Mutter – SECRET BEYOND THE DOOR (1947) von Fritz Lang

Secret Beyond the Door (Das Geheimnis hinter der Tür, Fritz Lang, 1947)

Aus dem Blickwinkel objekiver Filmhistorie betrachtet, handelt es sich um ein vollständiges Desaster. Fritz Langs zwölfter Hollywood-Film floppte an den Kino-Kassen und trieb Langs und Joan Bennetts gemeinsame Produktionsfirma Diana Productions geradewegs in den Bankrott. Vom Kritiker-Papst Bosley Crowther in der New York Times kurzerhand als “Psychoquatsch” abgetan, kam Secret Beyond the Door nicht einmal in Langs Heimat Deutschland in die Kinos. Und Fritz Lang selber, er vermied es später stets, überhaupt über diesen Film zu reden. Doch was ist an Filmhistorie schon wirklich objektiv? Zumal, wenn ein junger italienischer Filmverrückter, der in den sechziger Jahren noch Filmkritiken für die Tageszeitung “Paesa Sera” schrieb, die italienische Fassung des Films Dietro La Porta Chiusa irgendwann zu dieser Zeit fasziniert und gebannt gesehen haben und hiernach nie wieder aus dem Kopf bekommen haben dürfte.

Joan Bennett in Secret Beyond the Door (1947)

Die Einflüsse Fritz Langs auf das Kino Dario Argentos sind mittlerweile – ebenso wie die Alfred Hitchcocks oder die Michelangelo Antonionis – gut untersucht und dokumentiert, doch dass ausgerechnet Secret Beyond the Door vor allem hierzulande so selten dabei Erwähnung fand, mag dem Umstand geschuldet gewesen sein, dass Langs Film in Deutschland über Jahrzehnte schlicht garnicht oder nur unvollständig bekannt gewesen ist. In die Kinos – wie gesagt – ist er hier nie gekommen, 1970 strahlte das westdeutsche Fernsehen eine über 20 Minuten gekürzte Fassung aus und erst 2006 erlebte er seine ungekürzte Fernsehpremiere auf Arte. Es sollte hiernach dann noch einmal acht Jahre dauern, bis dass das Label Filmjuwelen Langs Meisterwerk unter dem Titel Das Geheimnis hinter der Tür ungekürzt auf DVD veröffentlichte.

Joan Bennett in Suspiria (1977)

Ebenfalls 2013 stellte dann Heiko Nemitz in seinem Beitrag zu “Dario Argento – Anatomie der Angst” endgültig fest, dass “ein Großteil von Suspiria aber klar von Langs späterem amerikanischen Noir Secret Beyond the Door beeinflusst ist. Dieser Film, bei dem sich Lang auf die romantisch-psychologischen Hitchcock-Thriller Rebecca (1940) und Spellbound (Ich kämpfe um dich, 1945) bezieht, gliedert entscheidend die Handlung von der Suche nach einem Zimmer in einem unheimlichen Haus.” Einen weiteren Hinweis darauf, dass sich Argentos Bezugnahme bei Suspiria (wie auch weiterer Filme) auf Secret Beyond the Door keineswegs allein in sehr augenscheinlichen Formalien und einer sich vielfältig überschneidenden Ästhetik erschöpft – oder in der Besetzung von Langs Hauptdarstellerin Joan Bennett in Suspiria –, lieferte dann Roland Mörchen in seinem knappen aber lesenswerten, der deutschen DVD-Veröffentlichung beigefügten Essay: “Schatten kreuzen Celias Weg wie schicksalsmächtige Spuren aus einer verborgenen, aber an die Oberfläche drängenden Welt. Typisch für derartige Thriller, bleibt die Psychologie schematisch: Marks latenter Mutterhass liegt in der Kindheit begründet und ist in Frauenhass umgeschlagen. Verschlossene Tür, verschlossene Seele.”

Sich vielfältig überschneidende Inszenierung: Secret Beyond the Door und Suspiria

Spätestens jetzt dürfte klar sein, warum der junge Argento von Secret Beyond the Door nicht nur fasziniert, sondern geradezu besessen gewesen sein dürfte, ebenso wie für den deutschen Meisterregisseur Fritz Lang und der von Dominik Graf so benannten “deutsch-italienischen Blutader im Kino”. In Argentos Arbeitsweise, die in ihrer Obsessivität sehr stark an die Grundbegriffe der freud’schen Psychoanalyse – Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten – erinnert, ging es mit Deutschland immer auch um die gemeinsame faschistische Vergangenheit (an den Drehorten Suspirias ist dies nur allzu offensichtlich, wie beispielsweise auch bei Phenomena von 1985) wie auch um die schwierige Beziehung zu seiner eigenen Mutter, der Brasilianierin Elda Luxardo, einer Fotografin, die unter Anderem für ihre Fotografien Mussolinis in Italien Berühmtheit erlangt hatte.

“There is a secret beyond the door!” – aus: Suspiria

“Es gibt da etwas zwischen seiner Mutter und ihm”, so Argentos Tochter Asia noch 1993, “das mir immer noch unklar ist. Er stellt sie immer als eine Art Monster dar.” Argentos immer wieder wiederholten Bezugnahmen auf das familiäre Drama aus der freud’schen Psychoanalyse, auf den jung’schen Mutter-Archetypus wie auch auf die von Thomas de Quincey stammende “Legende der drei Mütter”, sie spiegelte sich in einem fortwährenden Aufgreifen der Bilderwelten und Motive von Fritz Langs Secret Beyond the Door wieder, für fast 20 Jahre, spätestens ab Profondo Rosso (Rosso – die Farbe des Todes, 1975) bis einschließlich Trauma (Aura, 1993).

Secret Beyond the Door

Jetzt erst, um nun endgültig zu Fitz Langs Film zu kommen, können wir dessen filmhistorische Marginalisierung und schlechten Ruf als “Psychoquatsch” oder “misslungene Hitchcock-Kopie” deutlich relativieren. Die Kenntnis von Dario Argentos Werk vorausgesetzt, schreibt Secret Beyond the Door dann eine ganz andere, untergründige Filmhistorie, wirkt er – so betrachtet – tatsächlich wie ein fast schon vollständig ausgereifter Dario Argento-Film. Im Nachhinhein betrachtet erscheint es dann geradezu schlüssig, dass Langs Film seinerzeit nahezu derselben Kritik ausgesetzt gewesen ist, wie die Filme Argentos über fast zwei Jahrzehnte: visuell zwar eindrucksvoll, aber blasse Charaktere, zu morbide, eine schwache Geschichte, usw.

Secret Beyond the Door

Zur Handlung: Im Urlaub in Mexiko lernt die reiche New Yorkerin Celia Barrett (Joan Bennett) den Verleger Mark Lamphere (Michael Redgrave) kennen. Sie verfällt ihm geradezu und die beiden heiraten noch in Mexiko, obwohl Mark Celia eigenartig fremd bleibt. Bereits am Hochzeitsabend aber reist Mark überraschend ab. Celia glaubt, von ihm belogen worden zu sein, streift jetzt bereits von Selbstzweifeln geplagt durch die dunklen Gänge des mexikanischen Anwesens. Dennoch fährt sie bald darauf zu Marks Haus in Neuengland, um dort auf ihn zu warten. Dort wird sie von Marks Schwester Caroline (Anne Revere) und seiner Privatsekretärin Miss Robey (Barbara O’Neil) empfangen, muss zudem erstmals erfahren, dass Mark aus erster Ehe bereits einen 15-jährigen Sohn hat, David (Mark Dennis), der ihr gegenüber abweisend, sogar herablassend bis mitleidig auftritt.

Secret Beyond the Door

Das Haus Marks, es ist voller Geheimnisse, dunkler Vergangenheiten und verdrängter Obsessionen. Miss Robey trägt einen Seidenschal über dem Gesicht, angeblich um ein Brandnarbe zu verdecken, die sie sich zugezogen hatte, als sie David bei einem Brand rettete. David macht zudem seinen Vater für den Tod seiner Mutter und Marks früherer Frau verantwortlich, der wiederum voller Neurosen und Phobien zu sein scheint, zudem in dem Haus verschiedene Zimmer nachgebaut hat, in denen berühmte Morde stattgefunden haben. Nur das Zimmer mit der Nummer 7 bleibt für Celia stets verschlossen. Wieder irrt sie verzweifelt durch die Gänge des Hauses. Celia gelingt es, sich heimlich einen Wachsabdruck des Schlüssels für Nummer 7 zu machen – und tatsächlich: hinter der Tür verbirgt sich eine exakte Kopie ihres eigenes Schlafzimmers. Zuvor musste sie noch erfahren, dass Miss Robey ihre Entstellung nur vorgetäuscht hat, damit Mark glaubt, er stünde in ihrer Schuld.

Alle Geheimnisse offenbaren sich ihr nun und Celia trifft eine Entscheidung. Sie sagt Mark, dass sie dennoch aus Liebe bei ihm bleiben werde und wartet dann auf ihn in Zimmer Nummer 7. Als dieser dort tatsächlich auftaucht und sie mit einem Schal ermorden will, konfrontiert Celia ihren Mann geschickt in einem Gespräch mit seiner eigenen, verdrängten Vergangenheit, mit seinem Kindheitstrauma um seine Mutter; damit, dass er das, was er ins Unbewusste verdrängt habe und nicht erinnert, immer wieder wiederholen müsse. Dann geht das Haus in Flammen auf, aus Rache angezündet von der verzweifelt eifersüchtigen Miss Robey. Celia und Mark gelingt es gerade noch sich zu retten.

Secret Beyond the Door

Fritz Lang vermeidet in seiner Absicht, an die frühen “psychoanalytischen Filme” Hitchcocks wie Rebecca, Spellbound und Notorious (Berüchtigt, 1946) anzuschließen, jeglichen Realismus oder Naturalismus. Secret Beyond the Door wirkt so wie direkt aus dem Unbewussten Celias heraus erzählt, unterstrichen durch das Voice-Over, mit dem Joan Bennett die Ereignisse des Films die ganze Zeit über begleitet. Das Haus selbst nimmt dabei eine geradezu archaische Funktion ein, als Muttersymbol (für Mark) ebenso, wie als Symbol der Psyche für Celia. Dreiundzwanzig Jahre später wird Dario Argento Leigh McCloskey als seinen “Mark” in Inferno (Horror Infernal, 1980) in die verborgenen Geheimnisse eines anderes Hauses, einer anderen Psyche eindringen lassen. Und wie Jessica Harper in Suspiria, so erscheint auch Joan Bennett bereits in Secret Beyond the Door wie ein ängstlich-verstörtes Kind, eine Wirkung, die Lang und Argento auch dadurch erzielten, in dem sie Türknöpfe höher anbrachten und die Inneneinrichtung unnatürlich größer bauen ließen.

Secret Beyond the Door

Secret Beyond the Door wirkt wie ein Stück aus dem Unbewussten herausgeschnittes Kino, alles ist hier Symbol, Zeichen, Verweis. In seiner Bezugnahme auf Freud geht Lang dabei noch entschieden weiter als Hitchcock, der seine Bilder immer sehr funktional, ganz der Narration untergeordnet entwarf. Hier hingegen ist alles Verdichtung (Metapher) und Verschiebung (Metonymie) der Zeichen, wie in einem Traum, einer in sich abgeschlossen inszenierten Welt, der Fritz Lang dann in beinahe jedem Bild einen über die reine Erzählung hinausgehenden ästhetischen Mehrwert verleiht, mal mit extremen Nahaufnahmen von Gegenständen, mal in stark expressionistischen, mal in stark surreal erscheinenden Bildern.

Und genau dies ist die Essenz des Kinos Dario Argentos, als ob dessen filmische Behandlung ständig gleicher Themen der Kindheitstraumatisierung und bedrohlicher Mutterfiguren nicht bei ihm selbst, sondern bereits hier ihren Anfang genommen, als ob dieser gigantische Kino-Flop nur auf ihn gewartet hätte, um erst wirklich in seiner ganzen Besonderheit erschlossen zu werden.

Fritz Langs Secret Beyond the Door war ein für seine Zeit vielleicht zu schwieriger, doch er bleibt auch bis heute ein mutiger, ein faszinierender Film – und er ist darüberhinaus noch die Mutter fast aller bedeutenden Filme Argentos.

 

Bild-/Tonträger:

DVD: „Das Geheimnis hinter der Tür“ (Filmjuwelen, 2014, vollständige z.T. deutsch untertitelte Fassung), Bild: 4:3-1.33:1, Ton: Deutsch/Englisch; Blu-ray: “Suspiria” (’84 Entertainment, Restored 40th Anniversary Edition, 2017), Bild: 16:9-2.35:1, Ton: Deutsch/Englisch/Italienisch.

Hits: 56

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