BIG DOLL HOUSE (1971) von Jack Hill

Big Doll House (Jack Hill, 1971)

In der 1998 bei Metzler erschienenen „Geschichte des internationalen Films“ heißt es kurz und knapp: „Es gibt im Hollywood der 70er und 80er Jahre kaum einen Filmschaffenden, der seine ersten kommerziellen Arbeiten nicht unter der Obhut Roger Cormans realisierte.“ Die Liste der Regisseure, Autoren und Produzenten, die Roger Corman ihre ersten Arbeiten zu verdanken haben, liest sich in der Tat beeindruckend: Allan Arkush, Peter Bogdanovich, Barbara Peeters, James Cameron, Barbara Boyle, Francis Ford Coppola, Joe Dante, Stephanie Rothman, Jonathan Demme, Monte Hellman, Jack Hill, Dennis Hopper, Ron Howard, Gale Ann Hurd, Martin Scorsese, Jonathan Kaplan, Frances Doel, Robert Towne, etc. Jack Hill ist in dieser Riege die absolute Ausnahme, der einzige – vielleicht mit Ausnahme von Barbara Peeters -, der seine Karriere als Regisseur kommerziell erfolgreicher Exploitation-Filme bei Corman begonnen und ebenso wieder beendet hat.

Hill drehte mit Big Doll House einen der ersten Kassen-Hits für Cormans “New World Pictures” und mit Sorceress (Die Mächte des Lichts, “Brian Stuart”, 1982) ebenso einen der letzten, beendete hiernach seine Karriere als Regisseur und ging mit Corman im Streit auseinander. Cormans Produzenten-Credo der Förderung junger Talente (“Für mich das Geld, für Dich die Karriere”), es schien ausgerechnet bei Jack Hill nicht aufzugehen. Obwohl das Schwert und Sandalen-Epos Sorceress tatsächlich noch einer der letzten kommerziellen Erfolge von Cormans “New World Pictures” wurde – der Film spielte mit $4 Millionen das Vierfache seines Budgets ein -, brach Corman hierbei sein gewohntes Versprechen, den Regisseur den bestmöglichen Film auch unter schwierigsten Produktionsbedingungen machen zu lassen. Wegen des aufkommenden Video-Marktes und des Kollaps der Drive-In-Kinos erheblich unter finanziellen Druck geraten (1983 verkaufte Corman die Firma dann auch für $16,5 Millionen an die Hollywood-Anwälte Larry Kupin, Harry E. Sloan und Larry A. Thompson), ließ Corman den Film in Panik um eine halbe Stunde zusammenschneiden, mit kostengünstiger, amateurhafter Musik und mit nicht weniger amateurhaften Overdubs versehen. Da auch die Special Effects bei weitem nicht die von Corman zugesagte Qualität erreichten, zog Jack Hill seinen Namen von Sorceress – einer der allerersten Filme, der vom Erfolg von Conan the Barbarian (Conan der Barbar, John Milius, 1982) profitierte – zurück und ließ ihn durch das Pseudonym “Brian Stuart” ersetzen.

Sorceress (Die Mächte des Lichts, “Brian Stuart”, 1982)

Wie Sorceress unter günstigeren Umständen geworden wäre, lässt sich naturgemäß nicht sagen – die in der Tat katastrophalen Production Values machen den Film bestenfalls zu einer Skurrilität -, jedenfalls blieb Jack Hill zumindest bei der Story seiner Sichtweise eines Female sexual empowerment treu und machte aus der Helden-Rolle Arnold Schwarzeneggers in Conan the Barbarian gleich zwei Frauenrollen, gespielt von den Zwillingen Leigh und Lynette Harris (die zuvor gleich zweimal im “Playboy” waren).

Das Ende von Jack Hills Karriere hätte jedenfalls nicht enttäuschender ausfallen können. Darüber, warum er es im Gegensatz zu so vielen anderen Corman-Schülern nicht zu höher budgetierten Filmen und größerem Erfolg geschafft hat, hat Jack Hill selbst eine Theorie: “In Gedanken hatte ich immer einen Verdacht: Den Anderen, die für ihn Regie geführt haben, hat er immer auch Stars zur Verfügung gestellt, für mich hat er dies jedoch nie getan. Der Verdacht kam mir nach Big Doll House, dass er entweder glaubte, ich sei gut genug, um einen Film auch ohne Stars zum Erfolg zu führen, oder dass er einfach Angst hatte. Ich hatte immer den Verdacht, dass es so etwas wie Eifersucht gewesen ist, dass er zwar wollte, dass ich Erfolg hatte, doch eben nicht zuviel. Das ist mein Verdacht, aber vielleicht ist es auch nur Einbildung. Ich weiß es nicht.”

Big Doll House: Pam Grier und Kathryn Loder

Big Doll House jedenfalls garantierte den kommerziell erfolgreichen Start von Roger Cormans neuer eigener Produktionsfirma “New World Pictures” zusammen mit The Student Nurses (Stephanie Rothman, 1970) im Alleingang. Während The Student Nurses nach Cormans eigenen Angaben in drei Wochen für $150.000 gedreht wurde, entstand Big Doll House – für den Corman Jack Hill einsetzte, nachdem Rothman abgelehnt hatte – auf den Philippinen für $125.000 und spielte nach dem Branchenblatt “Boxoffice” nicht weniger als $10 Millionen (inkl. Auslandsvermarktung) ein. Big Doll House begründete, obwohl nicht der erste Woman in Prison-Film in dieser Periode – Jess Francos 99 Women (Der heiße Tod) mit Maria Schell und Herbert Lom entstand bereits 1969 und bewies, dass es einen Markt für solche Filme gab -, das gesamte Genre und einen ganzen Zyklus von Filmen, von Jack Hills eigenem Sequel The Big Bird Cage (1972), bis hin zu Filmen wie Caged Heat (Das Zuchthaus der verlorenen Mädchen, Jonathan Demme, 1974) oder Ilsa, She Wolf of the SS (Die Hündin von Liebeslager 7, Don Edmonds, 1974).

Ähnlich wie Stephanie Rothman mit The Student Nurses für den Nurseploitation-Film, so definierte auch Jack Hill mit Big Doll House für den Woman in Prison-Film dabei die Formeln des Genres, das in der Folge, gemäß den ungeschriebenen Gesetzen des Exploitation-Films, von Film zu Film in der Sex- und Gewaltdarstellung expliziter, voyeuristischer und zugleich formelhafter wurde. Jack Hills Film selbst allerdings verweigert sich dem voyeristischen Blick, zeigt uns Sex und Gewalt stets über das Empfinden und aus der Sicht der Charaktere vermittelt, deutet dabei erstaunlich viel nur an, und bereits mit dem darauffolgenden The Big Bird Cage bricht der Regisseur die eigene Exploitation-Formel dann endgültig vollständig auf und betreibt ein anarchisch-humorvolles Spiel mit Genre-Klischees, die er sämtlich in ihr eigenes Gegenteil verkehrt. Hills Inszenierung folgt dabei genau den Regeln, die sein Mentor Roger Corman seinen jungen Regisseuren immer nahegebracht hat, wie Jonathan Kaplan erzählt: “Frage dich immer, wenn du dich einer Szene annähern willst: Wessen Standpunkt soll die Szene vermitteln? Über wen handelt die Szene? Welche Charaktere sind von dieser Szene berührt? In wessen Kopf willst du, dass darin der Zuschauer seinen Platz einnimmt?… Die Art und Weise, in der ein Charakter die Welt sieht, ist auch die Art und Weise, in der der Zuschauer die Welt sieht.”

Big Doll House: Judith Brown

Zur Handlung: In irgendeinem nicht näher bestimmten Dritte-Welt-Land wird die hübsche Collier (Judith Brown) wegen des Mordes an ihrem Mann zu 99 Jahren Haft verurteilt und in ein Frauengefängnis eingeliefert. Ihre kleine Zelle muss sie mit fünf anderen Frauen teilen: der ordinären Blondine Alcott (Roberta Collins), der brutalen Bodine (Pat Woodell), der schwarzen Lesbierin Grear (Pam Grier), der heroinabhängigen Harrad (Brooke Mills) und der verschlossenen Ferina (Gina Stuart). Es gibt eine Hierarchie unter den Insassinnen und gleich zu Beginn wird Collier von Grear als neue Sexpartnerin auserwählt: “Ich kann Dich beschützten.” “Nun bist Du einfach nur noch Besitz. Wie fühlt sich das an?” so kommentiert eines der Mädchen später. Das Gefängnis wird von der sadistischen Lucian (Kathryn Loder) geleitet, die für Unruhestifterinnen Schläge austeilen lässt, während eine geheimnisvolle, maskierte Figur in einem Thronsessel ihre Sadismen beobachtet und sich daran zu ergötzen scheint. Zu den Foltermethoden Lucians zählen u.a. auch elektrische Folter und Waterboarding. In einem irritierend Moment zeigt Jack Hill graue Asche aus dem Schornstein eines Krematoriums aufsteigen, in dem die toten Gefangenen verbrannt werden.

Big Doll House: Sid Haig und Pam Grier

Nachdem es zu zahlreichen Konflikten von Collier mit ihren Zellennachbarinnen gekommen ist, fassen Alcott und Bodine den Plan, zu fliehen. Collier und Ferina schließen sich dem Plan an, ebenfalls unterstützt von Grear, die allerdings kurz darauf von ihrer Freundin Harrad im Drogenrausch umgebracht wird. Unterstützung erhalten sie dabei von Harry (Sid Haig) und Fred (Jerry Franks), zwei Männern, die das Gefängnis beliefern und die sie mit sexuellen Avancen auf ihre Seite ziehen. Fred wird dabei sogar von Alcott dominiert und mit einem Messer bedroht: “Bringe ihn hoch, oder ich schneide ihn ab!” Ferina, Alcott und Bodine gelingt schließlich die Flucht aus einer Sauna, sie nehmen an Lucian Rache, besorgen sich Waffen und sammeln bei der nun folgenden Hetzjagd neben Harry und Fred noch den sympathischen Gefängnisarzt Dr. Phillips (Jack Davis) und die Aufseherin Miss Dietrich (Christiane Schmidtmer) ein, die sich als der geheimnisvolle Voyeur entpuppt. Die als wilde Camp-Fantasie inszenierte Schießerei der Fliehenden mit ihren Verfolgern im Dschungel überlebt nur Collier, die abschließend von einem Mann im Jeep mitgenommen wird – tatsächlich ist es Jack Hill, der Regisseur des Films, der seine Hauptdarstellerin Judith Brown aus seiner Fantasie zurückholt.

Big Doll House: Roberta Collins

Wie beinahe immer bei Jack Hill, so ist es auch hier die Zusammenarbeit mit seinen Schauspielerinnen, die dem Film eine Überzeugungskraft verleiht, die weit mehr aus ihm macht, als nur eine Camp-Fantasie oder einen Exploitation-Film. Ob Pam Grier, Judith Brown, Anitra Ford, Robbie Lee oder Joanne Nail – über keinen anderen Exploitation-Regisseur äußern sich derart viele Schauspielerinnen bis heute noch derart positiv. Mit Big Doll House entdeckte Jack Hill nicht nur Pam Grier, die hier mit ihrer überwältigenden Präsenz bereits herausragt, auch für die charismatische Roberta Collins begann hiermit eine – leider nur kurze – Karriere für Cormans “New World Pictures”, von Woman in Cages (Frauen hinter Zuchthausmauern, Gerardo de León, 1971), über Caged Heat, bis zu Death Race 2000 (Frankensteins Todesrennen, Paul Bartel, 1975). Die New Yorker Theater-Schauspielerin Kathryn Loder wird Jack Hill dann wieder in Foxy Brown (1974) die Rolle der Schurkin spielen lassen.

Calum Waddell, ein aus Schottland stammender Filmjournalist (u.a. für “Fangoria”), der 2009 bei McFarland mit “Jack Hill – The Exploitation and Blaxploitation Master, Film by Film” das erste und bisher einzige Buch über Hill veröffentlicht hat, versäumt es hierin leider, tiefer in das Werk des Regisseurs und Autors einzudringen. Sein Ansatz, Szenen und Motive, gar einzelne Dialogzeilen aus Hills Filmen kontextlos nach Vorstellungen einer als absolut und notwendig gesetzten political correctness zu befragen, verfehlt sowohl die bei Hill stets anwesende ironische Gebrochenheit, wie auch die narrativen Zusammenhänge, den Zeit-Kontext sowie die immer wieder durchscheinende Selbstreflexivität und Meta-Perspektive – als ob ein Film nur aus einer zusammenhangslosen Ansammlung von erforderlichen Nachweisen für eine moralisch einwandfreie Haltung bestünde!

Big Doll House

Jack Hills Big Doll House ist aber tatsächlich ein für seine Zeit bereits erstaunlich frei inszenierter Film mit gleich mehreren Brüchen, ebenso mit sehr real und ernst wirkenden Verweisen auf die Folterpraktiken und Greuel der Lager im 20. Jahrhundert, wie auch eine wilde Camp-Fantasie von Frauen, die sich von ihrem eigenen Begehren leiten lassen, rebellieren und bewaffnet die Macht an sich reißen; Chicks’n’Guns, wie man sie über zwei Jahrzehnte später erst wieder bei Quentin Tarantino sehen sollte – das von Pam Grier gesungene Titelstück von Big Doll House “Long Time Woman”, wird Tarantino dann auch in seinem Jackie Brown (1997) verwenden. Und um dem voyeristischen Zuschauer gleich noch den Spiegel vorzuhalten, setzt Hill diesem bei den Folterszenen gleich noch einen weiteren anonymen Voyeur vor die Nase und zwingt ihn hiermit geradezu, seinen eigenen heimlichen und beherrschenden Blick zu reflektieren. Big Doll House ist ein Film über die Ausbeutung (“Exploitation”) und den Voyerismus, zugleich ein Film über das feminine Begehren, das Empowerment und die Rebellion.

Swamp Women (Roger Corman, 1956) / Teenage Doll (Roger Corman, 1957)

Gerade hiermit erwies sich Jack Hill als der wirkliche – und wahrscheinlich auch einzige – Schüler und Nachfolger Roger Cormans als Regisseur, über den er einmal sagte: “Roger ist tatsächlich ein sehr talentierter Mann. Er war einmal ein sehr guter Regisseur. Sein größter Feind dabei war er selbst als Produzent.” Hills Theorie der “Eifersucht” Cormans erscheint so nicht ganz unbegründet, zumal Hill mit seinem Kino des Female Empowerment ab Big Doll House nicht nur die Exploitation-Formel Cormans am kommerziell erfolgreichsten umsetzte, sondern auch, weil Hills Filme fast schon wie ein Wiederaufgreifen und dabei auch eine Weiterentwicklung von Cormans eigenen Frauenfilmen aus den 50er Jahren erscheinen, insbesondere von Swamp Women (Vier Frauen im Sumpf, Roger Corman, 1956) und Teenage Doll (Roger Corman, 1957), beide interessanterweise für Cormans erste eigene Produktionsfirma “Filmgroup” von dem Kinokettenbesitzer Lawrence Woolner finanziert, nun der erste Geschäftspartner Cormans bei “New World Pictures”.

 

Bild-/Tonträger:


Blu-ray: “The Woman in Cages-Collection: The Big Bird Cage/Big Doll House/Women in Cages” (Shout! Factory, 2011 [USA: NTSC]), Bild: 16:9 – 1.85:1, Ton: Englisch. Extras: u.a. Dokumentation “From Manila With Love”; Audiokommentare von Jack Hill zu “Big Doll House” und “The Big Bird Cage”. Blu-ray: “Die Mächte des Lichts” (WGF/Schröder Media, 2017), Bild: 16:9 – 1.78:1, Ton: Deutsch/Englisch.

Soundtrack-CD: Pam Grier: “Long Time Woman”, in:  “Jackie Brown – Music from the Miramax Motion Picture” (Maverick/A Band Apart, 1997).