Joseph L. Mankiewicz‘ DRAGONWYCK (1946)

Dragonwyck (Weisser Oleander, Joseph L. Mankiewicz, 1946)

Connecticut, Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Familie des tiefgläubigen Farmers Ephraim Wells (Walter Huston) erhällt einen Brief von dem Lehnsherren Nicholas Van Ryn (Vincent Price), einem entfernten Verwandten, in dem dieser darum bittet, ihm eine von Wells‘ Töchtern als Erzieherin seines Kindes in sein Herrenhaus Dragonwyck am Hudson River zu schicken. Nach einigem Zögern ihres Vaters darf schließlich Miranda (Gene Tierney), ein für die ihr unbekannte Welt des Adels schwärmendes Mädchen voller naiver Lebenslust, diese Reise antreten. Aber Miranda findet dort keineswegs die von ihr erwartete glitzernde Welt des Adels vor. In dem protzigen Dragonwyck residiert Van Ryns verfressene und verunsicherte Frau Johanna (Vivienne Osborne). Unter einer Fassade höflicher Umgangsformen verbergen sich ein untergründiger familiärer Hass und tödliche Langeweile, nur mühsam kaschiert von der unvergleichlichen Arroganz Van Ryns und einem verzweifelten Festhalten an starren Konventionen.

Eine beklemmende Atmosphäre, die sich in den tieftraurigen Augen von Van Ryns Tochter Katrina (Connie Marshall) widerspiegelt.

Überdies beginnen die Farmer unter der Führung des jungen Arztes Dr. Turner (Glenn Langan) gegen ihren Lehnsherren zu rebellieren. Obwohl der Aufstand der Farmer gegen das Pachtgesetz sich ausweitet, besteht Van Ryn auf sein auf das Jahr 1630 zurückgehendes „verbrieftes Recht“ als Patron. Doch der Kampf um die Besitzrechte des Landes wird von der familiären Tragödie überschattet: Während Johanna mit einer Erkältung im Bett liegt, stellt ihr Van Ryn in vermeintlich fürsorglicher Absicht einen Oleanderbaum in das Schlafzimmer. Als sie am darauffolgenden Tag stirbt, steht der von Van Ryn eigens konsultierte Dr. Turner vor einem Rätsel. Schon bald nach dem plötzlichen Tod seiner Frau gesteht der Patron der verwirrten Miranda seine Liebe – und auch, dass Johanna nach der Geburt ihrer Tochter keine Kinder mehr bekommen konnte („Es traf mich wie ein Todesurteil, dass Dragonwyck keine männlichen Erben haben sollte“). Kurz vor der Rückkehr zu ihrer Familie wird auch Dr. Turners Antrag von Miranda abgewiesen.

Nachdem Miranda nach Connecticut zurückgekehrt ist, tauch schon bald Van Ryn auf und hält um die Hand des jungen Mädchens an. Die beiden heiraten – dem jungen Glück scheint nichts mehr im Wege zu stehen.

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William Castles WHEN STRANGERS MARRY (1944)

When Strangers Marry/Betrayed (Heirate niemals einen Fremden, William Castle, 1944)

Der lange und beschwerliche Weg eine B-Film-Regisseurs

Es war im Studiosystem gang und gäbe, dass die Studios ihre Mitarbeiter von Zeit zu Zeit an andere Firmen ausliehen. Da die „Leihgebühr“ in der Regel höher war als die Gehälter, die die Studios ihren Festangestellten zahlten und die ausleihenden Studios die Differenz einstrichen, konnten sie selbst noch mit den Kontraktschauspielern und –regisseuren einen Profit einfahren, die im eigenen Studio gerade nicht gebraucht wurden. 1944 bekam Bill Castle bei der Columbia $100 die Woche, als die King-Brüder der Monogram $500 die Woche Leihgebühr für ihn boten – $100 für Castle, $400 für Cohn. Trotz des großen Erfolges mit The Whistler wollte sich King Cohn das nicht entgehen lassen. Bill Castle war entsetzt: Ausgerechnet die Monogram! Diese, 1937 gegründet, befand sich zwar zur Zeit mit einem Ausstoß von etwa 30 Filmen pro Jahr auf ihrem unbestrittenen Höhepunkt, doch waren diese Filme ausnahmslos 60 bis 70minütige, billige B-Pictures – in der Hauptsache action-orientierte Western, infantile Komödien und hanebüchene Horrorfilme -, die der Firma einen durchschnittlichen Profit von $1.932,12 pro Film einbrachten. Viel finanzieller Spielraum für ein wenig ambitioniertere Regisseure blieb da nicht. Nicht ganz so schäbig wie die Produktionen einiger anderer Poverty Row-Studios, etwa die der PRC oder der Academy-Pictures, aber auch weniger ambitioniert als die Filme der Republic, bildeten die Monogram-Filme die Masse des Füllprogramms des US-Kinos der 40er Jahre. Nachdem Jean-Luc Godard 1960 seinen À Bout de Souffle der Monogram gewidmet hatte, kam die Firma (1953 ging sie in ihrer eigenen Tochtergesellschaft Allied Artists auf) noch posthum zu unerwartetem Ruhm.

Monogram-Studios

 

Bill Castles erste Begegnung mit den King-Brüdern Hymie, Frank und Maurie, die die Firma gemeinsam leiteten, erinnert an eine Szene aus einem Film Noir. Es regnete in Strömen, als Hymie, der jüngste der King-Brüder, Castle um sieben Uhr morgens von Zuhause abholte und in das Büro der Monogram brachte. Vom Qualm seiner riesigen Zigarre eingehüllt, wartete dort bereits der dicke, kahlköpfige Frank mit seinem Bruder Maurie, der immer noch wie der Preisboxer aussah, der er einmal gewesen war. Ein vierter, etwas dürrer und bebrillter Mann saß schlafend in dem Raum, doch niemand dachte daran, diesen Bill Castle vorzustellen. Dann begann das Spiel. Frank: “Harry Cohn hat uns letzte Nacht The Whistler vorgeführt. Ein großer Film, stimmt’s, Maurie?“ Maurie nickte. „Hymie?“ fragte Frank. Hymie nickte. „Wir denken, ihre Regie ist großartig. Stimmt’s, Maurie?“ Maurie nickte. „Hymie?“ Hymie nickte. Castle bekam feierlich ein Drehbuch überreicht und wurde in ein leeres Zimmer geführt, wo er es lesen sollte. Das Script war eine Katastrophe. Als er zurückkehrte, herrschte eine tödliche Stille im Raum. Das Ganze glich einer Hinrichtung. Bill Castle: “’Frank… Maurie… Hymie…’ Alle Augen waren auf mich gerichtet. ‘Ich denke, dass das Drehbuch furchtbar ist’. Das Prasseln des Regens durchschnitt die Stille, als sich Frank wieder in den Stuhl setzte und den fallenden Regen beobachtete. Maurie zündete sich eine Zigarre an und steckte sich ein neues Kaugummi in den Mund. Hymie ging in das Badezimmer. Der bebrillte Fremde, immer noch in der Ecke sitzend, schlief… Frank sprang von seinem Sitz auf, ich dachte er würde mich nun verprügeln, aber stattdessen schüttelte er mir die Hand. ‚Hast du das gehört, Maurie? Bill mag das Drehbuch nicht. Und er hat recht… absolut recht. Es ist furchtbar’. Frank gab Hymie ein Zeichen, der den schlafenden Mann schüttelte. Gähnend öffnete der seine Augen. ‚Das ist Phil Yordan, Bill. Er ist Autor’“. Philip Yordan, der daraufhin das Script zu Bill Castles Monogram-Film schrieb, war ein ausgeschlafener Drehbuchautor. When Strangers Marry wurde eine kleine Perle, nicht nur einer der besten Filme Bill Castles überhaupt, sondern auch ein Prestigeobjekt der Monogram. Er war noch einmal davongekommen.

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Tim Burtons EDWARD SCISSORHANDS (1990)

Edward Scissorhands (Edward mit den Scherenhänden, Tim Burton, 1990)

Den „Zauberer von Hollywood“ hat man ihn einmal genannt, und in der Tat hat es Tim Burton mit Filmen wie Beetlejuice, Ed Wood oder Mars Attacks! innerhalb kürzester Zeit geschafft die Filmwelt in seinen Bann zu ziehen. Trotz aller unabdingbaren Geschäftstüchtigkeit und Durchsetzungsfähigkeit ist er dabei das Kind geblieben, das sich weigert erwachsen zu werden, ein anarchischer Fantast, der seine Figuren hingebungsvoll und warmherzig in Szene setzt. Und wie nebenher hatte Burton dabei nicht nur den einen oder anderen Seitenhieb auf die amerikanische Kultur und seine eigenen nachdrücklichen Bekenntnisse zum Außenseitertum parat, er erfüllte sich überdies noch seine Kindheitsträume und setzte den Helden seiner Jugend späte filmische Denkmale: Edward D. Wood jr., Bela Lugosi und Vincent Price.

Wie die Karriere vieler Horror-Stars gezeigt hat – man denke nur an Bela Lugosi, Lionel Atwill, John Carradine oder Donald Pleasence -, ist es für einen auf das Genre festgelegten Darsteller mitunter das Schwierigste, über die Jahre jene Würde im Beruf zu wahren, die für Vincent Price stets eine so große Bedeutung hatte. Tim Burtons Ed Wood ist ein bis jetzt einmaliges, einfühlsames Dokument über deren Verlust und doch auch über das Unzerstörbare der menschlichen Würde – selbst im eiskalten Geschäftsbetrieb Hollywoods. Burton konnte Edward D. Wood jr. und Bela Lugosi so in Szene setzen, weil er sie mit dem ganzen Enthusiasmus eines Filmverrückten liebte. Darum auch hat Tim Burton in Ed Wood eine der grausamsten Bilderfolgen drehen können, die ich, trotz jahrelanger Horrorfilmerfahrung, jemals auf der Leinwand gesehen habe: Eine langsame Kamerfahrt durch die nächtlichen, düsteren Gänge einer Klinik, begleitet von entsetzlichen Schreien, die schließlich an einer Krankenzimmertür endet, durch deren Scheibe man den ans Bett gebundenen, sich in Schmerzen windenden Bela Lugosi sieht – ein alter verfallener Mann, der einst die Welt in Angst und Schrecken versetzte, auf Morphium-Entzug.

 


Ed Wood (Tim Burton, 1994)                                                 House of Usher (Roger Corman, 1960)

 

Dass Vincent seine Würde niemals verloren hat, trotz des Materials mit dem ein Horrofilm-Darsteller manchmal „verflucht“ ist, wie Christopher Lee sich ausdrückte, hatte für Burton einen ganz einfachen Grund: „Niemand wird gerne auf eine Sache festgelegt, aber mit Bitterkeit schafft man es nicht, daraus auszubrechen. Vincent hat es geschafft, indem er es liebevoll umarmte“.

Burton hat sein Idol nicht nur geliebt und mit Vincent, Edward Scissorhands und A Visit With Vincent gewürdigt, er hat ihn auch wie kaum ein Regisseur seit Roger Corman verstanden. Gegenüber Lucy Chase Williams sagte er: „Vincents Charaktere hatten eine Sensibilität, hochgradige Sensibilität, eine hochgradige Bewusstheit. Er hatte solche Energie; das offenbarte sich in allem. Die Kombination seiner Stimme mit seinem Erscheinungsbild – da war immer etwas, was mir unter die Haut ging… Es ist schwer, einen Lieblingsfilm herauszugreifen. House of Usher ist eine Versinnbildlichung für ein gewisses Gefühl, das zu erreichen für mich am erstrebenswertesten ist. Ich habe immer Probleme mit einer bestimmten Mixtur aus Horror und Komödie. The Raven war keiner von meinen Lieblingsfilmen. Ich wollte Vincent glauben, ja, ich glaubte ihm. Obwohl ich wusste, dass es ihm Spaß machte, glaubte ich ihm. Was ich sehe, ist jemand, der es genießt zu spielen, der liebt was er tut, der aber dabei nicht die Grenze zum Lächerlichen überschreitet. Er war sehr kontrolliert… Da ich eigentlich ausschließlich immer Horrorfilm-Fan war, habe ich Vincents andere Filme erst viel später gesehen. Ich weiß nicht, was ich als Junge von ihnen gehalten hätte, denn ich war so auf Horror fixiert; es gab nichts anderes. Ich denke der Horror-Stoff war wie für ihn gemacht. Und hören sie, ich bin strikt dagegen, Leute in Schubladen zu stecken – ich denke wirklich, dass es das Gebiet ist auf dem er brillant war. Und ich weiß nicht, ob ich das nur glaube, weil ich ihn so sehr in diesen Filmen liebte. Er hatte diese einzigartige Qualität, andere Schauspieler konnten vielleicht Komödien spielen; aber nur er konnte diese Poe-Filme machen“.

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Dark Leitmotivs: Mediabooks und Soundtracks im Horrorfilm – highlights, failures und misses

Am Anfang war die Stille – nur das Huschen der Rattenpfoten auf dem steinernen Fussboden, ein sich knarrend öffneter Sarg. Der erste erfolgreiche Horror-Tonfilm –  Dracula (1931) von Tod Browning mit Bela Lugosi – hatte noch keine Filmmusik. Es war dann Franz Waxmans Score zu Bride of Frankenstein (James Whale, 1935), der erstmals das Leitmotiv in das Genre einführte.

Nach den Universal-Klassikern der 30er und 40er Jahre brach dann in 60er Jahren die Zeit der leitmotivischen Musik im Horrorfilm – und verwandter Genres – eigentlich erst an, eine Zeit, die sich bis Ende der 80er Jahre fortsetzen sollte. Während heute das „atmosphärische Sound-Design“ vorherrscht, hat sich in diesen drei Jahrzehnten die Verbindung durchkomponierter Soundtracks mit der dunklen Seite der Psyche bei unzähligen Kinogängern in die Erinnerung eingegraben.

Eigentlich ideal für unsere Zeit der Veröffentlichungen aufwendiger Mediabooks, bei denen es in der Tat mittlerweile einige highlights, failures und misses der Verfügbarkeit herausragender Filmmusiken des Genres mit dem Film selbst gibt. Eine kleine Reise durch diese Veröffentlichungen, natürlich rein subjektiv geprägt und doch auch als Empfehlungen und Anregungen gedacht:

highlights

 

Una Lucertola Con La Pelle Di Donna [A Lizard In A Woman’s Skin] (Regie: Lucio Fulci, 1971)
Musik: Ennio Morricone
Veröffentlichung: Studiocanal/luciofulci.fr, Blu-ray, DVD und CD (Frankreich, 2015). Ton: Französisch, Italienisch und Englisch.

Zunächst vielleicht das Ideal. Nicht nur, dass Una Lucertola Con La Pelle Di Donna (Besprechung auf Lichtblitze) von Lucio Fulci einer der vielleicht besten Filme der ganzen 70er Jahre ist, Ennio Morricones wunderbarer Easy Listening-, Progressive- und Fusion-Jazz-Soundtrack ist zugleiche eine der besten, wenn auch unbekannteren Filmmusiken des Maestro. Die Zusammenarbeit des Major-Labels Studiocanal mit seinen Ressourcen und Vertriebswegen mit der französischen Fanseite luciofulci.fr mit ihrer Kompetenz und Leidenschaft machte dieses Mediabook, das selbstverständlich auch die Soundtrack-CD enthällt, erst möglich.

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Der Pessimismus der 68er-Generation – Michael Reeves‘ WITCHFINDER GENERAL

Witchfinder General (Der Hexenjäger, Michael Reeves 1968)

„WITCHFINDER GENERAL hat keine explizite ‚Botschaft’ aber er sagt einiges über die Ursprünge der Verzweiflung – und er sagt es kraftvoll“.

Films and Filming, Juli 1968

Michael Reeves

„L’imagination au pouvoir!“ („Die Fantasie an die Macht!“) war die Parole der Pariser Studenten im Mai 1968, ein Jahr nach jenem „Summer of Love“, in dem die Jugend der westlichen Welt „Make love not war!“ gefordert hatte, den Aufstand gegen das Schlachten in Vietnam, verkrustete Strukturen und ihre Elterngeneration probte, in dem der Begriff der „Utopie“ durch die Köpfe linker Intellektueller geisterte. In den USA hatte Roger Corman 1967 für die AIP noch The Trip gedreht, nach einem Drehbuch von Jack Nicholson und inspiriert vom Guru der Psychedelia-Bewegung Timothy Leary, einen Film, mit dem sich „The King of the B’s“ unverholen zur Revolte der Jugend bekannt hatte. Doch die drei großen Klassiker, die das Horrorgenre 1968 hervorgebracht hat, stehen eigenartigerweise im genauen Gegensatz zur Aufbruchstimmung der 68er-Generation, gerieten defätistisch, apokalyptisch, ja, geradezu wie eine Bankrotterklärung des Menschen vor sich selbst. Nicht Utopie und Hoffnung, sondern der Sieg Satans und der Untergang der Menschheit standen im Mittelpunkt von Roman Polanskis Rosemary’s Baby und George A. Romeros Night of the Living Dead. Und ausgerechnet in jenem Mai ’68 erschien ein Film, der wohl zu den pessimistischsten der ganzen Filmgeschichte zu zählen ist, Michael Reeves‘ Witchfinder General.

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