BLACK MAMA, WHITE MAMA (1973) von Eddie Romero

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Black Mama, White Mama (Frauen in Ketten, Eddie Romero, 1973)

“Dort gab es Kobras im Dschungel, Blutegel im Sumpf und Bakterien im Wasser. Das war das reinste Guerilla-Filmemachen! Es war eine große Lernerfahrung und sehr aufregend” – Pam Grier 2011.

 

Rückblickend betrachtet stellt sich Black Mama, White Mama als ein Film des Übergangs dar. Er bezeichent den Übergang Pam Griers von der Exploitation zur Blaxploitation, ebenso wie ihren Wechsel von Roger Cormans “New World Pictures” zur “American International Pictures” (AIP). Roger Corman, der seine politische Haltung selbst einmal als „liberal bis radikal “ beschrieben hat, hatte zu Beginn der siebziger Jahre mit “New World Pictures” und Filmen wie Big Doll House (Jack Hill, 1971) eine neue Exploitation-Erfolgsformel etabliert, Filme, “die aus einer Formel Gestalt annahmen, nach der ich bereits seit einiger Zeit gearbeitet hatte: in der Jetzt-Zeit angesiedelte Geschichten aus einem liberalen bis politisch linken Blickwinkel mit etwas ‘R-rated’-Sex (ab 17) sowie Humor. Aber es sollten keine Komödien sein. Ich bezweifle ganz ehrlich, dass die linke Gesinnung oder Botschaft für den Erfolg der Filme, die wir machen wollten, entscheidend gewesen ist, aber es war für die Filmemacher und für mich selbst wichtig, dass wir mit diesen Filmen auch etwas zu sagen hatten.”

Pam Grier in: Big Doll House (Jack Hill, 1971)

Roger Corman war immer ein Filmemacher und Produzent der Rebellion und des Umbruchs. Bereits sein Poe-Zyklus für die AIP von 1960 bis 1964 lässt sich, wie beinahe sein gesamtes Werk, als ein popkulturelles Phänomen des Untergangs einer alten und der Geburt einer neuen Welt beschreiben. Nun, mit der eigenen Firma “New World Pictures”, produzierte er kommerziell sehr erfolgreich Krankenschwester-Filme wie The Student Nurses (Stephanie Rothman, 1970) und Frauengefängnis-Filme (Woman in Prison-Movies) wie Woman in Cages (Frauen hinter Zuchthausmauern, Gerardo de León, 1971), Big Doll House und The Big Bird Cage (Jack Hill, 1972), die den allgegenwärtigen Sex aber nicht nur ausbeuteten, sondern immer auch von sexueller Befreiung, selbstbestimmten Frauen und der Rebellion gegen den Autoritarismus handelten.

Margaret Markov und Pam Grier in: Black Mama, White Mama

Herausgefordert durch die neue Konkurrenz von Cormans “New World Pictures”, übernahm Samuel Z. Arkoffs AIP diese Erfolgsformel, drehte ebenfalls mit einheimischen Regisseuren wie Eddie Romero (1924-2013) auf den Philippinen und übernahm dabei nicht nur prägnante Schauspieler wie Sid Haig, sondern Pam Grier, die bereits in New Worlds Woman in Cages, Big Doll House und The Big Bird Cage mit ihrer schauspielerischen (und körperlichen) Präsenz herausgeragt hatte, gleich für fünf Jahre unter Vertrag. Aber Black Mama, White Mama wäre kein Exploitation-Film und hätte den Zyklus von Pam Grier’s Soul Cinema der AIP wohl auch nicht gestartet, wenn die Story – von Joseph Viola und dem von Corman geförderten Jonathan Demme geschrieben – sich nicht relativ unverholen bei einem der ersten Filme des anti-rassistischen – wenn auch noch nicht schwarzen – Kinos bedient hätte, bei Stanley Kramers The Defiant Ones (Flucht in Ketten, 1958). Bei Kramer ist es der Schwarze Sidney Poitier, der an den weißen Rassisten Tony Curtis angekettet und gemeinsam mit diesem auf der Flucht ist, in Black Mama, White Mama sind es zwei Frauen, die eine – Lee Daniels (Pam Grier) – will mit geraubten Geld die Insel einfach nur verlassen und ein besseres und selbstbestimmtes Leben, die andere – Karen (Margaret Markov) – will gleich einen gewaltsamen Umsturz, die Revolution.

Black Mama, White Mama

In seiner lesenswerten Besprechung von Black Mama, White Mama auf critic.de fasst Oliver Nöding die Handlung des Films zusammen: “Ein Bus fährt in das Lager, an Bord befinden sich die beiden Protagonistinnen, Lee Daniels, eine Kleinkriminelle und ehemalige Gelegenheitsprostituierte, und Karen, Mitglied einer Gruppe von Rebellen. Der Zuschauer ist nicht von Anfang an bei diesen beiden Frauen, vielmehr kommen sie zu ihm, fahren in sein Blickfeld, als hätte er dort an der Gefängnismauer auf sie gewartet, wissend, dass die spannende Geschichte ihrer ungewöhnlichen Freundschaft hier ihren Anfang nimmt. Im Gefängnis regieren die beiden einander in lesbischer Liebe zugeneigten Wärterinnen Densmore (Lynn Borden) und Logan (Laurie Burton), und Erstere vergreift sich immer wieder auch an ihren Insassinnen. Lee und Karen, auf die sie sogleich ein Auge geworfen hat, verweigern sich ihr jedoch und bekommen deshalb ihre Strafe zu spüren, bevor sie in ein Hochsicherheitsgefängnis gebracht werden.

Black Mama, White Mama

Der Transport gerät in einen von Karens Rebellenfreund Ernesto (Zaldy Zshornack) initiierten Hinterhalt, doch bevor er die beiden Gefangenen befreien kann, müssen sie vor der anrückenden Polizei, angeführt von Captain Cruz (Eddie Garcia), fliehen. Karen und Lee – beide aneinander gekettet – gelingt ihrerseits die Flucht, aber die beiden Streithähne können sich nicht darauf einigen, welchen Weg sie einschlagen: Karen will zu Ernesto, um ihm und seinen Männern bei seinem nicht näher erläuterten Freiheitskampf zu helfen, Lee zu einem Freund, der ein geraubtes Vermögen für sie versteckt hält, um mit diesem die Insel zu verlassen. An die Fersen der beiden heftet sich nicht nur Cruz mit seinen Leuten, sondern auch der Gangsterboss Vic Cheng (Vic Diaz), dem Lee das Geld entwendet hat, sowie der Ganove Ruben (Sid Haig), der wiederum von der Polizei mit dem Angebot eingespannt wird, für seine Hilfe etwas von Chengs Kohle einzustreichen. Am Hafen, in dem Lees Boot in die Freiheit liegt, kommt es zum großen Aufeinandertreffen der Konfliktparteien…”

Black Mama, White Mama

Ironie der Geschichte(n): Schwarze Frauen, die seinerzeit im Black power movement aktiv sein wollten, mussten sich im Wesentlichen darauf beschränken, als Frau eines Black Panther wahrgenommen zu werden oder für diese Telefonanrufe zu beantworten – und Pam Grier arbeitete vor ihrem Vertrag mit der AIP tatsächlich noch in der Telefonzentrale der Firma. Erst Jack Hills Coffy (Coffy – die Raubkatze, 1973) und – mehr noch – Foxy Brown (1974) waren wirkliche Star-Vehikel für Pam Grier, doch bereits mit Black Mama, White Mama begann ihr Herausarbeiten aus dem Klischee, nur sexy Beiwerk und “die Schwarze” im Ensemble zu sein. Eddie Romeros in der Gewalt- und Sexdarstellung recht schamloser Exploitation-Film lässt ihr bereits genügend Raum für das, um was es im Blaxploitation-Kino oder Soul Cinema dann wirklich gehen sollte: nicht um die Ideologien der Weißen, nicht um deren Projektionen von Rassismus und Anti-Rassismus, nicht um Ideale und Sentimentalitäten, sondern um Widerständigkeit und Pragmatismus der Schwarzen, im Falle Pam Griers ganz explizit schwarzer Frauen, um den Widertstand gegen sexuelle Ausbeutung; nicht um ein Ideal der Freiheit, sondern um konkrete Befreiung von den Ketten, dabei immer auch um Würde, Stolz und nicht zuletzt ökonomische Selbstbestimmung und kulturellen Eigensinn: um Empowerment. Und Lee Daniels – Pam Griers Figur in Black Mama, White Mama – überlebt tatsächlich, fährt am Ende mit dem Schiff und dem geraubten Geld in die Freiheit, während ihr weißer Gegenpart Karen mit samt ihren Revolutionären in einem Massaker im Hafen ums Leben kommt.

Pam Griers Nachfolgefilm für die AIP Scream Blacula Scream (Der Schrei des Todes, Bob Kelljan, 1973), das einzige Sequel zu Blacula (William Crain, 1972), war dann bereits ein rein schwarzer Film für ein schwarzes Publikum, mit William Marshall als schwarzem Vampir. Und dies war auch das Besondere dieser beiden Horror-Blaxploitation-Filme der AIP, nicht etwa der lose Bezug auf Bram Stokers Geschichte, wie sich Samuel L. Jackson noch später erinnerte, eben, dass man nun endlich ein eigenes Kino hatte: “Davor mussten wir Schwarzen uns immer mit Helden identifizieren, die Weiße waren.”

Black Mama, White Mama

Auch dieser Zeit Pam Griers in den “Woman in Prison”-Filmen erweist Quentin Tarantino in Jackie Brown (1997) seine Referenz. Als “Jackie Brown” hierin in den Knast gesteckt wird – zuvor dem von Sid Haig gespielten Richter vorgeführt -, läuft dazu das Titelstück von Jack Hills Big Doll House “Long Time Woman”, gesungen von Pam Grier. Und so schließt Tarantino hiermit wiederum einen Kreis filmischer, musikalischer wie realer Bezüge des Soul Cinema, denn noch während ihrer Studentenzeit an der UCLA hatte sie Background u.a. für Bobby Womack gesungen, und dessen Titelstück aus dem gleichnamigen Blaxploitation-Film Across 110th Street (Barry Shear, 1972) wiederum, machte Tarantino dann zum Titel- und Endstück von Jackie Brown – und zugleich zur Funk’n’Soul-Begleitmusik seiner ikonenhaften Inszenierung der “Long Time Woman” Pam Grier.

 

Bild-/Tonträger:

DVD: “Frauen in Ketten” (MGM, 2003), Bild: 16:9-1.85:1, Ton: Deutsch/Englisch/Französisch.

Soundtrack-CD: Harry Betts/Jack Conrad: “Soul Cinema: Black Mama, White Mama/The Monkey Hustle” (Beyond/MGM Records, 2001).

Pam Grier’s Woman in Prison-Filme der New World Pictures auf DVD und Blu-ray:

 

DVD: „The Grindhouse Collection – Special Edition No. 3: Frauen hinter Zuchthausmauern“ (Subkultur Entertainment, 2011), Bild: 16:9-1.85.1, Ton: Deutsch/Englisch. Blu-ray: „The Woman in Cages-Collection: The Big Bird Cage/Big Doll House/Women in Cages” (Shout! Factory, 2011 [USA: NTSC]), Bild: verschiedene Formate, Ton: Englisch.

Pam Grier’s Soul Cinema der AIP auf Blu-ray:

 

Coffy“, “Black Mama, White Mama“, “Foxy Brown” sowie “Sheba, Baby” sind sämtlich in Großbritannien bei Arrow Video in guten bis hervorragenden Editionen auf Blu-ray erschienen, “Friday Foster” in Großbritannien bei 88 Films, “Scream, Blacula, Scream” ebenfalls dort bei Eureka Entertainment.

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