Gothic Queer – BRIDE OF FRANKENSTEIN (1935) und HELLRAISER (1987) vice versa

Bride of Frankenstein (Frankensteins Braut, James Whale, 1935)
Hellraiser (Hellraiser – Das Tor zur Hölle, Clive Barker, 1987)

In Clive Barkers 1997 für die BBC ausgestrahlter Fernsehserie „Clive Barker’s A-Z of Horror“ (sowie dem von ihm gemeinsam mit Stephen Jones herausgegebenen Buch zur Serie), hat der britische Schriftsteller und Regisseur seinen Hellraiser nicht etwa dem Buchstaben „F“ für „flesh“ und auch nicht dem „P“ für „pain“ zugeordnet, sondern dem „V“ für „vice versa“. „Vice versa“ – „und umgekehrt“ – „das Umgekehrte“ – „die Umkehrung“. In der Tat: In dem Haus in Hellraiser, archaisches Urbild der Psyche im Horrorfilm schlechthin, gehen die Protagonisten nicht etwa in den Keller, um dort den dunkelsten Geheimnissen der Psyche (und des Fleisches) zu begegnen, sondern nach oben, auf den Dachboden. So wie sich auch das Labor in Bride of Frankenstein wie ein Turm in den Nachthimmel erstreckt und das Monster, um ihr das Leben der Naturgewalten einzuhauchen, von Henry Frankenstein (Colin Clive) ganz nach oben in diesen Himmel gezogen wird.

Bride of Frankenstein: Das Labor

Alles ist in Hellraiser ambivalent, um sich dann fortwährend umzukehren, die sexuelle Identität, die Lust, die zum Schmerz wird – wie umgekehrt -, der Himmel und die Hölle: “Explorers in the further regions of experience. Demons to some. Angels to others”, so der “Lead Cenobite” (Doug Bradley), der erst später in der Serie zum “Pinhead”, zur Ikone des modernen Horrorfilms wurde, weil es das fandom so wollte, während Barker selbst Julia (Clare Higgins) zum eigentlichen Hauptcharakter machen wollte. Julia! Zusammen mit Barbara Stanwycks Rolle der Phyllis in Billy Wilders Double Indemnity (1944) ist sie vielleicht die schamlos ordinäre Femme Fatale im Kino überhaupt. Julia durchläuft in Hellraiser tatsächlich eine atemberaube körperliche und seelische Transformation, vor allem eine vollständige Umkehrung ihrer Sexualität.

Hellraiser: Clare Julia (Higgins)

Man muss Clive Barkers Hinweisen folgen, wenn man sich Hellraiser anschaut und in die Kontexte stellen, die er selbst angibt: Die Umkehrung als Kern des gothic horror, bei dem das Monströse zum Post-Humanen (und damit zum eigentlich Humanen) wird. So bezieht der Gay-Regisseur Barker sich wie seinen Film immer wieder auf den Gay-Regisseur James Whale und dessen Bride of Frankenstein. Man muss diese beiden Filme darum auch hintereinander und im Zusammenhang schauen, mit ihren zu Pop-Ikonen gewordenen vernarbten und gepiercten Monstren (Elsa Lanchaster und Doug Bradley), mit der ganzen Befreiung beider Regisseure von der eigenen, von der Gesellschaft oktroyierten Randständigkeit, hin zur affirmativ-lustvollen Umkehrung und einer entfesselten bildnerischen Fantasie, begleitet von den leitmotivischen, enorm intensiven Musiken Franz Waxmans und Christopher Youngs.

Der gothic horror-Film hat vielleicht mit Bride of Frankenstein und Hellraiser einen Anfang und ein Ende gehabt, dazwischen jedoch nie wieder deren Intensität und mythische Kraft und Absolutheit erreicht. Georg Seeßlen macht in seinem Essay über „Das Böse im Film“ von 2014 nicht viel Aufhebens um diese mythische Kraft und stellt Barkers Film gleich in eine Reihe mit Milton und Dante: „Das Böse im Bewegungsbild ist umso faszinierender und ‚schöner’, als es Züge des Absoluten aufweist, und es ist umso jämmerlicher und grotesker, als es abhängig von Gelegenheiten und Zwängen ist. Wie in Miltons Paradise Lost oder in Dantes Göttlicher Komödie (oder in Clive Barkers Hellraiser-Filmen) muss man immer weiter und immer tiefer gelangen, um vom menschlichen Widerschein zur wahren Gestalt des Bösen zu gelangen.“

Ikonen: Elsa Lanchaster und Doug Bradley

Um immer weiter und tiefer zu gelangen, war es auch ein Herzensanliegen Clive Barkers, Bill Condons Gods and Monsters (als Executive Producer) mit möglich zu machen. Condons Film erzählt dann beeindruckend mit der Geschichte James Whales (u.a. in Rückblenden während der Dreharbeiten zu Bride of Frankenstein) die Geschichte des Monströsen hinter den Geschichten, des Monströsen des Krieges, des als randständig empfundenen Selbst, des Alterns.

Gods and Monsters (Bill Condon, 1998)

In Bride of Frankenstein und Hellraiser stürzen am Ende das Labor wie das Haus ein. Doch eine “Ordnung” ist dadurch keineswegs wiederhergestellt. Was zurückbleibt sind auf ewig diese eingebrannten Bilder zweier Ikonen, nicht nur als Sinnbilder der Mythen von der Hölle (und dem Zwischenreich) und des Prometheus, sondern auch als Sinnbilder des großen Themas und Problems des Horrorfilms: Der Natur. Für den Menschen ist diese Natur seine Psyche, sein Fleisch und der Tod; für James Whale und Clive Barker zeigt sich daher mit dieser Menschennatur gerade in ihren Disharmonien, Umkehrungen, Ambivalenzen und Transgressionen ein vollständigerer Humanismus.

Nicht nur zwei Meisterwerke des Horrorfilms, sondern zwei Meisterwerke des Kinos überhaupt.

 

Bild-/Tonträger:

Blu-ray: Frankensteins Braut (Universal, 2017), Ton: Englisch, Deutsch, Französisch u.a. Bildformat: 4:3 – 1.33:1. Blu-ray/DVD: Hellraiser (Kinowelt [Österreich], 2011), Ton: Deutsch, Englisch. Bildformat: 1.85:1

Soundtrack-CD: Franz Waxman: Bride of Frankenstein (Silva America, 1993). Soundtrack-CD: Christopher Young: Hellraiser (Silva Screen, 2001).

Hits: 88

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