CANYON PASSAGE (1946) von Jacques Tourneur

Canyon Passage (Feuer am Horizont, Jacques Tourneur, 1946)

Oregon ist bis heute nicht nur einer der progressivsten Bundesstaaten der USA, sondern auch einer der Drehorte, dem der klassische Western seine beeindruckendsten Naturaufnahmen zu verdanken hat. Vielleicht hat niemand diese besondere Landschaft im Nordwesten Amerikas gegenwärtiger und intensiver eingefangen als Andre de Toth in den 50er Jahren mit zwei seiner vier großen Western: The Indian Fighter (Zwischen zwei Feuern, 1955) und Day of the Outlaw (Tag der Gesetzlosen, 1959).

Drehort Oregon: The Indian Fighter (1955) und Day of the Outlaw (1959) von Andre de Toth

Während de Toth seine beiden Filme jeweils im Sommer und im Winter in Bend, Oregon vor Ort drehte, entstand dort bereits zehn Jahre früher einer der visuell faszinierendsten Western bis heute überhaupt, aufgenommen im Crater Lake National Park, im Umpqua National Forest und am Diamond Lake in Oregon: Canyon Passage (Feuer am Horizont, 1946). Dessen Regisseur Jacques Tourneur (1904-1977) ist mittlerweile eine Kino-Legende, vor allem wegen seines außerordentlichen Gespürs für visuelle Gestaltung, insbesondere mit seinen stilbildenden Filmen für Val Lewton Cat People (Katzenmenschen, 1942), I Walked with a Zombie (Ich folgte einem Zombie, 1943) und The Leopard Man (1943) sowie mit seinem Klassiker des Film Noir Out of the Past (Goldenes Gift, 1947).

Canyon Passage: in Oregon von Portland nach Jacksonville

Für den ursprünglich aus Frankreich stammenden Tourneur war der von Walter Wanger für die Universal produzierte Canyon Passage der erste Western, aber auch der erste Farbfilm und mit einem Budget von $2,6 Millionen seine erste größere Produktion. Tourneur, visuell und gestalterisch stets sehr ambitioniert, transformiert dabei seinen düsteren, eleganten und präzisen Stil aus seinen Horrorfilmen und Film Noirs für Canyon Passage in eine überwältigende Technicolor-Fotografie. Die Kamera führte dabei Edward Cronjager, den Technicolor-Prozess (“Technicolor-Verfahren Nr. 4”) leitete Natalie Kalmus.

Canyon Passage: Bilder wie Gemälde der Präraffaeliten

Entstanden ist dabei „eines der rätselhaftesten und vorzüglichsten Beispiele, die das Westerngenre hervorgebracht hat“, so keine Geringerer als Martin Scorsese über den Film. Dabei dürfte sich dieses Urteil Scorseses kaum auf die Erzählung von Canyon Passage beziehen, die eher den gewohnten Western-Standards entspricht; die “Rätselhaftigkeit” des Films liegt tatsächlich in seiner gemäldehaften Bildgestaltung, die die künstlerischen Strömungen der Zeit, in der dieser Film spielt (Mitte des neunzehnten Jahrhunderts), als eine Art visuellen Subtext aufgreift: Caspar David Friedrich und die deutsche Romantik sind hier stets ebenso gegenwärtig wie Präraffaeliten wie John Everett Millais.

Canyon Passage: Indian Summer und Abendglühen

Canyon Passage ist ein Film über die rauhe, unwirkliche Natur des Grenzlandes (“Frontier”), über die Naturgewalten, aber auch über die Schönhheit und Poesie in der Natur sowie den allgegenwärtigen Tod in dieser Schönheit, darüber, dass “das Ideal der Schönheit dem Tod abgerungen ist, ihrer Erfahrung die Zeitlichkeit und der Tod eingeschrieben sind”, wie es Charles Baudelaire, Landsmann Jacques Tourneurs und Dichter der schwarzen Romantik, zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts einmal formulierte.

Einen durchgehenden Handlungsfaden gibt es in Canyon Passage nicht. Eher erleben wir ein Ensemble von Menschen in der kleinen Frontier-Stadt Jacksonville, ihre Gefühle und Beziehungen untereinander, ihre Stärken, Schwächen und Ängste: den Transportunternehmer Logan Stuart (Dana Andrews), der zwischen den zwei Frauen Lucy (Susan Hayward) und Caroline Marsh (Patricia Roc) steht; seinen Freund den Bankier George Camrose (Brian Donlevy), der wiederum mit Lucy verlobt und der Spielsucht verfallen ist; den jungen Heißsporn Johnny Steele (Lloyd Bridges); den Outlaw Honey Bragg (Ward Bond), der Stuart anfangs in Portland beraubt und der später ein Indianermädchen vergewaltigen wird – so dass es zum Krieg der Siedler mit den Indianern kommt -; den Ladenbesitzer Jonas Overmire (Stanley Ridges) und dessen Frau (Fay Holden), für die sich wiederum George Camrose interessiert; sowie den Sänger Hi Linnet (Hoagy Carmichael), der die Geschehnisse die ganze Handlung über singend begleitet (für seinen Song “Ole Buttermilk Sky” erhielt der Film eine Oscar-Nominierung).

Canyon Passage: Vorbild Caspar David Friedrich

Wir erleben in Canyon Passage nicht nur dieses Beziehungsgeflecht mit oftmals stark melodramatischen Elementen, eine sehr gewalttätige und blutige Salonprügelei, mordende und brandschatzende Indianer und den Bau einer Blockhütte durch die Gemeinschaft, sondern vor allem unmittelbar die ganze Grobheit des zusammengezimmerten Frontier-Städtchens und immer wieder die überwältigende Schönheit der Wälder, Flüsse, Seen und Berge Oregons; den spätherbstlichen Indian Summer mit seinen bunten Farben; Wolkenbrüche, die die Straßen in tiefe Schlammlöcher verwandeln; schneebedeckte Berge; die rotglühende Abenddämmerung; von Teichrosen bedeckte Seen, auf die die Sonne durch die Pinien- und Laubwälder fällt.

Canyon Passage: Leben im Grenzland („Frontier“)

In dieser ganzen Schönheit, die einen unweigerlich sofort in ihren Bann zieht, sind der Tod und die Gewalt allgegenwärtig, werden Menschen von ihren Leidenschaften zerstört, getötet, verlieren ihre Liebsten oder ihr ganzes Hab und Gut. Es ist eine gewisse Feinsinnigkeit der Psychologie und auch Melancholie, die Tourneurs Film so einzigartig macht, ihm im Kontrast mit seiner Naturdarstellung seine Rätselhaftigkeit, etwas sehr Geheimnisvolles verleiht. Canyon Passage ist darum eine Seltenheit im Genre, ein schwarz-romantischer Western über die Erhabenheit und die Poesie.

Abschließend sei noch erwähnt, dass die deutsche Veröffentlichung Feuer am Horizont von Koch Media den Film in einem neuen Digitaltransfer und in einer herausragenden Bildqualität präsentiert.

 

Bild-/Tonträger:

Blu-ray/DVD: „Feuer am Horizont“ (Koch Media, 2015), Bild: 16:9-1.37:1, Ton: Deutsch/Englisch.

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