Krimkrieg in Technicolor – William Castles CHARGE OF THE LANCERS (1954)

Charge of the Lancers (Das Zigeunermädchen von Sebastopol, William Castle, 1954)

Die meißten der Abenteuer-, Western- und Historienfilme, die Bill Castle Anfang bis Mitte der 50er Jahre für Sam Katzmans B-Picture-Abteilung der Columbia drehte, enthielten Elemente des Kriegsfilms, doch ist Charge of the Lancers davon tatsächlich der einzige reine Kriegsfilm. Der Film handelt vom Krim-Krieg (1853-1856) zwischen dem russischen Zarenreich und dem osmanischen Reich und den mit diesem verbündeten Briten und Franzosen. Robert E. Kents – wie fast immer – sehr schematisches Drehbuch greift dabei einige historische Fakten auf und bettet diese in eine Liebes- und Abenteuergeschichte um einen Helden ein (hier: Jean-Pierre Aumont), dem es schließlich mittels einer Kriegslist gelingt, die Bastion des Gegners zu erobern. Ein Schema, nach dem etwa auch Bill Castles Slaves of Babylon (1953), The Iron Glove (Der Kuß und das Schwert, 1954) oder The Saracen Blade (Der Empörer, 1954) funktionieren.


Sebastopol als Matte Painting

Hier ist es der Kampf um die russische Festung Sebastopol, die als erste Materialschlacht der Militärgeschichte gilt. Der Film ist dabei ein wilder Mischmasch aus Historischem und Legendärem, aus dem, was seinerzeit im Sudiosystem Hollywoods beim Publikum als bekannt vorausgesetzt wurde. Dazu zählte nicht nur der Ruf des Krim-Krieges als erster „moderner“ Krieg mit seinen Materialschlachten und Schützengräben und die dabei zutage tretenden Unzulänglichkeiten des Sanitätswesens (das hiernach im britischen Militär grundlegend reformiert wurde), oder die kriegswichtige Bedeutung der neuen Telegrafentechnik, sondern vor allem die Legende eines vermeintlich „heldenhaften“, dabei aber äußerst verlustreichen und durch einen Kommunikationsfehler eingeleiteten Angriffs der leichten britischen Kavallerie (Ulanen und Husaren) auf eine russische Artilleriestellung in der Schlacht von Balaklawa (25. Oktober 1854). Charge of the Lancers ist dabei näher an Michael Curtiz‘ Heldensaga mit Errol Flynn The Charge of the Light Brigade (Der Verrat des Surat Khan/Die Attacke der Leichten Brigade, 1936), als an der späteren und historisch weit akkurateren britischen Produktion The Charge of the Light Brigade (Der Angriff der leichten Brigade, Tony Richardson, 1968).


Sanitätswesen und Verrat: Karin Booth in Charge of the Lancers

Kents Drehbuch deutet zwar die historischen Fakten alle an, vermeidet aber auffällig zu viel Realismus. So wird aus der berühmt gewordenen Krankenschwester Florence Nightingale hier die Krankenschwester Maria Sand (Karin Booth), die als Agentin die Pläne der Allierten an den russischen General Inderman (Ben Astar) verrät. Diese (geheimen) Pläne bestehen im Test eines neuen, schweren Geschützes, mit dem der Widerstand der Festung Sebastopol gebrochen werden soll. Doch fällt Sebastopol schließlich durch die Haupt- und Heldenfigur des Films, dem den britischen Truppen attachierten französischen Offizier Captain Eric Evoir (Jean-Pierre Aumont), der in russische Gefangenschaft gerät und dem es gelingt, den Zeitpunkt des Manschaftswechsels in den russischen Artilleriestellungen an die Alliierten zu telegrafieren. Dem titelgebenden Angriff der Kavallerie steht nun nichts mehr im Wege.

Unterstützt wird Captain Evoir dabei von dem fahrenden „Zigeunermädchen“ Tanya (Paulette Goddard), der General Inderman – natürlich – sofort verfällt. Eine grauenhaft klischeevolle Geschichte, mit einer nicht minder klischeehaften – wenn auch sehr bunten – Darstellung der Zigeuner, einem jahrzehntelangen Standard in unzähligen Hollywood-Filmen entsprechend. Charge of the Lancers war einer der letzten Filme der großen Paulette Goddard, hier bereits in ihren Vierzigern, die mit ihren Rollen in Charlie Chaplins Modern Times (Moderne Zeiten, 1936) und The Great Dictator (Der große Diktator, 1940) berühmt geworden ist, sich hier aber sichtlich unwohl fühlt.


Der General und das „Zigeunermädchen“: Ben Astar und Paulette Goddard

Auf Drehbuch und Besetzung hatte Bill Castle als Kontraktregisseur ohnehin keinerlei Einfluss. So machte er aus Charge of the Lancers, wie fast immer zu dieser Zeit bei der Columbia, zumindest einen beeindruckenden Technicolor-Film. Vorproduktion, Drehzeit, Postproduktion im Technicolor-Verfahren, dies alles durfte einen Monat nicht überschreiten, mehr als höchstens fünfzig Statisten in einer Szene konnte er nicht zeigen, große Schlachtenszenen in Totalen waren so nicht möglich. Hinzu kam, dass die Drei-Streifen-Strahlteiler-Kamera des vierten Technicolor-Verfahrens äußerst kompliziert zu bedienen, fehleranfällig und vor allem schwerfällig war.

So macht Bill Castle hier aus der Not quasi eine Tugend, filmt die Härte dieses Krieges meist in Nahkämpfen, zeigt dabei nicht nur bunte Uniformen und Zigeunertrachten, sondern auch erstaunlich viel Blut und stellt die schwere Kamera nicht selten einfach auf den Boden und lässt Kavallerie und Infanterie hineinreiten und -laufen. Bestimmte Einstellungen der Kämpfe vom Anfang des Films werden am Schluss noch einmal gezeigt. Totalen des Schlachtfelds, der Festung und von Sebastopol selbst bestehen dabei aus Matte Paintings.


Stellungs- und Grabenkrieg

Viel später, als Bill Castle bereits den Ruf eines Hollywood-Veteranen und -Dinosauriers hatte, parodierte er sich quasi selbst und trat während des Aufbruchs New Hollywoods in der bitterbösen Hollywood-Satire The Day of the Locust (Der Tag der Heuschrecke, John Schlesinger, 1975) als der Regisseur auf, der er bei Charge of the Lancers tatsächlich gewesen ist. Hierin jagt er sichtlich unmotivierte Statisten für den imaginären Kriegsfilm „Waterloo“ in – zu deren Unglück schlampig gebauten – Studiokulissen aufeinander los.

Bill Castle spielt sich für New Hollywood selbst: The Day of the Locust (1975)

Im Jahr darauf, in seiner Autobiografie von 1976, nahm Bill Castle diese Zeit zumeist mit sehr viel Humor. Und als ob er diesem unvergleichlichen Humor bereits damals nicht widerstehen konnte, hängt die russische Fahne während des ganzen Films auch konsequent verkehrt herum.

Columbia-Boss Harry S. Cohn dürfte dies bei den Screenings aufgefallen sein, aber es dürfte ihn auch nicht sonderlich gestört haben – war er doch deutsch-polnischer Abstammung.

 

Bild-/Tonträger:


DVD: “Charge of the Lancers” (Columbia/Sony [USA: NTSC], 2010) Bild: 1.66:1, Ton: Englisch.

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