus einer Zeitungsanzeige hinterher. Nachdem die Stunt-Girls das Magazin-Model aus ihrer Gruppe bei einem Backwood abgesetzt haben – nicht ohne ihm vorher zu sagen, dies sei eine Porno-Darstellerin -, machen sie sich mit dessen “1970 Dodge Challenger” auf eine Probefahrt.

Zoë möchte dabei “Schiffsmast” spielen, sich bei voller Fahrt auf die Motorhaube legen und dabei nur mit zwei an den Türen befestigten Gürteln festhalten. Also Zoë bereits auf der Haube liegt, fordert “Stuntman Mike” die Girls mit seinem “1968 Dodge Charger” zu einem Crash-Duell heraus. Die Stunt-Girls drehen den Spieß nach einiger Zeit um, setzen ihren “1970 Dodge Challenger” als Waffe ein, schießen “Stuntman Mike” an, fahren seinen Wagen zu Schrott und legen ihn abschließend mit Faustschlägen und ihren Stiefeln um.

Weiterlesen

Hits: 510

1 2 3