Die lebenden Toten und die toten Lebenden – Nachruf auf George A. Romero

„Les Morts gouvernent les Vivants“ („Die Toten regierenden die Lebenden“) – Auguste Comte (Soziologe), 1891.

Am 16. Juli starb der 1940 in der Bronx geborene George A. Romero. Wie beim Tod von David Bowie, so beschlich mich noch einmal das Gefühl, dass da jemand (dann doch) von uns gegangen ist, der eigentlich nicht gehen konnte, der in seiner Einmaligkeit und seiner (Pop-)Kultur prägenden Unverwechselbarkeit immer dazu gehören, immer da sein musste.

Night of the Living Dead, 1968

Die Toten kehren zurück – das war seine Erzählung, etabliert in seiner Zombie-Trilogie Night of the Living Dead (1968), Dawn of the Dead (1978) und Day of the Dead (1985). Man kann sich die Wirkung, die Dawn of the Dead seinerzeit auf uns hatte, heute kaum noch vorstellen. Der „Kaufhauszombie“, wie man den Film damals nannte, hat Seherfahrungen und Filmgeschichte geprägt, danach ein ganzes Genre ins Leben gerufen.

Doch zunächst gab es in den Achtzigern die „Horrorvideo-Debatte“ und „Mama, Papa, Zombie“ im Fernsehen. Zombie- und Kannibalenfilme wurden Reihenweise wegen „Gewaltverherrlichung“ beschlagnahmt, auch die Videokassetten des immer wieder in neuen Fassungen veröffentlichten „Kaufhauszombie“. Wie Argento, Fulci und Lenzi, so wurde auch Romero für uns ein Held „verbotener Filme“, die man gerade deswegen natürlich sehen musste.

Dawn of the Dead, 1978

1979 hatte man mich noch nicht ins Kino gelassen, dort erstmals gesehen habe ich den Film vor garnicht allzu langer Zeit. Mit einer Gänsehaut, als die trägen, dumpfen Rhythmen von Goblins Musik einsetzten. Der Weltuntergang auf der großen Leinwand im Original, meine eigene Geschichte und Kinogeschichte – und ich nun live dabei!

Dawn of the Dead ist nicht mehr und nicht weniger als eines der Schlüsselwerke der Pop-Kultur des 20. Jahrhunderts, wie Wahrhols „Marilyn“, wie Bowies „Ziggy Stardust“. Ja, so großspurig muss man mittlerweile daherreden. Denn wir sind alle Konsumzombies, die sich den Weltuntergang organisieren und dabei noch gegenseitig zerfleischen. Und das auch der allgegenwärtige Militarismus und Bellizismus eher Teil des Problems, statt der Lösung ist, dass hat Romero dann auch in Day of the Dead unmissverständlich klargemacht.

Day of the Dead, 1985

Romero war so gesehen ein Autorenfilmer mit einer recht einfachen, aber wohl auch gerade deswegen zutiefst humanen Botschaft. The Walking Dead, diese heute wieder ungeheuer erfolgreiche Fernsehserie, dreht diese Botschaft in alle Richtungen um, betrachtet sie immer wieder von verschiedenen Seiten, findet dann natürlich auch keine Lösungen – und verrät diese Botschaft (und Romero) dann doch wieder an den Bellizismus. Das Übel Hollywoods dieser Zeit.

Denn die Toten kehren dann ja doch wieder zurück. Wer will entscheiden auf welcher Seite wir dann stehen? Auf der Seite, der noch ums Überleben Kämpfenden, der sich untereinander Bekämpfenden? Oder auf der Seite der lebenden Toten, deren Bewusstlosigkeit und Konditionierung wie ein postmortales Echo des sich immer schon zerfleischenden und bewusstlos konsumierenden toten Lebens erscheint?

George A. Romero (1940 – 2017)

George A. Romero, dieser großartige Filmemacher, hat uns diese Entscheidung nie abgenommen, sehr wohl im Wissen darum, dass sie im Grunde nicht zu treffen ist. Er war kein Betrüger oder Apostel. Auch nicht in seinen anderen Filmen (darunter sicher am besten Crazies von 1973 und Martin von 1977). Und so bleibt am Ende das Bild eines bodenständigen, freundlich lächelnden und liebenswerten älteren Mannes, der uns allen einen gewaltigen Arschtritt versetzt hat.

Und wir deuten heute immer noch den Schmerz.

 

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.