THEY SHOOT HORSES, DON’T THEY? (1969) von Sydney Pollack

They Shoot Horses, Don’t They? (Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß, Sydney Pollack, 1969)

Man fragt sich noch sehr lange, nachdem der Schuss und die Musik verklungen sind, auf was They Shoot Horses, Don’t They? eigentlich eine Allegorie oder für was er eine Metapher sein soll, wem oder was die tiefe, ehrliche Verachtung des Films eigentlich gilt. Sind es die sozialen Zustände der Great Depression, der Zeit, in der Sydney Pollacks Meisterwerk spielt? Gilt diese der Menschenverachtung, dem Zynismus und der Senstationsgier der Zuschauer oder des Veranstalters Rocky (Oscar für Gig Young) dieses Tanzmarathons, von dem der Film handelt? Vielleicht auch der Würdelosigkeit und dem immer wieder durchscheinenden Egoismus der Teilnehmer?

Unmöglich ist es jedenfalls, sich dem, was man eigentlich nicht wissen, nicht sehen will, zu entziehen, dafür ist Pollacks Inszenierung zu brillant, dafür bleibt die Kamera zu nahe und intim auf den Figuren, dafür ist die Dynamik des Films zu mitreißend. Es ist freilich eine absteigende Dynamik, psychisch wie körperlich, die einem selbst noch als Zuschauer jegliche Kräfte raubt. Es ist daher auch unmöglich, über They Shoot Horses, Don’t They? angemessen zu schreiben, ohne den Schluss nicht sofort zu erzählen: Nach fast zwei Stunden körperlicher, psychischer und moralischer Quälerei, erschießt Robert (Michael Sarrazin) Gloria (Jane Fonda), nachdem sie ihn, ganz ruhig und selbstverständlich und dafür selbst zu mut- und kraftlos, darum gebeten und ihm ihre Pistole gegeben hat. Gloria fällt tot in eine Blumenwiese, die durchweg matte rot-braun-beige Optik des Films weicht für einen kurzen und abschließenden Moment einer farbenfrohen Lebendigkeit.

Sydney Pollack dürfte hier einen der Schlüsselmomente New Hollywoods, vielleicht sogar des Kinos überhaupt inszeniert haben, eines New Hollywood, das oft – wie auch bei Peter Bogdanovich oder Arthur Penn – die Mittel des traditionellen Hollywood-Kinos sehr bewusst aufgriff, nur um es dann wieder mit Tabubrüchen auf eine klassische, sehr existenzielle Form des Dramas zurückzuführen. Tatsächlich war New Hollywood als zeitlich begrenzte Strömung hierbei ebenso bedeutsam, wie zuvor nur noch der Film Noir. Hier ist dieses Tabu die positive Darstellung des Selbstmordes eines Menschen, der nicht mehr will, weil er nicht mehr kann.

Jane Fonda in ihrer zweifellos beeindruckendsten Rolle – schön und verfallend, ebenso widerständig wie unterwürfig, so kämpfend wie aufgebend -, erscheint so fast wie ein sehr später Widerhall von Jean Brooks in Val Lewtons kleinem Noir-Meisterwerk The Seventh Victim (Das siebte Opfer, Mark Robson, 1943). Und der Film erscheint dabei ebenso als Vorausblick auf einen Schlüsselfilm der 90er Jahre, auf Fight Club (David Fincher, 1999), denn: “Unsere große Depression ist unser Leben”, wie es in Finchers Film über eine spätere Epoche und Generation heißt.

They Shoot Horses, Don’t They? wurde – wie etwa auch The Last Picture Show (Die letzte Vorstellung, Peter Bogdanovich, 1971) – mit Oscar-Nominierungen geradezu überschüttet, dabei von der seit jeher auf einen Moral Sense drängenden Filmkritik in der Regel als “gesellschaftskritisch” interpretiert und hingestellt – Prädikat “besonders wertvoll” sozusagen. Doch ist das grundlegend falsch, fehlen dem Film – glücklicherweise – jegliche pädagogische Ambitionen. Das menschliche Drama spielt sich schlicht in einem selbstorganisierten Schmierentheater ab und irgendwann geht es einfach nicht mehr. Irgendwann ist es einfach vorbei. Ob das Herz versagt wie bei Saylor (Red Buttons), oder der Verstand wie bei Alice (Susannah York), oder der Schutzinstinkt wie bei Robert, oder schlicht dieses stets ungreifbare, kleine Geheimnis des Lebenswilles wie bei Gloria.

Pollacks Film ist ein großes humanistischen Werk, weil es eines ohne Belehrungen ist und dadurch vollkommen freigemacht von jeglicher Bigotterie, von der Selbsttäuschung der Beherrschbarkeit des selbstinszenierten Untergangs. Dabei unterläuft Pollack den pädogischen Grundmythos Hollywoods radikal und kehrt ihn quasi um, ein Mythos, der seit jeher darin bestand, dass Freiheit und Hoffnung dort sei, wo Bewegung ist, und Unterdrückung und Elend dort, wo Stillstand herrscht.

Und gerade darum funktioniert They Shoot Horses, Don’t They? dann eben doch als Allegorie, über fast alle Zeiten unserer Moderne hinweg, von der Great Depression bis zum heutigen Neoliberalismus. Hierfür steht der wohl beklemmendste Moment des Films, der auch der Moment ist, an dem Gloria das Leben mit den kraftlosen Worten “Mein Gott” dann endgültig aufgibt, der Moment, in dem ihr der Veranstalter Rocky erzählt, dass sie, wenn sie den Tanzmarathon und die 1.500 Dollar Preisgeld gewinnen würde, damit natürlich die Kosten der Verstanstaltung bezahlen müsste.

Es bliebe für sie nichts mehr übrig. Für alle anderen seien Verpflegung und Unterbringung natürlich umsonst.

Hier eine ausführliche Synopsis des Films.

 

Bild-/Tonträger:

DVD: „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß“ (Euro Video, 2002), Bild: 4:3 [Letterboxed], Ton: Deutsch/Englisch.


Vinyl-LP: John Green u.a.: “They Shoot Horses, Don’t They? – Musical Highlights From The Original Sound Track” (EMI, 1969).

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