JACKSON COUNTY JAIL (1976) von Michael Miller

Jackson County Jail (Vergewaltigt hinter Gittern, Michael Miller, 1976)

Jackson County Jail, Ende 1975 für $500.000 in vier Wochen gedreht, ist eine der ganz wenigen Eigenproduktionen von Roger Cormans New World Pictures, die sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik gleichermaßen Erfolg hatten. Der Film spielte $2,3 Millionen ein, avancierte hiernach zum Kult-Film und wurde von Quentin Tarantino als einer der Filme für das erste “Quentin Tarantino Film Fest” 1996 in Austin, Texas ausgewählt. Der bedeutendste Filmkritiker der USA Roger Ebert bezeichnete den Film als “kraftvoll und ehrlich”, Vincent Thomas nannte ihn ein “erschütterndes Bild des zweihundertjährigen Amerika” und Vincent Canby sah in ihm ein Beispiel “eines Filmemachens von unbamherziger Energie und von erschütternder Anziehungskraft, das an die Agit-Prop-Melodramen der 30er Jahre erinnert.” Und Roger Corman sowie der zu diesem Zeitpunkt 36-jährige Regisseur Michael Miller hatten genau dies im Sinn, wie Miller selbst erzählte: “Ich wollte einen Film über die Zweihundert-Jahr-Feier drehen. Ich wollte, dass der Film eine Metapher dafür ist, wo ich das Land 1976 sah: Es gab einen große Auseinandersetzung um Frauenrechte, es gab viel Verständnis für kriminelle Handlungen und es gab eine Menge Idioten, die diesen 4. Juli feierten, bei dem die Polizei tatsächlich auch Menschen in Paraden abschoss.”

Dinah: Yvette Mimieux

Damit wären wir bereits bei der Handlung: Für die in der Werbebranche arbeitende Dinah Hunter (Yvette Mimieux) beginnt der Tag, der für sie alles verändern wird, nicht gerade angenehm als ein Kunde sie bei einer Testvorführung mit typischen Macho-Stereotypen auflaufen lässt. Zuhause angekommen, muss sie auch noch feststellen, dass ihr Mann sie mit einer Jüngeren betrügt, sie kurzerhand fallen lässt und sogar aus ihrem gemeinsamen Haus wirft. Dinah entschließt sich bei einer Freundin in New York ihren alten Job wieder aufzunehmen und macht sich von Los Angeles aus mit dem Auto auf den Weg quer durch die USA. Unterwegs nimmt sie zwei Tramper (Robert Carradine und Nancy Lee Noble) mit, doch die ziehen plötzlich eine Waffe und stehlen ihr des Nachts irgendwo auf dem Lande in Jackson County ihr Auto sowie ihre Handtasche mit ihrem Geld und ihren Papieren. Dinah schleppt sich in ein verlassenes Diner, will dort die Polizei anrufen, doch der Barkeeper Dan (Britt Leach) bedrängt sie in eindeutiger Absicht. Als schließlich im letzten Moment ein Deputy des County-Sheriffs auftaucht, glaubt dieser allerdings dem Barkeeper, der behauptet Dinah habe ihn angegriffen. Da sie zudem ihre Identität nicht nachweisen kann, wird sie verhaftet und in das Gefängnis von Jackson County gesteckt – auf dem Lande hält man zusammen.

Blake: Tommy Lee Jones

In ihrer Nachzbarzelle liegt der Kriminelle Blake (Tommy Lee Jones), der unter Mordanklage nach Texas ausgeliefert werden soll. Sheriff Dempsey (Severn Darden) erklärt Dinah, dass sie die Nacht im Gefängnis bleiben muss, bis er ihre Identität endgültig festgestellt hat. In dieser Nacht wird Dinah von dem hinterwäldlerischen Nachtwächter Deputy Hobie (Fredric Cook) brutal vergewaltigt. Dinah nimmt nach dem ersten Schock einen Holzstuhl und schlägt hiermit den Deputy tot. Blake schnappt sich die Schlüssel und bricht nun mit Dinah aus. Die beiden fliehen in Hobies Pickup. Bei der anschließenden Verfolgungsjagd kommt Sheriff Dempsey bei einem Unfall ums Leben. Die beiden sind nun Cop-Killer. Sie verstecken sich zunächst bei Blakes outlaw-Freunden – darunter Pearl (Mary Woronov) – in einer Scheune in den Bergen. Ein erste Angriff zweier Polizisten kann von den schwer Bewaffneten noch abgewehrt werden und Dinah und Blake fliehen weiter auf eine verlassene Ranch.

Jackson County Jail

Dinah will sich stellen, doch Blake erklärt ihr, dass sie gegen die korrupte Kleinstadtpolizei keine Chance habe und niemand ihre Geschichte glauben würde – als Cop-Killer müsse sie nun den Rest ihres Lebens, wie er, als outlaw auf der Flucht verbringen. Blake rührt Dinah nicht an, in dieser gewalttätigen und zusammenhaltenden Männerwelt scheint er, der Schwerstkriminelle, als einziger so etwas wie Anstand zu besitzen. Blake bietet Dinah sogar an, die Tat auf sich zu nehmen, um ihr vielleicht doch noch eine Rückkehr in ein normales Leben zu ermöglichen. Doch die beiden werden wieder aufgespürt und fliehen erneut mit dem Pickup, diesmal in die Kleinstadt Fallsburg, in der gerade die Parade zum amerikanischen Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli stattfindet. Dinah wird an einer Straßensperre von der Polizei angeschossen, Blake flieht zu Fuß weiter – „Run! Run!“ ruft Dinah Blake hinterher. Doch Blake wird mitten in der Parade von der Polizei zusammengeschossen und stürzt tot auf eine amerikanische Flagge – die inzwischen verhaftete Dinah wird in einem Polizeiwagen vor die Szenerie gefahren und das Schlussbild zeigt, wie sie den toten Blake vom Rücksitz aus anstarrt…

Jackson County Jail

Tatsächlich weit mehr als nur ein Film über eine Vergewaltigung, ist Jackson County Jail ein auch heute noch beeindruckender, bitterböser Kommentar auf ein Land mit seiner zweihundertjährigen Gewaltkultur, seinem Nationalpathos, der Selbstermächtigung seiner Gesetzeshüter, seinen Hinterwälder-Communities und nicht zuletzt seiner tief sitzenden Frauenverachtung. Anders aber als andere Filme New Hollywoods – etwa Bonnie und Clyde (Arthur Penn, 1967) – romantisiert Miller den Untergang seiner beiden outlaw-Hauptfiguren dabei nicht, stattdessen spielen Yvette Mimieux und Tommy Lee Jones hier sehr intensiv und fein nuanciert die Bewohner zweier Welten, die sich unvermittelt begegnen und gemeinsam die Erfahrung machen müssen, dass dieses Land und seine Menschen für sie beide – für sie, die Bürgerliche wie auch für ihn, den Berufsverbrecher – nur Willkür, Gewalt und Verachtung übrig haben, was immer sie auch tun, wie sehr sie sich auch bemühen, ihre Selbstachtung und Anstand zu wahren – “Es ist nichts Falsches daran, ein Gauner zu sein – alle sind hier unehrlich”, so meint Tommy Lee Jones so auch irgendwann zu Yvette Mimieux.

Jackson County Jail

Für die Vermarktung von Jackson County Jail ließ Roger Corman an die Kinobetreiber folgenden Ratschlag ausgeben: “Der Start des Films sollte mit lokalen Aktivitäten der Frauenbewegung in Verbindung gebracht werden, insbesondere, wenn es in der Nähe einen Campus gibt.” Es ist dies der bedrückendste Aspekt des Films. Von Anfang an begegnet Yvette Mimieux‘ Dinah als Frau nur Geringschätzung, Missbrauch und Gewalt, in welcher Gesellschaftsschicht und an welchen Orten auch immer, im Beruf, in der Ehe, auf der Straße, von Seiten der Staatsgewalt. Die Vergewaltigung selbst ist dabei nur der – alles im Leben verändernde – Tiefpunkt in einer auch für den Betrachter durchweg beklemmend erscheinenden Erfahrungswelt Dinahs.

Das female empowerment und der gesellschaftliche Außenseiter als Protagonist, dies waren in der Tat zwei der durchgängigen Hauptmotive in Roger Cormans Werk bereits als Regisseur und mit dieser Produktion gelang es ihm wohl zum letzten Mal diese Motive beeindruckend in Szene zu setzen – allerdings nun mit einer bereits sehr nihilistischen Aussage, denn der gesellschaftlich-politische und kulturelle Aufbruch der 60er und 70er Jahre, den Corman als Regisseur und Produzent bei der American International Pictures und mit der New World Pictures immer auch dokumentiert hatte, er ging allmählich zu Ende und das Land sollte schon bald die reaktionären Zeiten der Reagan-Ära erfahren.

 

Bild-/Tonträger:

DVD: “Jackson County Jail”/”Caged Heat!” (Shout! Factory [USA: NTSC], 2011), Bild: 1.78:1, Ton: Englisch.

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