Der Pessimismus der 68er-Generation – Michael Reeves‘ WITCHFINDER GENERAL

Witchfinder General (Der Hexenjäger, Michael Reeves 1968)

„WITCHFINDER GENERAL hat keine explizite ‚Botschaft’ aber er sagt einiges über die Ursprünge der Verzweiflung – und er sagt es kraftvoll“.

Films and Filming, Juli 1968

Michael Reeves

„L’imagination au pouvoir!“ („Die Fantasie an die Macht!“) war die Parole der Pariser Studenten im Mai 1968, ein Jahr nach jenem „Summer of Love“, in dem die Jugend der westlichen Welt „Make love not war!“ gefordert hatte, den Aufstand gegen das Schlachten in Vietnam, verkrustete Strukturen und ihre Elterngeneration probte, in dem der Begriff der „Utopie“ durch die Köpfe linker Intellektueller geisterte. In den USA hatte Roger Corman 1967 für die AIP noch The Trip gedreht, nach einem Drehbuch von Jack Nicholson und inspiriert vom Guru der Psychedelia-Bewegung Timothy Leary, einen Film, mit dem sich „The King of the B’s“ unverholen zur Revolte der Jugend bekannt hatte. Doch die drei großen Klassiker, die das Horrorgenre 1968 hervorgebracht hat, stehen eigenartigerweise im genauen Gegensatz zur Aufbruchstimmung der 68er-Generation, gerieten defätistisch, apokalyptisch, ja, geradezu wie eine Bankrotterklärung des Menschen vor sich selbst. Nicht Utopie und Hoffnung, sondern der Sieg Satans und der Untergang der Menschheit standen im Mittelpunkt von Roman Polanskis Rosemary’s Baby und George A. Romeros Night of the Living Dead. Und ausgerechnet in jenem Mai ’68 erschien ein Film, der wohl zu den pessimistischsten der ganzen Filmgeschichte zu zählen ist, Michael Reeves‘ Witchfinder General.

Die Handlung des Films ist schnell nachzuerzählen, es ist – auf den ersten Blick – eine geradezu klassische Rache-Geschichte: Im englischen Bürgerkrieg zieht Vincent Price als historisch verbürgter Hexenjäger Matthew Hopkins mit seinem Folterknecht Stearne durch Ostengland und foltert und tötet männliche wie weibliche „Hexen“ für einen Obulus des jeweiligen Magistrates der Stadt. Als Richard Marshall, ein Soldat in Oliver Cromwells Kavallerieeinheit, den „Roundheads“, erfährt, dass seine Verlobte Sara dazu gezwungen wurde, Hopkins und Stearne ihre Liebesdienste anzubieten, schwört er in einer Kirche Rache. Nachdem Marshall nach der Schlacht bei Naseby Hopkins schließlich aufgespürt hat, wird er und Sara vom Hexenjäger gefangengesetzt und gefoltert. Doch Marshall kann sich befreien und zerhackt Hopkins im Blutrausch mit einer Axt, während Sara in einen endlosen Schreikrampf verfällt.

Michael Reeves, der zu diesem Zeitpunkt gerade Mal 24 Jahre alte britische Regisseur, der zuvor mit The She-Beast (1966) und The Sorcerers (1967) zwei eher konventionelle Horrorfilme gedreht hatte, nahm sich neun Monate nach der Veröffentlichung von Witchfinder General das Leben, wie es heißt. Er wurde am 11. Februar 1969 im Büro des AIP-Produktionsleiters Louis M. Heyward tot aufgefunden, vergiftet durch ein Alkohol-Tabletten-Gemisch. Mythen entstehen im Filmgeschäft ebenso schnell, wie sie wieder vergehen, doch in den seltensten Fällen führen sie zu einer wirklich ernstzunehmenden Auseinandersetzung. Auch der Umstand dieses tragischen Todes, sowie die Tatsache, dass Witchfinder General einer der beeindruckendsten und beklemmendsten Filme des Horrorgenres überhaupt wurde, führten dazu, dass man in Michael Reeves schon bald den „James Dean des Horrorfilms“ und später den „River Phoenix der späten 60er“ gesehen hat.

Aber, ganz abgesehen davon, dass die genauen Umstände seines frühen Todes bis heute nicht vollständig geklärt sind, ist es allein dieser Film, dessen eigenartige Mischung aus einer rhythmisch bestrickenden Bildpoesie, abgrundtiefer Gewalt, philosophischer Einsicht und filmischer Genialität, der Michael Reeves einen unverrückbaren Ehrenplatz in der Filmgeschichte garantieren sollte.

Bereits in meinem Vincent Price-Buch habe ich geschrieben, die bisher nur selten berücksichtigten philosophischen Implikationen des Films betonend: „Die im Genre sonst kaum noch erreichte Intensität des Horrors von Witchfinder General gibt eine Grundstimmung wieder, die der damaligen Zeit entsprach. So war es der frühaufklärerische Philosoph Thomas Hobbes, der 1651 unter dem starken Eindruck der Gräueltaten und des sozialen Zerfalls der Gesellschaft während des englischen Bürgerkrieges das grundsätzliche Wesen des Menschen in seinem ‚Leviathan‘ neu definierte. Dieser sei nach Hobbes in seinem Naturzustand, den der Philosoph den ‚Krieg‘ aller gegen alle‘ nennt, nur auf Selbsterhaltung und Lustgewinn aus. In seiner politischen Philosophie klagte Hobbes deshalb die totale Unterwerfung unter den Staat und Gewaltenteilung ein und definierte den neuzeitlichen Vernunftbegriff als ‚Reckoning with Consequences‘ (‚mit Konsequenzen rechnen‘). Die bedrohlich-defätistische Grundstimmung, die von Reeves‘ Film auch heute noch ausgeht, spricht dafür, dass selbst 350 Jahre nach Hobbes dieses wenig erfreuliche Bild von der Natur des Menschen noch nichts von seiner deprimierenden Aktualität verloren hat. So schuf Reeves schließlich einen in der Filmgeschichte einzigartig umgesetzten Horror-Topos, den der Willkür und des sozialen Chaos“.

In einer Zeit, als die Jugend der Welt auf die Selbstregulierungskräfte des Sozialen gegen den Staat setzte, auf Selbstverwaltung, Autonomie und „Demokratie von unten“, mag dieser Film vielleicht unpassend, eher konservativ gewirkt haben; doch heute, nach der desillusionierenden Erfahrung erneuter Bürgerkriege mitten in Europa, wirkt diese ernüchternde Gegen-Utopie Reeves‘ seltsamerweise ehrlicher und tiefgreifender als der offen zur Schau gestellte Optimismus der 68er-Generation. Der Duktus von Witchfinder General ist in der Tat eindeutig: „Der Mensch ist des Menschen Wolf“, wie es bei Hobbes heißt, es gibt kein moralisches Zusammenleben des lustgetriebenen Tieres, das sich selbst „Mensch“ nennt, und auch keinen durch die Kirche repräsentierten „Gott“, der dieses Tier erlösen würde, nur das positive, mit staatlicher Gewalt durchgesetzte Recht. Rechtlosigkeit bedeutet eine endlose Spirale der Gewalt, Willkür, eben einen Krieg aller gegen alle.

Witchfinder General ist aber nicht nur ein unzeitgemäßer und bitterer Kommentar über die erste „wölfische“ und die zweite „kulturelle“ Natur des Menschen, sowie das stets instabile Verhältnis der beiden zueinander, sondern vor allem ein filmisches Meisterstück – als Film ist Witchfinder General die Manifestation der Revolte des Michael Reeves gegen die Mythen des Hollywood-Kinos, und einer der seltenen Beweise dafür, dass es die Kunst ist, auf die der Mensch seine Hoffnung bauen sollte, genauer, auf die Form des Kunstwerkes, durch die dessen Inhalte allein transportiert werden und dass das Kino dementsprechend die eigentliche Kunstform des zwanzigsten Jahrhunderts sein kann.

 

Paul Ferris' Witchfinder General-Soundtrack

So hielt Hauptdarsteller Vincent Price, sicher einer der ganz wenigen wirklich kritisch-intellektuellen Schauspieler Hollywoods über Jahrzehnte, Witchfinder General für einen „sehr beeindruckenden, bewegenden und aufregenden Film … Der Kontrast der herrlichen Szenerie mit der Brutalität, die Aktionen der guten Kräfte gegen die unerbittlichen, sich beinahe pedantisch zurückhaltenden Mächte des Bösen erzeugen eine Spannung, die ich selten erlebt habe“. Obwohl Price während der Dreharbeiten im September ’67 mehr als einmal mit dem eigenbrötlerischen Reeves, der die Rolle eigentlich mit Donald Pleasance besetzen wollte, aneinander geriet („Reeves hasste mich. Er wollte mich überhaupt nicht für die Rolle. Ich mochte ihn auch nicht“), ahnte der arrivierte Kunsthistoriker sehr wohl, dass hier ein visuelles Genie am Werk war. Reeves bewunderte die Filme Don Siegels, von denen er jede einzelne Einstellung auswendig kannte, aber auch Roger Corman, weniger für dessen flamboyante Poe-Verfilmungen, als für seine direkteren, beinahe semidokumentarischen Filme wie The Intruder (1962), The St. Valentine’s Day Massacre (1967) oder The Wild Angels (1966).

Was Price jedoch mit jenem Kontrast der Szenerie zur Gewalt des Films benannt hat, ist nichts anderes als Reeves‘ unverholene Zertrümmerung des Grundmythos‘ Hollywoods: Dass Freiheit und Hoffnung dort aufkeimt, wo Bewegung und Raum ist, und Unterdrückung und Elend dort, wo Stillstand und Enge herrscht. Witchfinder General ist von der Aussage her im Grunde ein Spät-Western, hierin Monte Hellmans The Shooting und Ride the Whirlwind (beide 1964), den Western Sam Peckinpahs oder Sam Fullers vergleichbar. Wie im Spät-Western zerstört Reeves die klare Scheidung von Gut und Böse, rückt die allgegenwärtige Gewalt ins Zentrum des Geschehens und lässt sie auf die Weite der Landschaft der übergehen. Der filmische Rhythmus, mit dem Reeves hier die Bewegungen seiner Protagonisten durch die herbstlichen Wälder Ostenglands zeichnet, die Mobilität der Kamera sowie seine Mise-en-Scène erinnern gar an die Kavallerie-Western John Fords (etwa an She Wore a Yellow Ribbon, 1949).

Doch Reeves verpflanzt den Hollywood-Mythos nicht nur zurück nach Europa in den englischen Bürgerkrieg, zeigt dessen Zertrümmerung nicht nur in einem Stil, der eigentlich eher dem klassischen Western entspricht, er entkleidet die Geschichten des Kampfes Gut gegen Böse, der Rache, der Willkür und der Gesetzeslosigkeit bis auf ihr nacktes Gerippe, macht daraus ein ganz von seinem Rhythmus lebendes Gedicht über die Natur, und die Natur des Tieres, das ihr entwachsen ist, des Menschen. Aus dem am Galgen baumelnden Outlaw wird die auf dem Scheiterhaufen brennende Hexe, der Bürgerkrieg zwischen der Parlamentspartei Oliver Cromwells und den Truppen des Königs erscheint hier nicht viel anders, als der Bürgerkrieg der weißen Amerikaner gegen die indianischen Ureinwohner; er ist lediglich Vorwand für den Rückfall des Menschen in seine erste Natur, in vorzivilisatorische Zustände, in die Natur, durch die Reeves‘ Protagonisten wie Wölfe streichen, getrieben von Gier, Habsucht, Lust und Rache.

Und wie John Ford zeigt Michael Reeves diese Natur in einer überwältigenden und atemberaubenden Schönheit, geradezu pantheistisch; als ob jener Gott, auf dessen Beistand die Menschen vergeblich warten, nur dort, in dieser Natur sein könne, in den Wäldern und auf den Feldern, in der Weite der unendlich schönen Landschaft, in den Baumwipfeln, durch welche die morgendlichen Sonnenstrahlen auf die sich gegenseitig zerfleischenden Menschen scheinen. Immer wieder vollführt Johnny Coquillons Kamera weite Schwenke, reißen ihre Fahrten die ganze Weite des Raums auf, durch den sich die Darsteller wie in Fluchtreflexen bewegen, vom Jäger zum Gejagten, vom Gejagten zum Jäger werden. Paul Ferris‘ Score unterstreicht noch diese Western-Attitude von Witchfinder General: Zuweilen das Bedrohliche pointierend, zuweilen gar unverfroren in Hollywood-Kitsch abgleitend, steigert sich das – auf dem uralten englischen Folk-Klassiker „greensleeves“ basierende – Grundthema während der ausgedehnten Ritte lan Ogilvys regelmäßig zu einer erhebenden, raumgreifenden Symphonie, die mit der Landschaft zu verschmelzen scheint. In diesen Momenten ist die Schönheit des Films beinahe ebenso unerträglich wie seine eruptive Gewalt, erreicht Reeves wirklich den abstraktesten Grund dessen, was Kino überhaupt ausmachen kann: Die kompositorische Anordnung von Bewegung, Raum und Ton in der Zeit – das erhabene Kunstwerk.

Der Pessimismus der 68er-Generation, insbesondere der des Michael Reeves‘, erscheint uns so heute weniger als Ausdruck eines vermeintlich reaktionären Weltbildes, sondern, ganz im Gegenteil, als radikale Ungebundenheit, als ein Immer-schon-überwunden-Haben tagespolitischer Forderungen oder letzten Endes nur hilfloser Moralisierungen; es ist die künstlerische Freiheit, mit der die Fantasie zu jeder Zeit und uneingeschränkt an der Macht ist. Die Revolte des Michael Reeves bestand nicht in seiner vermutlichen Selbsttötung, auch nicht in Klagen gegenüber dem Establishment, sondern darin, wieder und noch einmal gezeigt zu haben, dass alle Ideale des Menschen vor seiner eigenen Natur vergänglich sind, und sie bestand vor allem auch darin, dass er es als einer der wenigen Regisseure in zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts gewagt hat, das Kino für sich neu zu erfinden, es nicht als Literaturersatz sondern als eigenständige Kunstform anzusehen.

Die Frage, die sich nach François Truffaut jeder Regisseur einmal stellen muss („Wie drückt man sich auf eine rein visuelle Weise aus?“), auf diese Frage hat Michael Reeves bereits mit 24 Jahren eine beeindruckende Antwort gefunden. Und so wurde neun Monate später, in jenem Februar 1969, mit ihm nicht nur ein verschlossener, unglücklicher und weitestgehend missverstandener Mensch begraben, sondern auch ein Stück Zukunft des Kinos.

RZ

Der Essay erschien erstmals in der Zeitschrift NACHtBLENDE, Nr. 14, Ende Januar 2000.

 

Bild-/Tonträger:

DVD/Blu-ray: Der Hexenjäger (’84 Entertainment, 2016), Ton: Deutsch/Englisch, Bildformat: 16:9/1.77:1

Soundtrack-CD: Paul Ferris: Witchfinder General (De Wolf, 2013)

 

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