Trash fürs Kommunale Kino – SUSPIRIA (2018) von Luca Guadagnino

Suspiria (Luca Guadagnino, 2018)

Es ist alles so deprimierend! So deprimierend wie “Deutschland im Herbst”, genauer, wie West-Berlin im Jahr 1977: die RAF, Schleyer, Stammheim, die Landshut. “Der Spiegel”, den eine der Protagonistinnen demonstrativ in der Hand hält, titelt: “Terror”. Wir sehen hausbesetzte Berliner Hinterhöfe, noch Holzbänke in der S-Bahn, abweisende DDR-Grenzer mit Pelzmütze, die den Visa-Stempel zücken, Transparente überall, Sprüche an der Grenzmauer (“Honecker muss weg!”). Angela Winkler (Deutschland im Herbst, 1978), die hier die Rolle der Alida Valli macht, spielt dann natürlich auch mit. Und früher gab es noch “Theresienstadt”, das erfahren wir spätestens dann, wenn Jessica Harper (das Original) ins Spiel kommt. KZ! Das ist ja noch deprimierender!

Thom Yorke, Frontmann der Depri-Rockband Radiohead, begleitet den ganzen Frust in Moll, während Dakota Johnson (als Jessica Harper) und Tilda Swinton (unter Anderem als Joan Bennett und als “Klemperer”) in tristen, abgerissenen Settings Dario Argentos und Daria Nicolodis Minimalgeschichte (Amerikanerin kommt in eine deutsche Tanzschule, wo die bösen Hexen hausen) mit todernst-trauriger Arthouse-Mimik auf zähe zweieinhalb Stunden auswalzen.

Der Film ist in mehrere Akte und in einen Epilog eingeteilt. Doch bereits ab Akt 2 beginnt der Kampf des Betrachters gegen die Zeit und der Film konsequent gegen alle drei filmischen Grundregeln Billy Wilders zu verstoßen (“Du sollst nicht langweilen”, “Du sollst nicht langweilen” und “Du sollst nicht langweilen”).

Luca Guadagninos Remake von Dario Argento Suspiria von 1977 ist dabei garnicht so eigenständig, wie es gelegentlich bereits geschrieben wurde. Argentos Geschichte der “Drei Mütter”, die Set Pieces, die Bezüge zu Deutschland und zur bildenden Kunst, die Gewalt sowie Sigmund Freud und C. G. Jung sind stets allgegenwärtig. In Guadagninos angestrengtem – und anstrengendem – Bemühen, sich dennoch vom Original abzusetzen, verwandelt er Argentos Ästhetizismus plakativ in eine (an dem Maler Balthus orientierte) Anti-Ästhetik. Das ist ja auch ein Konzept. Alles ist hier daher – vermeintlich – Anti-These zum Original (“besonders schön”/”besonders hässlich”, “besonders wilde Musik”/”besonders getragene Musik”, “besonders elegant”/”besonders abgerissen”, “besonders künstlich”/”besonders realistisch”, usw.), beruht dabei aber letzlich doch nur auf schematischen Wahrnehmungen von Argentos Film.

Getanzt (dies allerdings durchaus beeindruckend) wird daher mit schmutzigen Füssen, in farblich ausgewaschenen Bildern, in denen immer irgendwas unscharf ist; das West-Berlin von 1977 sieht aus wie die DDR von 1987 und aus der Art Nouveau- und Jugendstil-Ästhetik des Originals wird nun ein eklatanter Mangel an Malern und Tapezierern. Da Argentos Film ja irgendwie als “Arthouse”-Horror gilt, unterbreitet uns Guadagnino hiermit also seine Idee von “Arthouse” und da Argento stets “Gewalt filmte”, muss die Gewalt hier natürlich auch besonders grausam ausfallen. Herausgekommen ist am Ende ein in Rot getauchtes CGI-Splatter-Finale, auf dessen “Härte” Andreas Schnaas (Violent Shit, 1989) und Olaf Ittenbach (The Burning Moon, 1992) sicher stolz gewesen wären – aber das sind ja auch Deutsche. Da wäre es nur konsequent gewesen, den Radiohead-Sound gleich durch derzeit gängigen Depri-Deutschpop zu ersetzen.

Guadagninos Herangehensweise an Argento ist in erster Linie theoretisch und kalt. Die erste Gewaltsequenz des Remakes zeigt dann auch den Tanz als performative Kunstform und schließt dies mit der Gewalt Argentos einfach kurz (da Argento Gewalt ja auch stets performativ inszinierte). Argentos affektive Ambivalenzen verschwinden hierbei vollständig, was bleibt ist schiere Grausamkeit, an den unsäglichen “Torture Porn”-Trend des neueren Horrorfilms erinnernd.

Luca Guadagninos Suspiria ist Trash fürs Kommunale Kino, der eher das Feuilleton und ein paar Filmstudenten adressiert, statt sich um den Zuschauer zu kümmern (denn die Kunst ist trist und darf nicht unterhalten!), im Ganzen eine unzählige Motive und Trenddiskurse (Feminismus!) oberflächlich triggernde, ebenso wichtigtuerische wie unfilmisch erzählte Kopfgeburt, bei der sich nichts zusammenfügen will. Schon garnicht zu jenem “Gesamtkunstwerk”, zu dem Guadagnino seinen Film allen Ernstes deklariert. Und gerade in dieser filmischen und thematischen Verlorenheit erinnert er dann doch wieder an Argentos eigenen, unrühmlichen Abschluss seiner “Trilogie der drei Mütter” Mother of Tears von 2007.

Die politisch-historischen Bezüge des Remakes (deutsche Geschichte als Gewaltgeschichte) sind dabei derart denkfaul verarbeitet, plump moralisierend (daher auch unpolitisch und unhistorisch) und im wahrsten Sinne des Wortes plakativ ausgestellt, dass es einem ob dieser Anmaßungen die Sprache verschlägt, eine Sprache, die der Film selbst über zweieinhalb Stunden partout nicht zu finden vermag – für was auch immer. Nun ja, vielleicht wollte Guadagnino in seiner Anti-Haltung zum Original Argentos “reines Kino” (Pure cinema) einfach nur in Anti-Kino verwandeln. Zumindest das wäre ihm gelungen, wie auch der endgültige – und sicher unfreiwillige – Nachweis dafür, welch erzählerische und filmische Brillanz eigentlich in Dario Argentos Klassiker steckt.

 

[Anmerkung: diese Besprechung wurde erstmals am 5. April 2019 veröffentlicht und nach zwei weiteren Sichtungen und der Lektüre weiterer Besprechungen am 9. April 2019 von mir überarbeitet und ergänzt. Mein Dank hierfür gilt Stefan Jung, Patrick Müller, Richard Schimanski, Sven Safarow und Marcus Alexander Stiglegger]

 

Bild-/Tonträger:

Blu-ray: „Suspiria“ (Koch-Films, 2019), Bild: 1.85:1 – 16:9, Ton: Deutsch/Englisch.

Soundtrack-CD: Thom Yorke: „Suspiria“ (Beggars Group/Indigo, 2019).

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