PIT STOP (1969) von Jack Hill

Pit Stop (Jack Hill, 1969)

Es gibt in den großen Road Movies und Carsploitation-Filmen des US-Kinos, vor allem in denen New Hollywoods, zuweilen eine seltsame Leere, eine Verlorenheit der Protagonisten, die man keineswegs mit der “Freiheit der Straße” verwechseln sollte. Der endlose Highway ist hier immer schon ein Lost Highway, die Freiheit, die Selbstbestimmung und die Rebellion gegen das Establishment, die mit dem Auto geradezu mythologisch verbunden sind, sind hierbei eine Flucht in das Nichts, eine Raserei in den Tod. Und ausgerechnet in dem am wenigsten aggressiv anmutenden Moment in Pit Stop, in dem Jack Hill zeigt, wie die Community der Auto-Verrückten jenseits der Straßen- und Stockcar-Rennen mit ihren selbstgebauten Vehikeln spielerisch über die Sanddünen der Wüste gleitet, sagt Ellen Burstyn dann auch den Satz: “Diese Maschinerie besitzt uns.”

Vielleicht sind Two-Lane Blacktop (Asphaltrennen, Monte Hellman) und Vanishing Point (Fluchtpunkt San Francisco, Richard C. Sarafian), beide von 1971, am weitesten zu diesem Nullpunkt vorgestoßen, an dem es nur noch um das Dröhnen der Maschinen, das zeitweilige Beschleunigen in den Straßenrennen und das endlose Vorbeigleiten von tristen Orten und schemenhaften Menschen geht, vor denen man sich wie in einem unbewussten Fluchtreflex immer nur weg bewegt. Alles löst sich hier in Bewegung auf, die Figuren befinden sich in einem fast schon existenzialistischen Zustand, sich den Tod dabei stets vergegenwärtigend. Am Schluss von Vanishing Point, wenn der Tod eintritt und Barry Newman als “Kowalski” in die Bulldozer rast, wird das Bild schließlich eingefroren und die Bewegung damit – auch filmisch konsequent – vollständig zum Stillstand gebracht.

1955er Chevy aus Pit Stop und Two-Lane Blacktop (Monte Hellman, 1971)

Jack Hills Pit Stop, bereits 1967 gedreht und erst 1969 in die Kinos gebracht, dürfte der eigentliche Vorläufer dieses Kinos sein. Nicht nur, dass wir gleich zu Beginn ein illegales Straßenrennen mit einem 1955er Chevy sehen, der später in Two-Lane Blacktop die Hauptrolle einnehmen wird, auch die Verlorenheit der Figuren, sie ist hier bereits allgegenwärtig. Dies gilt in Pit Stop aber nicht allein für den Helden des Films Rick Bowman (Richard Davalos), sondern ebenso – geradezu exemaplarisch für die starken Frauenrollen im Kino Jack Hills – für Jolene (Beverly Washburn) und Ellen McLeod (Ellen Burstyn).

Jack Hill wollte tatsächlich einen “Kunstfilm” drehen, nachdem ihm Roger Corman ein Budget von 75.000 Dollar und drei Wochen Drehzeit für einen Film über Stockcar-Rennen angeboten hatte. Corman sah einen Markt für solche Filme, hatte er doch bereits für seine eigene Produktionsfirma “Filmgroup” in Europa The Young Racers (Schnelle Autos und Affären, 1963) gedreht und erfolgreich über die “American International Pictures” (AIP) vermarktet. Cormans einizige Bedingungen dabei: es müsse Auto-Crashs geben und der Held des Films müsse das große Autorennen gewinnen. Jack Hill, der gleich Produktion, Drehbuch und Regie übernahm, machte so aus “The Winner”, wie Pit Stop dann auch bei seiner Erstveröffentlichung hieß, einen höchst außergewöhnlichen Exploitation- und Independent-Film, eigentlich einen Autoren-Film, in dem der Held dann zwar das große Auto-Rennen gewinnt, dabei aber seine Seele verliert.

Rick: Richard Davalos

Gleich zu Beginn sehen wir diesen Helden Rick Bowman – Richard Davalos, für seine Rolle als Bruder von James Dean in East of Eden (Jenseits von Eden, Elia Kazan, 1955) bekannt – vor seinem aufgetunten 1955er Chevy mit der Einblendung “The Winner”, im Habitus und Stil eines 50er-Jahre-Rebellen. Bei dem nun folgenden nächtlichen Straßenrennen wird Rick von dem Autorenn-Promoter Grant Willard (Brian Donlevy) beobachtet, der sogleich auf Rick wettet und ihn aus dem Gefängnis holt, in das ihn die Polizei nach dem illegalen Rennen, das Rick natürlich gewonnen hat, gesteckt hat. Willard, dessen Philosophie das “survival of the fittest” ist, promoted die besten Rennfahrer Kaliforniens, vor allem für Stockcar-Rennen auf der großen Acht (“Figure 8 racing”). Doch Rick lehnt zunächst ab, zu verrückt, zu gefährlich scheinen ihm diese Stockcar-Rennen.

Rick, der Loner und Maverick, arbeitet zunächst auf einem Schrottplatz, lernt dort die Community der Autobastler kennen, sämtlich sympathisch wirkende Abenteurer, ebenso wie Hawk Sidney (Sid Haig), einen wilden Egomanen, der auf der großen Acht für Willard fährt, sowie dessen Freundin Jolene. Das hübsche, lebenslustige und unkomplizierte Girl, das auf ihrem T-Shirt ein provokantes “Why not?” trägt, hat es Rick sogleich angetan. Vielleicht ist es Jolene, vielleicht aber auch der ihn herausfordernde Hawk, jedenfalls entschließt sich Rick dann doch noch, Willards Angebot anzunehmen. Ricks ersten beiden Rennen auf der großen Acht sind ein Desaster und erst als er sich Rat bei einem körperlich versehrten Stockcar-Veteranen holt, gelingt es ihm, Hawk außerst rüde aus dem Rennen zu fahren. Hawk verliert nun nicht nur seine Position als Champion bei Willard, sondern auch Jolene an Rick.

Jolene: Beverly Washburn

Hawk ist außer sich, spürt die beiden nach einem Beat-Club-Besuch des Nachts auf, zertümmert Ricks Auto mit einem Vorschlag-Hammer und bricht Rick einen Arm. Doch Rick macht weiter, mit Jolene, die er im Bett allerdings mit kaltem Zynismus auflaufen lässt, und mit Hawk, den er im nächsten Rennen endgültig aufs Dach legt. Inzwischen hat Rick Ellen kennengelernt, die Ehefrau von Willards professionellsten Fahrer Ed McCleod (George Washburn), die für ihren Mann als Mechanikerin arbeitet. Und die Geschichte wiederholt sich: Vielleicht ist es Ellen, vielleicht aber auch der ihn herausfordernde Ed, jedenfalls entschließt sich Rick nun, Hawk als Backup-Fahrer für Ed bei einem großen professionellen Rennen zu ersetzen. Rick verführt die frustrierte Ellen gleich bei einem Sandbuggie-Event in den Dünen, lässt dafür Jolene einfach sitzen.

Doch Helen hält zu ihrem Mann Ed, den sie liebt, und Ed verspricht ihr, nur noch diese eine Rennen zu fahren, um danach eine wirkliche Ehe ohne ständige Autorennen unter Lebensgefahr zu führen. Angetrieben von dem geldgierigen und manipulativen Willard, will Rick Ed bei dem großen Rennen aus dem Ring fahren, statt ihn nur als Backup zu unterstützen. Bei diesem Rennen, bei dem Willards Team – Ed, Hawk, Rick – gegen einen Star-Fahrer aus dem Süden antreten (Stockcar-Rennen wurden vor allem im amerikanischen Süden gefahren), scheidet Hawk zuerst aus. Doch statt Ed als Backup nun zu unterstützen, rammt Rick dessen Wagen, der sich quer stellt und von einem anderen Wagen erfasst wird. Ed bricht sich das Genick und stirbt im Krankenhaus. Rick hat nun alles verloren, Ellen, deren Mann er auf dem Gewissen hat, Jolene, die er betrogen hat. Im Krankenhaus begegnen ihm ein wütender Hawk, die hasserfüllte Jolene und Helen, die ihm den Tod ihres Mannes vorwirft. Rick, der Loner und Maverick, hat Willards “survival of the fittest” überlebt, doch nur scheinbar gewonnen. Am Ende steigt er zu dem Promoter in den Wagen – ein neuer Star ist geboren.

Pit Stop ist tatsächlich ein kleines, vergessenes Meisterwerk des Independent-Kinos, mit einem rauhen, fast semi-dokumentarischen Realismus, hierin durchaus mit The Wild Angels (Die wilden Engel, 1966) von Jack Hills Mentor Roger Corman vergleichbar. Hill ließ mit fünf Kamerateams zunächst verschiedene Rennen, Sandbuggie-Events und Schrottplätze fotografieren, montierte diese dann in die Handlung sowie die Szenen mit seinem bekanntesten Schauspieler Brian Donlevy, den er nur für drei Drehtage zur Verfügung hatte. Da Stockcar-Rennen in der Regel nur Nachts stattfanden, entschloß sich Hill, das dokumentarische Material – und damit den Film – in Schwarzweiß zu drehen, da ausgedehnte Nachtaufnahmen mit Farbfilm zu dieser Zeit qualitativ noch nicht befriedigend möglich waren. War dies für den Film kommerziell auch der Todesstoß – Schwarzweiß-Filme wurden zu dieser Zeit nur noch als zweite Hälfte eines Doppelprogramms in den Auto-Kinos aufgeführt -, so erreicht Jack Hill hiermit im Ergebnis dennoch einen fast schon Film Noir-artigen Touch, auch durch die ambivalente Hauptfigur Rick und durch seine finster-pessimistische Story.

Der Film hat eine durchweg aggressive Atmosphäre rauen Lärms mit seinen röhrenden Motoren, Schweißbrennern und Vorschlag-Hämmern, mit den das Blech scheppernd bearbeitet wird, der hohen Oktanzahl des Treibstoffs steht durchweg der hohe Adrenalin-Spiegel der Protagonisten mit ihren überschäumenden Emotionen gegenüber. Unterstützt wird dies noch von einem bassgetriebenen, pulsierenden und wilden Bluesrock- und Psychedelia-Soundtrack von “The Daily Flesh”, der ersten Psychedelia-Band aus Seattle (hier ausführlicher Artikel über die Band in Englisch). Der Acid-Blues von “The Daily Flesh” erinnert dabei manchmal sogar an die frühen “Grateful Dead”. Und obwohl Jack Hill nach eigener Aussage Stockcar-Rennen wirklich hasste, gelingt es ihm dennoch, die ausgedehnten Rennsequenzen wirklich packend zu montieren und in die Handlung zu intergrieren.

Ellen: Ellen Burstyn

Vor allem aber sind es die Schauspieler, die Pit Stop durchweg zu einer Perle des Independent-Kinos machen. Richard Davalos spielt den Loner und existenzialistischen Outlaw sehr zurückgenommen, lässt so genügend Raum für die Identifikationen und Projektionen der Zuschauer, bevor wir dann erfahren müssen, dass dahinter nur eine große Leere steckt, die ihn schließlich zu einem unmoralischen, rücksichtslosen und opportunistischen Verhalten führt. Beverly Washburn spielt ihre frühe Vision eines Hippie-Mädchens derart natürlich und glaubhaft, dass uns Ricks rücksichtsloser Umgang mit ihr später nur umso abstoßender erscheint. Ellen Burstyn, die sich hier noch Ellen McRae nannte, zeigte bereits eine sehr feinfühlig-intelligente Interpretation ihrer Rolle, worauf dann auch Peter Bogdanovich aufmerksam wurde und sie hiernach für seinen The Last Picture Show (Die letzte Vorstellung, 1971) besetzte – was ihr schießlich eine Oscar-Nominierung einbrachte. Für ihre Hauptrolle in Alice Doesn’t Live Here Anymore (Alice lebt hier nicht mehr, Martin Scorsese, 1974), sollte Ellen Burstyn schließlich ihren Oscar doch noch erhalten.

Für Sid Haig war Pit Stop wohl die Rolle seines Lebens. Geradezu überschäumend wild, voller Adrenalin und Testosteron im ersten Teil, vollführt seine Figur einen erstaunlichen Wandel, nachdem Rick ihm seine Freundin genommen und aus dem Hahnenkampf um den Renn-Champion Willards gefahren hat. Im zweiten Teil des Films spielt Sid Haig dann ebenso glaubwürdig einen Mann, der zwar sein Leben für den Ruhm riskiert, aber nicht gewillt ist, dafür seinen Anstand und das Leben anderer zu opfern und sich nun auf seine Profession konzentriert, nachdem er im Verhalten Ricks erschreckt sein eigenes Spiegelbild gesehen hat. Sid Haig, der in den kommenden Jahren immer wieder für Jack Hill spielen sollte, zeigt in dieser Rolle erstmals beeindruckend das große, wilde Herz, das er auch als Mensch im realen Leben wirklich hat.

Hawk: Sid Haig

Das obsessive Leben auf Straße in einer Zeit eines gewaltigen gesellschaftlichen Umbruchs, die oft tragisch endende Suche des Loners und Outlaws nach der ultimativen Freiheit, begleitet von der revolutionären Rock- und Psychedelia-Musik der Zeit, dies alles ist heute vor allem – zurecht – mit Filmen wie Easy Rider (Dennis Hopper, 1969), Zabriskie Point (Michelangelo Antonioni, 1970), Two-Lane Blacktop oder Vanishing Point verbunden. Doch Jack Hills Pit Stop sollte heute in einer Reihe mit diesen Filmen gesehen werden, zumal der Film 2014 unter Mitarbeit von Jack Hill von “Arrow Video” vollständig restauriert und erstmals auch außerhalb der USA veröffentlicht wurde.

Pit Stop ist ein Film, ebenso wild, brutal und roh wie subtil, feinfühlig und intelligent, mit dem Jack Hill schon früh zeigte, dass er das Exploitation-Schema mit lebensnahen Figuren, die das menschliche Drama glaubwürdig und fesselnd untereinander ausspielen, zu übersteigen wusste. Und vielleicht sogar ist Jack Hill gerade deshalb der eigentliche Nachfolger Roger Cormans als Regisseur, anders als die berühmt gewordenen Corman-Schüler und High-Budget- und Blockbuster-Regisseure James Cameron, Jonathan Demme oder Francis Ford Coppola.

Zu dieser Zeit im Frühjahr 1968 betätigte sich Jack Hill selbst als eine Art Roger Corman und drehte in den Dored Studios in Hollywood die Szenen mit Boris Karloff für dessen letzte vier Filme: House of Evil (Tanz des Todes, Juan Ibáñez/Jack Hill, 1968), Isle of the Snake People (Cult of the Dead, Juan Ibáñez/Jack Hill, 1968), The Incredible Invasion (Invasion der Alien, Juan Ibáñez/Jack Hill, 1968) und Fear Chamber (Folter, Juan Ibáñez/Jack Hill, 1968). Der mexikanische Produzent Luis Enrique Vergara hatte mit Karloff einen Package Deal abgeschlossen und zahlte der Horror-Legende $100.000 Dollar pro Film, die über die “Columbia Pictures” vertrieben werden sollten. Karloff lehnte jedoch die Drehbücher Anfangs als zu schlecht ab und sagte erst zu, nachdem diese von Jack Hill umgeschrieben wurden. Da der zu dieser Zeit bereits todkranke Karloff – er saß zumeist im Rollstuhl und musste nach jeder Szene an ein Sauerstoffgerät angeschlossen werden – nicht nach Mexiko reisen konnte, wurden die von Hill in Hollywood gedrehten Szenen später in Mexiko von Regisseur Juan Ibáñez ohne Karloff und mit einer mexikanischen Crew ergänzt. Alle vier Filme, bei denen tatsächlich nur Jack Hills Regiearbeit mit Boris Karloff und einige Drehbuchideen Hills erwähnenswert sind, wurden erst nach Karloffs Tod 1969 veröffentlicht.

 

Bild-/Tonträger:

Blu-ray/DVD: “Pit Stop” (Arrow Video, 2014), Bild: 16:9 – 1.78:1, Ton: Englisch. Extras: u.a. verschiedene Interviews; Audiokommentar von Jack Hill (moderiert von Calum Waddell). DVDs: “Boris Karloff Collection: Cult of the Death / Folter / Invasion der Aliens / Tanz des Todes” (KNM Home Entertainment, 2007), Bild: 1.33:1 (4:3), Ton: Deutsch.

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